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Investitionsklima in Polen vom 06.04.2019

Land: Polen


Inhalt

Steueranreize für neue Engagements / Von Niklas Becker (April 2019)

Warschau (GTAI) - Polens Investitionsagentur verzeichnete 2018 ein Rekordjahr. Investoren schätzen die qualifizierten Arbeitnehmer. Die Ausweitung der Sonderwirtschaftszonen soll neue Anreize schaffen.

Perspektiven für ausländische Direktinvestitionen

Mit 38 Millionen Einwohnern ist Polen das größte Mitgliedsland der Europäischen Union (EU) in Mittelosteuropa. Fast 40 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) der Region werden dort erwirtschaftet. Zudem gehörte das Land 2018 mit 5,1 Prozent zu den am schnellsten wachsenden EU-Wirtschaften. In den kommenden Jahren soll die Dynamik etwas abnehmen, aber weiterhin deutlich über dem EU-Durchschnitt liegen. Näheres dazu erfahren Sie aus unserer Reihe Wirtschaftsausblick Polen unter: www.gtai.de/MKT201811308002.

Neben dem großen Binnenmarkt und der breit aufgestellten Zulieferbasis zieht das Land auch mit seiner zentralen Lage sowie gut ausgebildeten und engagierten Arbeitskräften ausländische Investoren an. Andererseits gestaltet sich die Fachkräftesuche zunehmend schwierig und die häufigen Gesetzesänderungen erschweren die Langzeitplanung. Eine ausführlichere Analyse der Stärken und Schwächen des Marktes enthält unsere Publikation SWOT-Analyse Polen, abrufbar unter: www.gtai.de/MKT201812048001.

Mietpreisentwicklung in Polen *)

Indikator 2016 2017 2018
Miete jeweils für Büroraum in der Hauptstadt (in Euro pro qm)
.Klasse A 23,50 23,75 23,75
.Klasse B 14,50 14,75 14,50

*) marktüblich: Zahlung am Monatsanfang in Euro oder Zloty; Fünfjahresvertrag; Indexierung nach HCPI; Anteil an der Instandhaltung des Gebäudes in Zloty; Kaution in Höhe von drei Monatsmieten

Quelle: Cushman & Wakefield

Zukunftstrends: Elektromobilität und Investoren aus Asien gewinnen an Bedeutung

Im Jahr 2017 verzeichnete die Polnische Nationalbank einen geringen Zufluss an ausländischen Direktinvestitionen. Wie das Institut berichtet, ist dies unter anderem auf Desinvestitionen (Verkauf von Unternehmensanteilen durch ausländische an inländische Investoren) zurückzuführen. So hatte im Berichtsjahr beispielsweise die staatliche Versicherungsgesellschaft PZU die Bank Pekao von der italienischen UniCredit übernommen. Zudem haben polnische Unternehmen ihre Schulden gegenüber ausländischen Investoren reduziert, was sich ebenfalls negativ auf den Nettozufluss ausländischer Direktinvestitionen auswirkt.

Piotr Kalisz, Chefvolkswirt der Citi Handlowy Bank, sieht weitere Gründe für den Rückgang. Kalisz hat beobachtet, dass Polen in den Augen ausländischer Investoren seit etwa zwei Jahren nicht mehr ganz oben auf der Liste der beliebtesten Investitionsstandorte steht. Zugleich weist er darauf hin, dass nicht nur Polen, sondern auch viele andere Länder in der Region an Attraktivität für ausländische Investoren verlieren. Ein entscheidender Grund hierfür ist seiner Einschätzung nach der zunehmende Mangel an Arbeitskräften in Mitteleuropa.

Nach Angaben der Polnischen Agentur für Investitionen und Handel (Polska Agencja Handlu i Inwestycji; PAIH) kann von einem Rückgang der ausländischen Investitionen 2018 allerdings keine Rede sein: Die staatliche Investitionsagentur verzeichnete das erfolgreichste Jahr ihrer Geschichte: 2018 betreute sie 70 Projekte mit einem Gesamtinvestitionswert von 2,1 Milliarden Euro.

Mit rund 950 Millionen Euro floss 2018 fast die Hälfte der ausländischen Direktinvestitionen der betreuten PAIH Projekte in die Automobilbranche, die traditionell Schwerpunkt ihrer Arbeit ist. Gleichzeitig nimmt der Bereich der Elektromobilität einen zunehmenden Stellenwert ein. Jeder vierte von ausländischen Investoren neu in Polen investierte Euro stammt aus diesem Bereich. Gemessen an der Zahl der geschaffenen Arbeitsplätze gehört die Sparte Business Services zu den größten Investorenbranchen in Polen: Im Jahr 2018 entfiel mehr als ein Viertel aller durch ausländische Investitionen neu geschaffenen Arbeitsplätze auf diese Branche.

