Auktionsmodell funktioniert / Inlandsproduktion steigt
Brasiliens Windkraft dreht auf. Grund sind die erfolgreichen Auktionen des Energieministeriums, im August folgt die nächste. Bis 2013 kommen Kapazitäten in Höhe von rund 3.800 MW hinzu. Die Erzeugerpreise werden wettbewerbsfähiger, die Planungssicherheit steigt, und nach Wobben und Impsa investieren etwa auch Suzlon, Siemens, GE und Alstom in lokale Produktionsstätten. Langfristig will sich die Branche auch auf dem freien Energiemarkt behaupten, der etwa 30% der Stromnachfrage ausmacht.
Der Anteil von Windkraft an der Stromerzeugung legt rasant zu. Derzeit gibt es etwa 50 Windparks mit einer installierten Kapazität von rund 927 MW. Bis 2013 soll sich die Kapazität verfünffachen und bis 2020 von heute 0,6% der Stromerzeugung auf 20% steigen, prognostiziert Ricardo Simões vom Fachverband Abeeolica. Nach vorsichtigen Schätzungen liegt das gesamte Potenzial bei 143 GW, ihnen liegen Windgeschwindigkeiten von mehr als 7 m pro Sekunde und Windtürme mit einer maximalen Höhe von 50 m zugrunde. Weil die rasante technische Entwicklung bei Rotorblättern künftig eine stärkere Nutzung schwächerer und höherer Winde ermöglichen wird, sprechen einige Experten sogar von bis zu 500 GW.
Der Vormarsch der Windkraft in Brasilien begann mit dem Proinfa-Programm, das trotz guter Ansätze aufgrund seiner stark subventionierten und marktunabhängigen Tarife nicht zukunftsfähig war. Ende 2009 ging das Energieministerium zu einem Auktionssystem über, bei dem Anbieter eine staatliche Abnahmegarantie erhalten, die Windkraft unter einem festgesetzten Preis anbieten. Im Dezember 2009 waren das 70 Projekte mit einer Kapazität von 2.047 MW, im August 2010 weitere 71 Projekte mit 1.805 MW. Im August steht die nächste Auktion an. Marktexperten rechnen so mit einer jährlichen Vergabe von 2.000 MW.
Der angebotene Abgabepreis der erfolgreichen Konsortien ist mittlerweile unter 130 BRL/KWh (56,6 EUR) gesunken, was Beobachter für einen rentablen Betrieb als zu niedrig einschätzen. Sergio Marques, Präsident des Windparkbetreibers Bioenerergy, sieht die Grenze bei 140 BRL/KWh. Allerdings sorgen die regelmäßigen Auktionen für mehr Planungssicherheit und sinkende Kosten. Falls die Regierung Steuerbefreiungen für Ausrüstung nachlegen sollte, könnte die Windkraft mit anderen Energieformen konkurrieren.
Einige Windparkbetreiber führen bereits eigene Auktionen auf dem freien Markt durch, bei denen die Abnehmer um die Energie bieten. Bioenergy verkaufte Ende 2009 auf diese Weise 230 MW Windenergie an den Energieversorger Cemig. Der freie Energiemarkt macht in Brasiliens Mischsystem aus reguliertem und nicht reguliertem Stromsektor etwas 30% der Nachfrage aus.
Nachdem im Proinfa-Programm die Bundesstaaten Ceará, Rio Grande do Norte und Rio Grande do Sul im Vordergrund standen, findet nun auch Bahia mehr Aufmerksamkeit. Dort sind 34 Windkraftprojekte für 4 Mrd BRL (circa 1,7 Mrd EUR) mit einer Gesamtkapazität von 997 MW vorgesehen. Schwerpunkt sind die Regionen im Südwesten, im Zentrum und im Tal des Flusses Rio São Francisco. Schon 2012 sollen in Bahia18 Windtürme im Einsatz sein.
Vestas unterzeichnete Ende des kommenden Jahres einen Liefervertrag über 38 Turbinen für zwei Windparks in Bahia und Rio Grande do Norte, davon 16 mit einer Kapazität von 3 MW und die übrigen mit einer von 1,8 MW. Die Wirtschaftszeitung Valor Economico berichtete über einen Vertrag zwischen Vestas und Brennand Energia, einem Partner der staatlichen Chesf, über die Lieferung von 40 Turbinen für einen Park in Bahia. Laut Gerüchten erwägt Vestas den Aufbau einer lokalen Produktion.
Gamesa eröffnet im Mai ihre erste Produktionsanlage für Windkraftgeneratoren in Camaçari nördlich von Salvador. Dort wird das spanische Unternehmen mit einem Startkapital von 50 Mio BRL Generatoren mit einem Anteil einheimischer Vorprodukte von zunächst 40% in diesem Jahr und später 60% (2014) produzieren. Rund 20% der Produkte gehen nach Argentinien, Chile und Uruguay.
