Spanien ist besonders stark von den Folgen der Coronakrise betroffen. Diese Probleme schlagen auch auf dem Arbeitsmarkt nieder.
Von Oliver Idem | Madrid
- Kurzarbeit geht nach dem Lockdown zurück
- Kaum Streiks in der Coronakrise
- Befristungen und Teilzeit treffen vor allem jüngere Arbeitnehmer
Kurzarbeit geht nach dem Lockdown zurück
Bereits vor der Coronakrise lag die Arbeitslosenquote in Spanien bei rund 14 Prozent. Dann erlebte das Land von Mitte März bis Anfang Mai 2020 einen der härtesten Lockdowns in Europa. Viele Unternehmen mussten mangels Zulieferungen, der Erlaubnis zum Öffnen oder aufgrund fehlender Nachfrage ihre Aktivitäten einschränken.
Das bildete sich auch im Arbeitskräftebedarf ab. Die vereinfachte Kurzarbeit stieg ab Mitte März sprunghaft an. Im April wurde mit 4,8 Millionen Arbeitnehmern in Kurzarbeit das Maximum erreicht. Darunter fielen 3,4 Millionen Angestellte und 1,4 Millionen Selbstständige mit verschiedenen Formen der staatlichen Unterstützung. Laut der Wirtschaftszeitung Cinco Días beantragten Unternehmen im Durchschnitt für 73 Prozent ihrer Beschäftigten Kurzarbeit.
Zur Jahresmitte waren knapp 3,9 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Nur wenige Segmente des Arbeitsmarktes verzeichneten im zweiten Quartal 2020 eine Zunahme der Beschäftigung im Vergleich zum ersten Quartal. Das Gesundheitswesen lag hier mit 21.600 neuen Stellen an der Spitze, gefolgt von Programmierung und Beratung in der Informationstechnologie mit 14.500 neuen Arbeitsplätzen. Postdienstleistungen und Kuriere sorgten für 10.400 neue Jobs.
Mitte August befanden sich noch 880.000 Arbeitnehmer in Kurzarbeit. Noch bis zum 30. September 2020 ist die pandemiebedingte Kurzarbeit wegen höherer Gewalt möglich. Aufgrund der weiterhin kritischen Lage in Tourismus, Gastronomie und Handel ist eine Verlängerung sehr wahrscheinlich. Bei Kurzarbeit gilt ein besonderer Kündigungsschutz, sodass die aktuellen Arbeitsmarktzahlen noch nicht das volle Ausmaß der Krise abbilden. Bei vielen Unternehmen hat sich das Umsatzniveau seit Mai erheblich verbessert. Es liegt aber zumeist deutlich unter dem Niveau der Vorjahresmonate.
Kaum Streiks in der Coronakrise
Laut der Wirtschaftszeitung Cinco Días forderten 2019 jeweils 38,8 Prozent der Stellenanzeigen einen Universitätsabschluss oder eine Berufsausbildung. Auf die stark industriell geprägten Regionen Katalonien, Madrid und Baskenland entfielen die meisten Angebote auf Bewerber mit Berufsausbildungen. Inhaltlich waren Verwaltung, Elektrik und Elektronik sowie mechanische Fertigung am gefragtesten. Viele spanische Akademiker sind überqualifiziert (2018: 23 Prozent). Innerhalb der Europäischen Union liegt das Land damit an der Spitze.
Die Gewerkschaften spielten während der Kurzarbeitsverhandlungen eine wichtige Rolle. In der Coronakrise fanden aber kaum Streiks statt. Eine öffentlichkeitswirksame Ausnahme bildeten die Beschäftigten von Nissan in Barcelona. Dort wurden im Mai drei Fabriken aufgrund von drohenden Schließungen bestreikt.
Befristungen und Teilzeit treffen vor allem jüngere Arbeitnehmer
Befristungen und Teilzeitarbeit betreffen vor allem jüngere Arbeitnehmer in Spanien. Tendenziell sinken diese Anteile bei älteren und erfahreneren Arbeitnehmern. Entsprechend liegt das Gehalt von Berufseinsteigern häufig weit unter dem Durchschnitt. Die Arbeitsplätze von jüngeren Beschäftigten mit Zeitverträgen und Teilzeitarbeit gehören zu den in der Coronakrise am stärksten gefährdeten Beschäftigungsverhältnissen.
Im 2. Quartal 2020 waren neue Stellen vor allem im öffentlichen Dienst befristet. Dort lag der Anteil bei knapp 27 Prozent. In der Privatwirtschaft betrafen Befristungen nur rund 21 Prozent der neu geschaffenen Arbeitsverhältnisse.
Die Auswirkungen der Coronakrise treffen besonders die Altersgruppe, die während der Wirtschaftskrise von 2008 bis 2013 unter schwierigen Bedingungen neu auf den Arbeitsmarkt kam. Infolge der Pandemie befinden sie sich zum zweiten Mal in ihrem Berufsleben in einer anhaltenden wirtschaftlichen Problemphase. Mittlerweile rechnen die meisten Beobachter damit, dass Spanien erst 2022 oder 2023 wieder die Wirtschaftskraft von 2019 erreichen wird.
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Bevölkerung (in Mio.) 1) |
47,4 |
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Erwerbspersonen (Bevölkerung älter als 15 und jünger als 65 Jahre, in Mio.) |
22,8 |
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Erwerbstätige (in Mio.) |
19,6 |
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Arbeitslosenquote, offizielle (in %, nach ILO-Definition) |
14,1 |
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Analphabetenquote (in %) |
2,7 |
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Tertiärabschluss (Fachhochschul -, Universitäts- oder höherer technischer Berufsausbildungsabschluss innerhalb der Erwerbspersonen jünger als 65 Jahre, in %) |
41,6 |
Auf der mittleren technischen Ebene, die in Deutschland durch die duale Ausbildung abgedeckt wird, kann es an praxiskundigem Nachwuchs mangeln. Ende Juli gab die spanische Regierung ein Programm zur Förderung der beruflichen Bildung im Wert von 1,5 Milliarden Euro bekannt. Staat und Unternehmen wollen die Details gemeinsam festlegen. Unter anderem ist ein einheitliches System und eine höhere Effizienz geplant. Zudem wird Zweisprachigkeit und räumliche Mobilität gefördert.
Mechatroniker, Kfz-Mechatroniker, Elektroniker für Automatisierungstechnik und Industriemechaniker werden zunehmend von Niederlassungen deutscher Firmen in Kooperation mit der AHK Spanien ausgebildet. Dabei wird ein praktisches Jahr im Unternehmen auf die spanische zweijährige Berufsausbildung aufgestockt. Vorbild ist das deutsche duale System.
Die Suche gestaltet sich ähnlich wie in Deutschland über Personalberatungsfirmen. Zu den größten gehören Randstad Empleo, Adecco Trabajo Temporal, Manpower Team, Eurofirms, Eulen Flexiplan, Hays. Ausgeschrieben wird darüber hinaus auf Jobportalen wie Infojobs, Trabajos und Monster.
Soziale Medien sind eine weitere Quelle. Universitätsabsolventen sind auf Recruiting-Messen anzutreffen. Auch in den Hochschulen werden Unternehmen fündig: Studenten suchen häufig Praktikumsplätze für ein halbes Jahr. Ähnlich ist es mit Ausbildungsstätten. Arbeitssuchende wiederum konsultieren häufig die Websites der Unternehmen zu offenen Stellen. Der Personalservice der in deutsch- und spanischsprachigen Fach- und Führungskreisen gut vernetzten AHK Spanien findet sich auf ihrer Website unter der Rubrik Dienstleistungen


