Investieren in Lviv
Land: Ukraine
Interview mit Andriy Sadovyy, Bürgermeister von Lviv / Von Gunnar Erth Wer sich für eine Investition in die Ukraine interessiert, schaut sich meistens zwei Städte an: die Hauptstadt Kiew und das galizische Lviv in der Westukraine, das als Lemberg den östlichste Außenposten der KuK-Monarchie bildete. Die österreichisch geprägte Mentalität und die Nähe zu den Märkten Westeuropas machen diese Region für Investoren attraktiv. "Wir haben eine Führungsrolle, dank der Nähe zur EU und dem wissenschaftlichen und technischen Potenzial der Stadt", betont Andriy Sadovyy, Bürgermeister von Lviv, im Interview mit den "Nachrichten für Außenhandel".
Dow Jones: Wie groß ist das Interesse ausländischer Investoren an Lviv und der Umgebung?
Andriy Sadovyy: Seit der Erweiterung der EU ist Lviv nur nur 80 km von der EU-Grenze entfernt. Und damit ist schon viel gesagt. Das Interesse von Inverstoren an Lviv ist erheblich gestiegen. Wir haben allen Investoren mitgeteilt, dass wir die Einbeziehung von Investitionen als Priorität betrachten.
Dow Jones: Wer sind die größten Investoren in Lviv und Umgebung?
Andriy Sadovyy: Unter den bedeutendsten Investoren kann man Metro Cash & Carry, Leoni, Nestle, Reiffeisenbank Ukraine, Baltic Beverages Group, Microsoft, Nokia und ABD Capital hervorheben. Zusammen haben alle Investoren etwa 300 Mio USD in unsere Stadt gerbracht.
Dow Jones: Warum sollten ausländische Unternehmen in Lviv investieren? What sind die größten Vorzüge?
Andriy Sadovyy: Es gibt vieles woran die Investoren interessiert sind. Das sind unter anderem neue Möglichkeiten und Märkte, Arbeitskräfte, die sich leicht an die Marktbedürfnisse anpassen, innovative Unternehmen, die Entwicklung finanzieller Dienstleistungen, internationale Förderungsprogramme, eine günstige Produktionsbasis und ein reiches Ressourcenpotenzial. Ein wichtiges Argument ist, dass den Investoren zusätzliche Garantien geleistet werden. Ich stelle die bedeutendsten Inverstoren unter meine persönliche Aufsicht. Sie sollen sich in Lviv so wohl wie möglich fühlen. Die Gelder werden haupsächlich in Bereiche wie Pharmakologie, Leichtindustrie, Nahrungsmittelindustrie, Holzverarbeitung, Tourismus, sowie den Bau von Wohnungen, Hotels und Büros einerseits und die Errichtung von Einkaufszentren und Vergnügungskomplexen investiert. Sehr rasch entwickelt sich insbesondere der Tourismus. Jedes Jahr steigt die Anzahl der Hotelbetten um 20%.
Dow Jones: Bieten Sie Steuernachlässe oder andere Vorteile?
Andriy Sadovyy: Laut unserer Gesetzgebung hat die Stadtverwaltung das Entscheidungsrecht, Vergünstigungen bei lokalen Steuern und Abgaben zu gewähren. Das Exekutivkomitee unserer Stadtverwaltung ist bevollmächtigt, die einmalige Gebühr für die Entwicklung der sozialen Infrastruktur der Stadt zu erlassen. Dies gilt auch für Investoren.
Dow Jones: Was sind die Schwächen des Standorts Lviv? Wie wollen Sie diese beheben?
Andriy Sadovyy: Die häufigsten Schwierigkeiten, auf welche die Investoren stoßen, sind mit dem Steuersystem, dem Mangel eines klaren und transparenten Systems der Übergabe von Eigentum an Pächter und natürlich mit der Bürokratie verbunden. Wir wollen ein neues Besteuerungssystem entwickeln und die Erteilung von Genehmigungen vereinfachen.
Dow Jones: Betrachten Sie Lviv als attraktivsten Investitionsstandort der Ukraine? Welche anderen Städte sind die schärfsten Konkurrenten?
Andriy Sadovyy: Lviv ist ohne Zweifel eine der wichtigsten Städten der Ukraine für Investitionen. Wir haben eine Führungsrolle, dank der Nähe zur EU und dem wissenschaftlichen und technischen Potenzial der Stadt. Außer Lviv können in der Ukraine die Hauptstadt Kiew und die Industriestädte der Ostukraine hervorgehoben werden, auf Grund der starken Stellung der Metallverarbeitung.
Dow Jones: Welche Industriezweige haben in Lviv eine starke Tradition?
Andriy Sadovyy: Die Stadt war schon immer dank solcher Bereiche wie dem Maschinenbau, der Pharmakologie, der Nahrungsmittelindustrie mitsamt einer Brauerei und Likörfabrik, der Leichtindustrie, der Holzverarbeitung sowie der Zellstoff- und Papierindustrie. Früher lieferte Lviv Pralinen, Busse und Fernseher in die ganze Sowjetunion. Heutzutage sind diese Leistungen geringer, aber die Basis blieb und die Produktion lebt allmählich wieder auf.
Dow Jones: Wie hoch ist die Arbeitslosigkeit? Was verdient ein Facharbeiter? Wie hoch sind die Unternehmenssteuern?