Der Großteil der Projekte kam dabei aus den USA. Zudem zeigten Deutschland, Frankreich und Belgien großes Interesse am Investitionsstandort Polen. Aber auch Länder aus Asien investieren zunehmend. Anfang 2019 hatte die PAIH 175 weitere potenzielle Investitionsprojekte mit einer Gesamtinvestitionssumme von 6,7 Milliarden Euro in ihrem Portfolio. Neben den USA und Deutschland stammen dabei auch eine Reihe von Projekten aus China.

Entwicklung ausländischer Direktinvestitionen Polen

Indikator 2015 2016 2017
Kumulierter Bestand (in Mio. Euro) 170.257 178.294 199.053
Nettotransfers (in Mio. Euro) 13.758 14.181 8.148

Quelle: Polnische Nationalbank (NBP)

Deutsche Direktinvestitionen in Polen

Indikator 2015 2016 2017
Kumulierter Bestand (in Mio. Euro) 29.187 29.303
Nettotransfers (in Mio. Euro) 2.046 3.122

Quelle: Deutsche Bundesbank

Größte deutsche Investoren in Polen (gemessen am Umsatz 2017)

Unternehmen Branche
Volkswagen Group Kfz-Produktion
Lidl Einzelhandel
Kaufland Einzelhandel
Rossmann Einzelhandel
Metro AG Einzel- und Großhandel

Quelle: "Lista 2000 2018", Rzeczpospolita (Liste der 2.000 größten Unternehmen in Polen)

Fördermaßnahmen

Die polnische Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, die Wirtschaft Polens innovativer zu gestalten. Der langfristige Wirtschaftsplan für eine verantwortungsvolle Entwicklung, umgangssprachlich auch Morawiecki Plan genannt, soll Polen aus der vermeintlichen mittleren Einkommensfalle ("middle income trap") befreien. So legt die Regierung auch bei ausländischen Investitionen großen Wert auf Innovation, diese soll künftig stärker gefördert werden.

Ende Juni 2018 trat das Gesetz über die Förderung neuer Investitionen in Polen in Kraft (im Originallaut abrufbar unter: orka.sejm.gov.pl/proc8.nsf/ustawy/2307_u.htm). Es ermöglicht, im ganzen Land Nachlässe bei der Körperschaftsteuer zu beantragen. Zuvor war dies nur bei einer Ansiedlung in den 14 Sonderwirtschaftszonen (SWZ) möglich.

Für die Förderung können sich nicht nur Greenfield-Projekte qualifizieren, sondern auch Vorhaben zum Ausbau bestehender Kapazitäten, Diversifizierung des Produktportfolios sowie grundlegender Veränderungen des Produktionsprozesses in bestehenden Unternehmen. Eine Ausnahme bildet die Hauptstadtregion Masowien, wo ausschließlich der Aufbau neuer Strukturen unterstützt wird.

Mit der regionalen Ausweitung der Förderung gehen jedoch verschärfte Vergabekriterien einher. Zukünftig muss jedes Vorhaben sowohl quantitative als auch qualitative Voraussetzungen erfüllen. Allen voran müssen die geplanten Ausgaben eine Mindesthöhe erreichen, die je nach Unternehmensgröße, der Lage des ausgewählten Standorts sowie der Tätigkeitsart variieren kann.

Mindesthöhen der qualifizierten Investitionsausgaben (in Mio. Zloty)

Verhältnis der regionalen Arbeitslosenquote zum landesweiten Durchschnitt Großunternehmen; Produktion *) Mittelstand *) Kleinunternehmen *) Mikrofirmen *) Business Shared Services oder FuE
Bis 60% 100,0 20,0 5,0 2,0 5,0
60,1% bis 100% 80,0 16,0 4,0 1,6 4,0
100,1% bis 130% 60,0 12,0 3,0 1,2 3,0
130,1% bis 160% 40,0 8,0 2,0 0,8 2,0
160,1% bis 200% 20,0 4,0 1,0 0,4 1,0
200,1% bis 250% 15,0 3,0 0,75 0,3 0,75
Über 250% 10,0 2,0 0,5 0,2 0,5

*) gemäß "Empfehlung der Kommission - die Definition der Kleinstunternehmen sowie der kleinen und mittleren Unternehmen" (eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/)

Quelle: Verordnung vom 28. August 2018 über die den Unternehmern zu gewährende öffentliche Hilfe für die Umsetzung neuer Investitionen

Zusätzlich zu den Mindestausgaben muss die geplante Investition auch qualitative Kriterien erfüllen. Insgesamt werden zehn Kriterien berücksichtigt wie zum Beispiel die Schaffung spezialisierter und stabiler Arbeitsplätze, hoher Exportanteil, Durchführung von Forschungs- und Entwicklungsarbeiten, Unterstützung von Clustern, Zusammenarbeit mit Schulen und Weiterbildungsmöglichkeiten für Angestellte. Auch die Ansiedlung an Standorten mit überdurchschnittlich hoher Arbeitslosigkeit oder in einer der 122 mittelgroßen Städte, die ihre "sozial-wirtschaftliche Funktion verlieren", wird berücksichtigt.

