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Kolumbien

Ausbreitung der Pandemie verzögert wirtschaftliche Reaktivierung


Kolumbien zählt inzwischen zu den Ländern mit den meisten Covid-19-Fällen weltweit. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft sind beträchtlich.

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Covid-19: Allgemeine Situation und Konjunkturentwicklung

Wegen stark zunehmender Coronainfektionen zieht sich die Reaktivierung der Wirtschaft hin. Das BIP soll 2020 um 8 Prozent sinken. (Stand: 7. August 2020)

Kolumbien unter den Ländern mit höchsten Coronainfektionen

In Kolumbien spitzt sich die Lage zu. Nachdem die Zahl der Covid-19-Erkrankungen zunächst nur langsam hochging, nimmt sie seit Juli deutlich zu. Inzwischen ist Kolumbien an allen europäischen Ländern vorbeigezogen. Aufgrund des schnellen Anstiegs - aktuell über 10.000 neue Fälle täglich - wird mit einer anhaltend kritischen Lage gerechnet. Gesundheitsexperten zufolge sollen die Fallzahlen erst im September wieder abnehmen. Angesichts dessen verlängerte Präsident Iván Duque die landesweite Quarantäne bis zum 30. August.

Da sich das Gesundheitssystem auf die Pandemie vorbereiten konnte und Kolumbien eine jüngere Bevölkerung hat, sind bislang weniger Personen an dem Virus gestorben als in europäischen Ländern mit vergleichbaren Fallzahlen. So konnte Kolumbien die Anzahl seiner Corona-Notfallbetten von 5.300 zu Beginn der Krise auf 8.700 erhöhen. Dennoch sind die Notfallbetten in den Großstädten mit Stand Ende Juli stark ausgelastet: Bogotá 91 Prozent Belegung, Medellín 79 Prozent und Cali 95 Prozent.

BIP-Prognosen nach unten korrigiert

Wegen der Ausbreitung der Pandemie verzögert sich die im Mai begonnene Reaktivierung der Wirtschaft. Einige Städte wie Bogotá und Medellín führten im Juli wieder strengere Quarantänemaßnahmen ein. Welche Branchen unter Hygienevorschriften arbeiten dürfen und welche nicht, ist inzwischen von Gemeinde zu Gemeinde anders. Von einem normalen Wirtschaftsbetrieb ist das Land jedoch weit entfernt, die Landesgrenzen bleiben voraussichtlich bis September geschlossen und auch der Binnentransport ist bis auf Weiteres eingeschränkt.

Analysten haben wegen des länger als erwarteten Lockdowns ihre Prognosen für 2020 nach unten korrigiert. Sowohl der Internationale Währungsfonds (IWF) als auch die Economist Intelligence Unit (EIU) gehen inzwischen von einem realen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 7,7 Prozent aus. Die kolumbianische Regierung rechnet mit -5,5 Prozent. Damit wird Kolumbien erst das vierte Jahr mit einer negativen Entwicklung des BIP erreichen, nach 1930, 1931 und 1999. Für 2021 erwartet der IWF wieder ein Wirtschaftswachstum von 4 Prozent.

Wirtschaftsleistung im April ein Fünftel unter Vorjahr

Der wirtschaftliche Tiefpunkt der Pandemie wurde im April 2020 erreicht, als das BIP rund 20,5 Prozent unter dem Niveau vom April 2019 lag. Dies geht aus dem Index der Wirtschaftsentwicklung ISE (Indicador de Seguimiento a la Economía) des Statistikamtes DANE hervor, der als ein Indikator für das BIP-Wachstum gilt. Im Mai 2020 lag die Wirtschaftskraft gemäß dem Index rund 16,7 Prozent unter dem Vorjahresmonat. Die Arbeitslosigkeit betrug im Mai 21,4 Prozent und ging im Juni auf 19,8 Prozent zurück.

Die Importe sanken im April um 31,6 Prozent und im Mai um 39,9 Prozent, verglichen jeweils zum Vorjahresmonat. In den ersten fünf Monaten des Jahres wurden insgesamt Waren im Wert von 17,9 Milliarden US$ importiert, 18,3 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Starke Rückgänge wurden vor allem bei Produkten des verarbeitenden Gewerbes wie Maschinen und Kfz registriert, während die Einfuhren von Lebensmitteln und Agrarerzeugnissen sogar zulegten. Die Exporte sanken zwischen Januar und Mai um 25 Prozent, zurückzuführen in erster Linie auf niedrigere Weltmarktpreise von Erdöl und Kohle.

  • Covid-19: Auswirkungen auf ausgewählte Branchen
    Covid-19: Auswirkungen auf ausgewählte Branchen

    Viele Branchen leiden unter den Corona-bedingten Einschränkungen. Doch es gibt auch Profiteure. (Stand: 7. August 2020)

    Zu den am stärksten vom Lockdown betroffenen Branchen gehören der Tourismus, der Transportsektor, das Restaurant- und Gastgewerbe sowie der Einzelhandel. Der Inlandstourismus ist weiterhin untersagt, internationale Flüge sollen nach derzeitigem Stand ab September wieder stattfinden - voraussichtlich jedoch in sehr geringem Umfang.