Andriy Sadovyy: Am 1. Juli 2006 warem 4003 arbeitssuchende Personen registriert, das entspricht einer Arbeitslosenquote von 3%. Das durchschnittliche Bruttogehalt beträgt 174 USD. Die Abgaben betragen 20 bis 35% vom Umsatz und beinhalten solche Steuern wie die Mehrwertsteuer, Akzise, Einkommensteuer und die so genannte einheitliche Steuer.
Dow Jones: Gbt es genug verfügbare Facharbeiter und Ingenieure? Besitzt Lviv eine technische Universität?
Andriy Sadovyy: Lviv ist eines der Ausbildungszentren der Ukraine. In der Stadt gibt es etwa 40 Hochschulen, der größte Schwerpunkt ist die Technik. Unsere Nationale Polytechnische Universität ist eine der ältesten Universitäten in Mitteleuropa. In der Stadt gibt es 160.000 Studenten.
Dow Jones: Wie gut ist die Verkehrsanbindung an Westeuropa? Wann wird die Autobahn die Stadt erreichen?
Andriy Sadovyy: Die Stadt ist über die Straßen A3 und A5, die in Richtung Berlin und Triest führen, mit Westeuropa verbunden. Die Straße nach Südeuropa ist praktisch vollig renoviert und entspricht allen europäischen Normen. Eine Autostraße von Lviv zur polnischen Grenze wartet auf Investoren. Wir wollen sie in Kozession vergeben. Unser Bahnhof liegt im Kreuzungspunkt von neun Richtungen, durch Lviv verlaufen alle Eisenbahnstraßen aus West- und Südeuropa nach Osteuropa.
Dow Jones: Produzieren die in Lviv ansässigen Firmen hauptsäclich für den heimischen Markt? Welche Rolle spielen Exporte?
Andriy Sadovyy: Generell sind die Unternehmen exportorientiert. Die Leichtindustrie, die holzverarbeitende Industrie sowie die Erzeugnisse unserer Brauerei und Likörfabrik werden nach West- und Mitteleuropa sowie auf dem ukrainischen Markt verkauft.
Dow Jones: Viele Investoren in Osteuropa beklagen die Bürokratie. Bieten Sie Unternehmen einen One-Stop-Shop? Wie lange dauert es, eine Firma zu gründen?
Andriy Sadovyy: Die Bürokratie ist das Problem jedes Landes. Die Last der Sowjetbürokratie bleibt noch, es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis sich das ändert. Unsere Fachleute hospitieren an verschiedenen Orten im Westen und lernen einen neuen Arbeitsstil kennen. Wir optimieren zudem den Vorgang der Existenzgründung. Früher brauchte man dafür etwa drei Monate, heute kann man ein Unternehmen in zwei Wochen gründen.
Dow Jones: Korruption ist ein weiteres Problem dieser Region. Auch in Lviv?
Andriy Sadovyy: Gestern habe ich einen leitenden Beamten entlassen, der bei der Korruption erwischt wurde. Ich glaube, die Beamten sind sich bewusst, dass die Zeit der Gesetzlosigkeit vorbei ist. Außerdem verstehen die neuen Leute, die an die Macht kommen, dass man viel mehr mit dem Kopf als mit schmutzigen Händen erreichen kann.
Dow Jones: Für Investoren ist es sehr wichtig zu sehen, dass die Wirtschaftspolitik des Landes stabil ist. In der Ukraine war dies in den vergangenen Jahren nicht immer der Fall. Hat dies der Entwicklung dem wirtschaftlichen Aufschwung geschadet?
Andriy Sadovyy: Die Ukraine ist ein junges Land. Wenn wir die vergangenen politischen Ereignisse ansehen, ist die wirtschaftliche Instabilität spürbar. Häufige Machtwrchsel und politische Missverständnisse verbessern die Situation nicht. Wir wollen in Lviv die Möglichkeiten der Sebstverwaltung maximal ausnutzen, um von den Ereignisse auf Regierungsebene nicht abhängig zu sein. Die Ereignisse der letzten zwei Jahre hatten keinen negativen Einfluß auf die wirtschaftliche Lage in Lviv. Ganz im Gegenteil, der administrative und repressive Druck von manchen zentralen Organen hat abgenommen. Dies gilt auch für die Geschäftssphäre.
Dow Jones: Es heißt, dass Lviv eine großartige Vergangenheit hat. Es gilt nicht nur als Kulturstasdt, sondern habe auch eine Arbeitsmentalität, die mehr mittel- als osteuropäisch geprägt ist. Stimmt dies oder handelt es sich um eine Legende?
Andriy Sadovyy: Lviv ist eine Stadt mit 750-jähriger Geschichte. Zusammen mit den Ukrainern haben Polen, Deutschen, Armenier und Österreicher seine Geschichte gestaltet. Das hat die Weltanschauung der Bürger geprägt. Ich erzähle Ihnen eine Legende. Auf einem Bahnsteig des Bahnhofs von Lviv treffen sich zwei Züge, einer aus Paris, der andere aus Moskau. Die Fahrgäste des Pariser Zugs schauen aus dem Fenster und sagen: "Oh, endlich sind wir im Osten". Die Moskauer schauen auch aus dem Fenster und sagen: "Oh, endlich sind wir im Westen."
Quelle: Nachrichten für Außenhandel,Dow Jones News GmbH, 9.11.06

