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Städtebauvorhaben Madrid Nuevo Norte konkretisiert sich

Land: Spanien


 

Seit März 2022 sind neue Details zu dem umfangreichen Bauprojekt bekannt. Die erwarteten Investitionen summieren sich auf etwa 25 Milliarden Euro.

 

04.04.2022

Von Oliver Idem | Madrid

Die Neugestaltung eines bisher kaum nutzbaren Areals im Norden von Madrid kommt voran. Für die angestrebte Mischnutzung wird mit Gesamtinvestitionen von 25 Milliarden Euro gerechnet.

Unter anderem sollen knapp 1,1 Millionen Quadratmeter Wohnfläche entstehen. Dafür ist vor allem der nördliche Teil vorgesehen. Hinzu kommen rund 1,6 Millionen Quadratmeter für Büros, Handel und Dienstleistungen. Diese sollen schwerpunktmäßig im Süden entstehen.

Das Baugebiet liegt mitten in der Metropolregion Madrid. Diese zählt zu den größten Ballungsräumen der Europäischen Union. Im Umkreis leben in einer Stunde Fahrentfernung etwa 8,6 Millionen Menschen.

Bislang fristet das Bebauungsgebiet dennoch eher ein Schattendasein in der öffentlichen Wahrnehmung. Das liegt auch daran, dass es zum Teil von Gleisen des Bahnhofs Chamartín zerschnitten wird. Darum ist die Verlegung von Gleisen unter die Erde eine wesentliche Voraussetzung, um Raum für oberirdische Projekte zu gewinnen.

Damit soll an die wachsende Attraktivität des Gebietes südlich und südwestlich von Madrid Nuevo Norte angeknüpft werden. Am Ende der Prachtstraße Paseo de la Castellana und an der Plaza de Castilla prägen moderne Bürobauten das Bild. Zudem ist dieses Gebiet ein wichtiger Knotenpunkt des Eisenbahn-, Metro- und Busverkehrs. In der Nähe treffen auch mehrere Autobahnen zusammen.

Private Betreiber und öffentliche Verwaltung treiben das Vorhaben voran

Das Großprojekt entsteht als Kooperation zwischen privaten und öffentlichen Partnern. Die Betreibergesellschaft Distrito Castellana Norte und die Region Madrid treiben das Vorhaben gemeinsam voran. Ein Hauptziel ist es, dass eine nachhaltige und gemischte städtische Infrastruktur entsteht. Als Negativbeispiel gelten städtebauliche Modelle, bei denen Gebiete tagsüber stark frequentiert sind und abends wie ausgestorben wirken.

Damit Madrid Nuevo Norte keine triste Schlafstadt wie manche Orte im Umland wird, liegt ein starker Akzent auf vielfältigen Nutzungen. Das neue Viertel soll zum Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Freizeit verbringen und als Verkehrsdrehscheibe dienen. Die Pläne sehen maximal zehn Minuten Fußweg zur nächsten Bus- oder Bahnhaltestelle vor. Drei neue Metrobahnhöfe und zwei Umsteigestationen unterstreichen dieses Ziel.

Nicht nur beim Verkehr steht Nachhaltigkeit im Blickpunkt. Eine ganze Palette von erneuerbaren Energiequellen dient dem Ziel der Dekarbonisierung. Für das Gebiet ist zudem ein Fernwärmenetz geplant. Sowohl die Wärmeversorgung als auch die Klimatisierung von Gebäuden soll umweltfreundlich erfolgen. Dabei sollen Speicherlösungen helfen, Produktion und Nutzung der Ressourcen aufeinander abzustimmen.

Die Zielrichtung Nachhaltigkeit gilt auch in puncto Wassernutzung. Im Gebiet Nuevo Norte fallen verhältnismäßig wenige Niederschläge. Andere Wasserressourcen sollen nicht einfach stattdessen angezapft werden. Darum spielt ein nachhaltiges Wassermanagement eine wesentliche Rolle. Dazu gehört die Reduzierung des Trinkwasserverbrauchs. Für manche Zwecke soll Regenwasser eingesetzt werden.

Ein intelligentes Abfallmanagement unterstreicht die nachhaltige Ausrichtung. Einer der ersten Schritte wird eine Anlage sein, um bei den Bauarbeiten anfallende Abfälle zu recyceln.

Eine neue Planung im großen Stil ermöglicht es, auch Elemente einer Smart City einzubauen. Digitale Zwillinge sollen gleich in der Planungsphase genutzt werden. Für die Funktionsfähigkeit von Madrid Nuevo Norte ist ein umfangreicher Einsatz von Sensoren vorgesehen. Diese sollen unter anderem Emissionen messen und die Wasserqualität prüfen. 

Projekt soll attraktives und bezahlbares Wohnen in der Stadt ermöglichen

Die spanische Hauptstadt zählt laut dem spanischen Statistikamt seit zehn Jahren konstant zwischen 3,2 Millionen und 3,3 Millionen Einwohner. Es besteht ein erheblicher Bedarf an Wohnraum. Neue Wohnungen entstehen jedoch meistens im Umland der Hauptstadt. 

Madrid Nuevo Norte stellt die Chance dar, im städtischen Raum eine fünfstellige Anzahl an Wohnungen und eine breit gefächerte Infrastruktur aufzubauen. Damit könnte der Wohnungsmarkt der Stadt entlastet und das Ausweichen ins Umland gebremst werden.

Die planenden Stellen weisen allerdings darauf hin, dass kein Eliteprojekt zu astronomischen Preisen geplant ist. So soll Madrid Nuevo Norte einen doppelt so hohen Anteil an Sozialwohnungen erhalten als gesetzlich vorgeschrieben.

Die Region Madrid sieht das Projekt auch unter betriebswirtschaftlichen Aspekten als vielversprechend an. Die öffentlichen Investitionen sollen durch künftige Steuereinnahmen weit überkompensiert werden.

Vorhaben bringt Bedarf an Technik und Spezialwissen mit sich

Das Projekt erfordert wegen seiner Größe und Ausdifferenzierung vielfältige Technik und spezialisierte Bauleistungen. Grundsätzlich befindet sich die spanische Bauwirtschaft fest in einheimischer Hand. Viele Branchenunternehmen sind jedoch bereits stark ausgelastet und mit alternden Belegschaften konfrontiert. Zudem fordern Preissteigerungen und wachsende Materialknappheit den Bausektor heraus.

Voraussichtlich eröffnet das Projekt Madrid Nuevo Norte für Spezialisten aus dem Ausland Geschäftschancen. Wenn besondere bauliche Expertise gefragt ist oder modernste Lösungen integriert werden sollen, dürften zusätzliche Unternehmen einbezogen werden. Der Internetauftritt der Betreibergesellschaft vermittelt einen Eindruck von den genauen Plänen

Auf lange Sicht könnte Madrid Nuevo Norte auch Impulse für andere Projekte liefern. In dieser Hinsicht soll das Vorhaben ein Labor für Ideen und eine Referenz für die Beteiligten werden. Optimisten setzen darauf, ihre Erfahrungen später exportieren zu können.

Kurzfristig trübt allerdings noch eine Auseinandersetzung das Gesamtbild. Im Sommer 2022 wird der Abschluss eines Schiedsverfahrens zwischen den Anteilseignern der Betreibergesellschaft erwartet. Die Bank BBVA, die Immobiliengesellschaft Merlin und das Bauunternehmen Grupo SanJosé konnten sich über Regelungen zu Vorkaufsrechten nicht einigen.

Quelle: GTAI