Für jedes der Kriterien kann ein Punkt zuerkannt werden. Je nach Standort müssen mindestens 4 bis 6 Punkte gesammelt werden. Die Mindestgrenze hängt von der Region ab. Je höher die mögliche Förderintensität in der Region ausfällt, desto weniger Punkte reichen und desto länger können die Steuernachlässe ausgeschöpft werden. In Regionen mit einer Förderintensität von bis zu 25 Prozent ist der Förderzeitraum auf zehn Jahre begrenzt, in solchen mit 35 Prozent auf 12 Jahre. In den am stärksten geförderten Regionen und auf den Gebieten der bestehenden 14 Sonderwirtschaftszonen werden Förderverträge für 15 Jahre geschlossen.

Der maximale mögliche Steuererlass wird anhand der in der jeweiligen Region gültigen Förderintensität sowie des jeweils höheren Betrags aus bestimmten Investitionsausgaben oder zweijährigen Arbeitskosten aller neuangestellter Mitarbeiter errechnet. Großunternehmen müssen sich verpflichten, die geförderte Investition und die angegebene Anzahl neuer Jobs fünf Jahre, Klein- und Mittelständler drei Jahre zu halten.

Maximale Förderintensität nach Regionen in Polen *)

MKT201904258007.14

*) genannte Prozentsätze gelten für Großunternehmen; Mittelständler können bis zu 10 Prozentpunkte sowie Kleinst- und Kleinunternehmen bis zu 20 Prozentpunkte mehr beantragen

Quelle: Verordnung vom 30. Juni 2014 über die Festlegung der Karte der regionalen Hilfe für die Jahre 2014 bis 2020

Neben der Möglichkeit, Erlass auf die Körperschaftsteuer zu erhalten, kann ein Erlass der Immobiliensteuer beantragt werden. Diese beträgt 2019 für Grundstücke, die zur Geschäftstätigkeit genutzt werden, maximal 0,93 Zloty pro Quadratmeter (Zl; etwa 0,22 Euro; 1 Euro = 4,2737 Zl; Stand: 16. April 2019) und zusätzlich für kommerziell genutzte Gebäude maximal 23,47 Zl pro Quadratmeter (5,49 Euro). Die Prüfung des Antrags und die Freistellung von der Immobiliensteuer unterliegt dem zuständigen Gemeinderat. Eine allgemeine Aussage zu den Erfolgschancen ist schwer zu treffen. Manche Gemeinden erlassen den vollen Betrag, manche genehmigen nur eine teilweise Befreiung, andere überhaupt keine.

Des weiteren können Investoren versuchen, Zuschüsse über passende EU-Fonds-gestützte Programme zu erlangen. Diese werden zentral oder regional vergeben. Nähere Informationen dazu finden Sie unter: www.gtai.de/eu-foerderung-mittelosteuropa. Zu beachten ist allerdings, dass um den Körperschaftsteuererlass in Anspruch nehmen zu können, mindestens 25 Prozent der Investitionssumme aus nicht bezuschussten Geldmitteln stammen müssen.

Zu Investitions- und Steuerrecht informieren wir Sie aktuell in der Reihe Recht kompakt Polen unter www.gtai.de/MKT201703178001 sowie unter www.gtai.de/recht, zu Einfuhrregelungen, Zöllen und nichttarifären Handelshemmnissen unter www.gtai.de/zoll.

Praxischeck: Worauf Investoren achten sollten

Qualifizierte, motivierte und produktive Arbeitnehmer gehören für ausländische Unternehmen zu den größten Standortvorteilen in Polen. Dies zeigt die jüngste Konjunkturumfrage der deutschen Auslandshandelskammer (AHK) in Polen, die im April 2019 vorgestellt wurde. Neben den Arbeitnehmerfaktoren loben die Investoren zudem die breite Basis an qualitativen Zulieferern. Fast 95 Prozent der befragten Unternehmen würden Polen erneut als Investitionsstandort wählen.

