direkte Bereichesauswahl

Rumänien

"Ausländische Investitionen sind in Rumänien sicher"


Interview mit Jörg K. Menzer, Leiter des Bukarester Büros von NörrStiefenhofer Lutz / Von Frank Rösch BUKAREST (Dow Jones)--Dieinternational tätige Anwaltskanzlei Nörr Stiefenhofer Lutz ist seit 17Jahren erfolgreich mit eigenen Büros in Osteuropa vor Ort präsent. Seit1998 gibt es auch eine Niederlassung in Rumänien. Im Interview mit den"Nachrichten für Außenhandel" beurteilt Jörg K. Menzer, Leiter desBukarester Büros von Nörr Stiefenhofer Lutz, beurteilt dieGeschäftsaussichten deutscher Investoren und die weiteren Perspektiven,die sich für die Karpatenrepublik als neues EU-Mitglied ergeben,positiv. Dow Jones: Seit dem 1. Januar 2007 ist Rumänien vollwertigesEU-Mitglied. Ist das Land gut gerüstet für diesen Schritt? Menzer:Rumänien hat in der Umsetzung der EU-Rechtsvorschriften seineHausaufgaben mehr oder weniger gemacht. In der Umsetzung auf der Ebeneder Durchführungsverordnungen sind meiner Ansicht nach die Aufgabenbisher jedoch nur ansatzweise gelöst. Das heißt, man muss davonausgehen, dass die meisten Programme nicht in die Tiefe gingen, umschon von einem reibungslosen Umsetzungsprozess ab 1. Januar 2007sprechen zu können. Das gilt insbesondere für zollrechtlicheVorschriften, aber auch für steuer- und verwaltungsrechtlicheRegelungen. Im Bereich der Rechtssprechung und der Reform desJustizwesens ist im abgelaufenen Jahr viel passiert. Zweifel sind beimKenntnisstand der Richter im Hinblick auf die Anwendung des EU-Rechtsangebracht. Die jüngeren Richter, die mittlerweile auch an derRichterakademie in Rumänien ausgebildet werden, sind da sicherlichweiter. Dow Jones: Wie kommt es zu diesen Versäumnissen? Menzer:Rumänien hat sehr stark auf den Beitrittstermin hingearbeitet. Das Landhat es geschafft, sein Image und seine eigene Wahrnehmung positiv zuverändern. Insbesondere hat Rumänien über sich selbst mehr nachgedachtund die eigene Kraft erkannt. Das hat aber auch den Effekt, dass nochsehr viel geträumt wird. Gleichzeitig ist leider auch eineÜberheblichkeit aus einer gewissen Unkenntnis heraus entstanden. Vieleglauben, dass jeder Investor unbedingt nach Rumänien kommen möchte.Dann meint man, es reicht, wenn sich das Bürgermeisteramt oder dieGemeindeverwaltung nur begrenzt um ihn kümmert. Dow Jones: Wird derEU-Beitritt eine Investitionswelle auslösen, ist die Welle gar schonspürbar? Menzer: Ich gehe nicht davon aus, dass mit dem Beitritt eingroßer weiterer Schub kommen wird. Das liegt daran, dass Rumänien inden letzten zwei drei Jahren kontinuierlich gewachsen ist. Man siehtdas auch an den Zahlen. Das Bruttoinlandsprodukt ist allein 2005 um4,1% und 2006 um 7,2% gewachsen. In diesem Jahr werden 5,7% erwartet.Die Investoren sind in großer Zahl ins Land gekommen. Wer heute nachRumänien kommt, verfügt in der Regel bereits über erste Erfahrungen imOstgeschäft. Deshalb glaube ich, dass im Falle Rumäniens die meistenInvestitionsentscheidungen schon längst gefallen sind oder umgesetztwerden - das sehen wir auch an unseren Mandanten. Allerdings dürfte essowohl Mittelständler als auch Großunternehmen geben, die den genauenZeitpunkt für eine Investitionsentscheidung noch abwarten wollen.Dadurch dürfte sich der wirtschaftliche Aufschwung Rumäniens auch inden nächsten Jahren fortsetzen. Dow Jones: Sind ausländischeInvestitionen in den vergangenen Jahren sicherer geworden? Menzer: Ichglaube, dass Rumänien falsch verstanden wird. Rumänien ist soorganisiert, wie es einem Land möglich ist, das einen schwierigenTransformationsprozess