Für einen 90-MW-Windpark in Bahia liefert Alstom Generatoren an eine Tochterfirma des Baukonzerns Engevix mit dem Namen Desenvix. Alstom will voraussichtlich 50 Mio BRL in eine Produktionsanlage in Camaçari investieren. "Unsere neue Herausforderung ist es, weitere Unternehmen der Lieferkette in Bahia anzusiedeln, um ein Branchencluster aufzubauen", sagt Bahias Wirtschaftsminister James Correia.
Der Hafenkomplex von Suape, südlich von Pernambucos Hauptstadt Recife, entwickelt sich ebenfalls zum Branchencluster. Zwar sind die Windverhältnisse schlechter als in Bahia oder Rio Grande do Norte, doch eignet sich der Hafen für den Import von Ausrüstung, die die angrenzenden Industrieanlagen logistikgünstig verarbeiten können. Neben Windturmhersteller Gonvarri und Windradhersteller Impsa plant auch der brasilianische Windradhersteller Tecsis ein Engagement in Suape. Tecsis war bisher auf den Export fokussiert und stattete nach Unternehmensangaben 4.000 Windtürme in zehn Ländern aus. Jetzt wird der Heimatmarkt wieder interessanter. Der koreanische Hersteller Win&P soll laut Valor Economico ebenfalls Interesse an Suape haben.
Das indische Unternehmen Suzlon plant eine Produktionsanlage von Windrädern im Bundesstaat Ceará. Die Investition soll bei 30 Mio BRL und der Output bei 300 Rotoren pro Jahr liegen. In Tapes im Bundesstaat Rio Grande do Sul erwägt Suzlon zudem, eine Generatoren-Produktion hochzuziehen, je nachdem wie gut die Projekte des Partners Impel bei der Auktion im August 2011 abschneiden. Suzlon ist für 42% der installierten Kapazität in Brasilien verantwortlich und baute elf Windparks mit 183 Türmen und einer Kapazität von rund 383 MW. Anfang 2011 erhielt das Unternehmen den Auftrag der portugiesischen Gruppe Martifer Renovávais für den Bau und Betrieb von 104 sogenannten "Turn Key"-Windtürmen mit 2,1 MW-Generatoren.
Branchenpionier Wobben, das Tochterunternehmen der deutschen Enercon, baut eine Produktionsanlage für Zementtürmen in Rio Grande do Norte. Wobben hat in Brasilien 16 Windparks mit einer Gesamtkapazität von 340 MW erstellt, das sind etwa 37% der installierten Kapazität im Land. Weitere 66 MW baute das Unternehmen in Costa Rica, auf den holländischen Antillen und in Argentinien. Seit 2010 produziert Wobben ein Modell mit einem Durchmesser von 82 m.
Siemens versieht seine brasilianische Windkraftausrüstung bereits mit einem lokalen Fertigungsanteil von 70%. Für die zweite Produktgeneration prüft Siemens gerade die lokalen Fertigungskosten. Der jüngste Liefervertrag von Siemens sieht 34 Windkraftgeneratoren mit je 2 MW für vier Windparks des Unternehmens Ersa im Nordosten vor. "Brasilien ist definitiv auf unserem strategischen Radar aufgetaucht und wird eine wichtige Rolle beim Ausbau dieses Geschäftsfeldes spielen", sagt Eduardo Ângelo, Direktor für erneuerbare Energien bei Siemens.
Im Fokus zukünftiger Produktentwicklungen steht bei Siemens Ausrüstung zur Nutzung geringerer Winde, um neue Regionen zu erschließen, die näher am Stromnetz und am Endabnehmer liegen. So können auch bestehende Windparks vergrößert werden. Kalkül ist, dass in den kommenden Auktionen Windkraftprojekte zum Zug kommen werden, die bislang wegen geringerer Windstärke abgelehnt worden sind. Die Nutzung dieses Potenzials wird durch den technischen Fortschritt bei der Rotorblätterproduktion, die höhere Türme und größere Radien zulässt, interessanter. Neue Expansionsregion dieser Marktnische ist der dicht bevölkerte Bundesstaat Minas Gerais.
GE schloss mit Bioenergy einen Vertrag über die Lieferung von 304 Windkraftturbinen für rund 1,4 Mrd BRL ab. Die ersten 54 Generatoren gehen an vier Windparks im Bundesstaat Rio Grande do Norte. Nach Angaben von Bioenergy baut das Unternehmen in der Region mehr als 1.500 MW auf. Ein Drittel davon sollen in der nächsten Auktion der Regierung untergebracht werden.
Der brasilianische Maschinenbauer Weg will laut Meldungen des Valor Economico auch ins Windkraftsegment einsteigen. Dazu investiert das Unternehmen zunächst 33 Mio. R$ in eine Produktionsanlage in Jaragua do Sul in Santa Catarina. Das Know-how soll über ein Joint Venture mit der spanischen Firma M.Torres kommen, die zur ägyptischen El Sewery-Gruppe gehört.