    Andere Bereiche, allen voran die Nahrungsmittelproduktion, die Landwirtschaft und die Pharmaindustrie expandieren. Als essenzielle Branchen sind sie von dem nationalen Lockdown ausgenommen. Kolumbiens größter Nahrungsmittelproduzent Grupo Nutresa verkündete im 1. Halbjahr 2020 ein Umsatzwachstum von 14,6 Prozent und den Bau einer neuen Produktionsstätte in Santa Marta mit einem Investitionsvolumen von 133 Millionen US-Dollar (US$). Die Landwirtschaft war im 1. Quartal 2020 der Sektor mit dem stärksten Wachstum (+6,8 Prozent) und entwickelte sich selbst im März dynamisch (+5,6 Prozent).

    Bausektor soll Wirtschaft ankurbeln

    Die Bauwirtschaft soll in den kommenden Jahren der Wachstumstreiber sein und für zusätzliche Arbeitsplätze sorgen - so verkündete es die Regierung. Laut Präsident Iván Duque sollen 34 Infrastrukturprojekte mit einem Investitionsvolumen von zusammen 16 Milliarden US$ vorangetrieben werden. Dazu gehört die Fertigstellung von 28 Autobahnprojekten des Programms Vierte Generation (4G), welches von der Vorgängerregierung gestartet worden war. Auch das Megaprojekt Metrolinie 1 in Bogotá (4,3 Milliarden US$) soll in die Bauphase gehen. Anfang August reisten die ersten Ingenieure des Gewinnerkonsortiums aus China ein, Startschuss der Bauarbeiten ist für den 23. Oktober geplant.

    Entwicklung des verarbeitenden Gewerbes nach Bundesstaaten (Mai 2020/2019, Veränderung in Prozent)
    Quelle: Statistikamt DANE

    Produktion

    Mitarbeiterzahl

    Landesweit

    -26,2

    -8,9

    Antioquia

    -31,1

    -9,4

    Bogotá, D.C.

    -32,9

    -13,5

    Cundinamarca

    -28,1

    -8,1

    Valle del Cauca

    -16,2

    -6,3

    Bolívar

    -34,0

    -5,1

    Santander

    -25,0

    -6,8

    Boyacá

    -50,6

    -5,5

    Atlántico

    -18,2

    -7,2

  • Covid-19: Maßnahmen der Regierung
    Covid-19: Maßnahmen der Regierung

    Die Regierung führt verschiedene Maßnahmen zur Bewältigung der Gesundheits- und Wirtschaftskrise durch. Die Staatsverschuldung nimmt dadurch deutlich zu. (Stand: 7. August 2020)

    Maßnahmen zur unmittelbaren Bewältigung der Krise
    • Unternehmen, deren Umsatz im April 2020 um 20 Prozent geringer war als im April 2019, erhielten von der Regierung für jeden Angestellten einen monatlichen Lohnzuschuss in Höhe von 351.121 kolumbianischen Peso (kol$, rund 90 US$). Die Maßnahme galt für die Monate Mai, Juni und Juli und nannte sich Programa de Apoyo al Empleo Formal (PAEF).
    • Kredite für Unternehmen in Höhe von 17,4 Milliarden US$ über den Fondo Nacional de Garantías, die Staatsbank Bancoldex und die Entwicklungsbank Findeter.
    • Die Frist zur Zahlung der Unternehmenssteuer für 2019 an das Zoll- und Steueramt DIAN, die für Ende Mai vorgesehen war, wurde auf Dezember verschoben (nähere Informationen dazu im Tax COVID-19 Response Tracker von EY).
    • Niederlassungen von deutschen Unternehmen in Kolumbien können von den erwähnten Unterstützungsmaßnahmen Gebrauch machen.
    • Verschiedene Maßnahmen sollen ärmere Bevölkerungsschichten, die teilweise im informellen Sektor tätig sind, unterstützen. Insgesamt sollen 10 Millionen Personen direkte Zahlungen der Regierung erhalten, ein Großteil davon wurde bereits im März und April 2020 geleistet. Dazu gehört die Notfallhilfe des Programa Ingreso Solidario für 3 Millionen Haushalte (monatlich 160.000 kol$ - umgerechnet rund 43 US$ - je Haushalt) sowie Sonderzahlungen an Personen, die den Sozialprogrammen Familias en Acción, Jóvenes en Acción und Colombia Mayor angehören.
    Maßnahmen zur wirtschaftlichen Wiederbelebung

    Am 20. Juli präsentierte Kolumbiens Präsident Iván Duque dem Kongress seinen Plan zur wirtschaftlichen Reaktivierung des Landes Nuevo Compromiso por el Futuro de Colombia. Als Vorbild dient ihm dabei nach eigener Aussage der New Deal des ehemaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt zur Bewältigung der Großen Depression in den 1930er Jahren. Insgesamt sollen 100 Billionen Pesos investiert werden, umgerechnet rund 26,9 Milliarden US-Dollar (US$). Dies entspricht etwa 10 Prozent des kolumbianischen Bruttoinlandsproduktes (BIP).