Gestiegene Herausforderungen sehen die Investoren hingegen bei den Lohnkosten. Allein 2018 stiegen die Bruttolöhne in Polen um rund 7 Prozent. Von 2019 bis 2021 werden sie der jüngsten Prognose der polnischen Nationalbank zufolge um mehr als 6 Prozent zulegen. Die niedrigste Arbeitslosenquote seit 28 Jahren stellt immer mehr Unternehmen vor die Herausforderung, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden. Diese Entwicklung stärkt die Rolle der Arbeitnehmer bei Lohnverhandlungen, was zu den deutlichen Lohnsteigerungen führt.

Über Lohn- und Lohnnebenkosten in Polen informieren wir Sie auf:

www.gtai.de/MKT201808208003.

Die beiden am schlechtesten bewerteten Investitionsfaktoren sind seit mehreren Jahren die politische und soziale Stabilität sowie die Berechenbarkeit der Wirtschaftspolitik. Seit dem Regierungswechsel Ende 2015 hat das Tempo legislativer Änderungen in Polen deutlich zugenommen. Diese stellen sowohl für in- als auch ausländische Unternehmen große Herausforderungen da. Firmenvertreter monieren, dass die schnell und teilweise ohne Konsultationen eingeführten Gesetze die langfristige Planung für die Unternehmen schwierig machen.

Die polnischen Regierung versucht stärker gegen Steuerbetrüger vorzugehen und die Mehrwertsteuerlücke zu verringern. Das beschert den Firmen im Land deutlich mehr administrative Arbeit: Unternehmen berichten von häufigen Kontrollen verschiedener Behörden (beispielsweise im Bereich Steuer, Hygiene und Arbeitsschutz). Beim Kontakt mit polnischen Finanzämtern ist zudem mit einer deutlich strengeren Praxis zu rechnen.

Länderrating 2017/2018, Polen (wirtschaftlicher Rang von insgesamt 137 Ländern)

Kriterien Polen Deutschland
Gesamtrang 37 5
1 Institutionen (Eigentumsrecht, Auditierung, Rechtsschutz 72 21
2 Infrastruktur 44 10
3 Makroökonomische Rahmenbedingungen 41 12
4 Gesundheit und Grundbildung 38 13
5 Höhere Bildung und Ausbildung 40 15
6 Effizienz der Gütermärkte (Firmengründung, Wettbewerbsintensität, Besteuerung, Zollvorschriften 45 11
7 Effizienz des Arbeitsmarkts 78 14
8 Entwicklung des Finanzmarkts 53 12
9 Technologische Reife 47 8
10 Marktgröße 21 5
11 Qualität des Geschäftsumfeldes 57 5
12 Innovation 59 5

Quelle: World Economic Forum, Global Competitiveness Report, reports.weforum.org/global-competitiveness-index/

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen/Beispiele deutscher Investoren
Germany Trade & Invest www.gtai.de/polen
Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer www.polen.ahk.de Anlaufstelle für deutsche Unternehmen in Polen
Polnische Agentur für Investitionen und Handel www.paih.gov.pl/en Staatliche Gesellschaft zur Unterstützung von Ansiedlungen ausländischer Investoren; Anlaufstelle für Anträge auf Investitionsförderung; invest@paih.gov.pl
Die 14 Sonderwirtschaftszonen:
Euro-Park Mielec www.europark.arp.pl Ankerinvestoren: Bilfinger Mars Offshore, MTU Aero Engines, Kirchhoff
Krakauer Technologiepark www.sse.krakow.pl Ankerinvestoren: Bahlsen, Bilstein, MAN
Pommerische SWZ www.strefa.gda.pl Ankerinvestoren: MTU, Müller Kerzen, Schumacher Packaging
SWZ Ermland-Masuren www.wmsse.com.pl Bauer, Bruss, Lüttgens Kunststoff-Technik
SWZ für Kleinunternehmen Kamienna Gora www.ssemp.pl Dr. Schneider Automotive, Weber-Hydraulik, Wepa Professional
SWZ Kattowitz www.ksse.com.pl Henkel, Gühring, Schütz
SWZ Küstrin-Slubice www.kssse.pl Brinkhaus, Könecke, Dila
SWZ Liegnitz www.lsse.eu BASF, Sitech, Voss Automotive
SWZ Lodsch www.sse.lodz.pl BSH, Euroglas, Häring
SWZ Suwalken www.ssse.com.pl Pfleiderer
SWZ Starachowice www.sse.com.pl MAN
SWZ Stolp www.sse.slupsk.pl
SWZ Tarnobrzeg Euro-Park Wislosan www.tsse.arp.pl Linde Group, Passauer Neue Presse, Uniwheels
SZW Walbrzych www.invest-park.com.pl Bosch, Lorenz Snack-World, Mahle

Weitere Informationen zu Polen finden Sie unter www.gtai.de/Polen

 

Dieser Artikel ist relevant für:Polen Geschäftspraxis allgemein, Wirtschaftsförderung, Industriepolitik

 

 

 

Quelle: GTAI