    Rund 60 Prozent der Investitionen werden dabei aus öffentlichen Kassen kommen, die restlichen 40 Prozent soll die Privatwirtschaft stemmen. Unter anderem sollen institutionelle Investoren wie Pensionskassen größere Projekte finanzieren. Kritiker werfen der Regierung vor, dass das Konjunkturpaket mehr eine mittelfristige Strategie sei und kaum konkrete, schnelle Maßnahmen beinhalte. Zudem beziehen sich fast alle Bestandteile des Plans auf bereits existierende Infrastrukturprojekte und Programme, es wurde kaum Neues hinzugefügt. Das Konjunkturpaket umfasst vier Themenblöcke:

    • Schaffung von 1 Million Arbeitsplätzen und Infrastrukturprojekte: Neues Gesetz (Ley de Emprendimiento) soll kleine und mittlere Unternehmen (KMU) fördern, die in Kolumbien für rund 90 Prozent der formellen und informellen Arbeitsplätze sorgen. Infrastrukturprojekte, die als öffentlich-rechtliche Partnerschaften (Public-private-Partnerships) vergeben wurden, sollen beschleunigt werden. Dazu zählen Autobahnen, Häfen, Flughäfen und Abwasseraufbereitungsanlagen (plantas de tratamiento de aguas residuales, PTAR). Weitere Infrastrukturprojekte sollen beschleunigt werden, unter anderem die Metrolinie 1 in Bogotá, der Hafen Puerto Antioquia sowie neue Flughäfen in Cartagena, San Andrés und Manizales. Vorgesehen sind außerdem Investitionen von rund 400 Millionen US$ in den Ausbau der Nebenstraßen (vías terciarias), Fördermittel von rund 538 Millionen US$ für den Kreativsektor für 17 Projekte, darunter die Digitalisierung der Dienstleistungen des Staates, Telemedizin und IT-Sicherheit, außerdem 592 Millionen US$ zur Ausbildung von 100.000 Programmierern.
    • Grünes Wachstum: 27 strategische Erneuerbare-Energie-Projekte mit einem Investitionsvolumen von insgesamt 4,3 Milliarden US$ sollen beschleunigt werden. Damit soll Kolumbien in der Region zu einer führenden Nation bei erneuerbaren Energien werden. Zwei Großprojekte im Bereich Binnenschifffahrt sollen realisiert werden (Canal del Dique, Navegabilidad del Río Magdalena). Im Bereich Umweltschutz ist die Pflanzung von 180 Millionen Bäumen vorgesehen sowie die Förderung von nachhaltigem Rohstoffabbau.
    • Unterstützung für arme und schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen: Die Notfallhilfe des "Programa Ingreso Solidario" für 3 Millionen Haushalte wird bis Juni 2021 verlängert. Es soll Zuschüsse zum Erwerb von 200.000 Sozialwohnungen geben. Das Programm Generación E sorgt dafür, dass 180.000 Jugendliche 2020 mit einer kostenlosen, höheren Ausbildung abschließen.
    • Unterstützung für ländliche Gebiete: Aktualisierung der Grundstücksregister ("Catastro Multipropósito"), Ziel ist eine Erfassungsquote von 100 Prozent bis 2025; Beschleunigung des Programms zur Entwicklung der 170 Gemeinden, die am stärksten vom bewaffneten Konflikt und dem Drogenanbau betroffen sind (Programa de Desarrollo con Enfoque Territorial, PDET). Hinzu kommt ein neues Gesetz zur Unterstützung kleiner und mittelgroßer Landwirte.
    Öffentliche Verschuldung

    Das Komitee zur Bestimmung der Fiskalregel Comité Consultivo de la Regla Fiscal legte im Juni fest, dass die Fiskalregel bis 2022 ausgesetzt wird. Hintergrund sind gestiegene Ausgaben der Regierung zur Eindämmung der Gesundheits- und Wirtschaftskrise. Außerdem rechnet die Regierung mit geringeren Einnahmen aufgrund der Steuerreform von 2019. Auch der Rückgang der Erdölpreise wird die Dividendenzahlungen des halbstaatlichen Ölkonzerns Ecopetrol an die Regierung mittelfristig verringern.

    Dem im Juli 2020 aktualisierten Fiskalplan der Regierung zufolge soll das Staatsdefizit 2020 bei 8,2 Prozent des BIP und 2021 bei 5,1 Prozent liegen. Im Jahr 2019 betrug das Staatsdefizit 2,2 Prozent des BIP. 

    Die öffentliche Verschuldungsquote lag 2019 bei 54,5 Prozent des BIP und soll 2020 63,8 Prozent des BIP erreichen. Danach soll die Schuldenquote wieder abnehmen und spätestens 2026 unter 50 Prozent des BIP fallen, was Marktbeobachtern allerdings als optimistisch erscheint.

     

    Coronavirus und Recht

Quelle: GTAI