beim Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaftzu meistern hat. Dass der Wandel in Rumänien später eingesetzt hat alsin anderen Staaten Osteuropas, weiß jeder. Deshalb ist das Land jetztauch erst da, wo beispielsweise Tschechien schon vor acht oder zehnJahren war. Dennoch kann ich sagen, dass Rumänien ein absolut sicheresPflaster für Investitionen ist. Weder im rechtlichen Bereich noch aufanderen Gebieten - sei es in Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft -müssen Investoren Angst haben, Dinge nicht regeln zu können oder dassihre Investitionenmorgen enteignet werden. Im Hinterkopf sollte man haben, dass inRumänien der späte Anfang der wirtschaftlichen Entwicklung und derrelativ schnelle Eintritt in die EU zusammengekommen sind. Es wurden inden Jahren des Umbruchs sehr viele Dinge äußerst schnell geändert.Dadurch ist natürlich viel Unruhe aufgekommen - aber das hat nichts mitRechtsunsicherheit zu tun, lediglich mit einer sehr schnellendynamischen Rechtsentwicklung. Und natürlich fehlen manchmalErfahrungswerte. Nehmen Sie die Verwaltung in Rumänien: Ist dieseflexibel und versucht, einem Investor zu helfen, kam in letzter Zeitsehr schnell der Vorwurf der Korruption auf. Dow Jones: Wie leicht istes, Boden zu erwerben, ein Unternehmen zu gründen oder Firmen zukaufen? Menzer: Man kann Grund und Boden in Rumänien noch nicht direktkaufen, sondern nur, wenn man eine Gesellschaft im Land gegründet hat.Da gibt es die gleichen Mechanismen und Schutzvorschriften wie in denanderen Beitrittsländern auch. Allerdings kann ein Ausländer, der inRumänien seinen Wohnsitz hat, seit diesem Jahr direkt Grund und Bodenerwerben. Es gibt allerdings noch Probleme bei den Grundstücken. Sohaben im Süden des Landes traditionell keine Grundbücher existiert.Hier machte sich der Balkan-Einfluss bemerkbar. So wurden dieGrundstückstransaktionen einfach durch die aufeinander folgendenKaufverträge dokumentiert. Im Norden und Westen Rumäniens gab esdagegen auf Grund der K.u.K-Zeit und des damit verbundenenösterreichischen und deutschen Einflusses seit 200 Jahren Grundbücher.Das wurde in der kommunistischen Zeit auch so fortgeführt. Mitte der90er Jahre kam es zu einer Vereinheitlichung. Dow Jones: Sind damit dieProbleme gelöst? Menzer: Es sind noch nicht alle Grundbücher - gemessenan westlichen Standards - schon perfekt. Es gibt auchRestitutionsfragen, die bis heute ungelöst sind. Das ist ein großerUnsicherheitsfaktor. Wenn man sich aber die Mühe macht, beimLiegenschaftserwerb detektivisch in die Historie zu gehen, ist auchdieses Problem zu lösen. Noch ein Wort zum Verhalten westlicherInvestoren: Viele von denen, die Mitte der 90er Jahre nach Rumänienkamen, wollten den Rumänen beibringen, wie es geht. Gleichzeitigwollten sie sich aber nicht an geltendes Recht halten, nach dem Motto:"Ich bin doch der Westler, ich schaffe Arbeitsplätze". Leider bemerkeich auch heute noch, dass viele Investoren nicht die nötige Sorgfaltbei ihren Geschäftsabwicklungen an den Tag legen. Bevor er eine guteBeratung in Anspruch nimmt, spricht mancher westliche Unternehmerlieber mit einer Person, die angeblich „gute Beziehungen” zumBürgermeister hat und verspricht, Dinge auf dem kleinen Dienstweg zulösen. Die Probleme, die dann entstehen, liegen aber nicht amRechtssystem, sondern einfach an der Art, wie ich mit meinerInvestition von Anfang bis Ende umgehe. Andere Mandanten überlassennichts dem Zufall - sei es bei der Rechtsberatung und derWirtschaftsberatung bis hin zum Bau. Die haben auch keine Probleme. DowJones: Rumänien hatte in den 90er Jahren große Probleme bei derPrivatisierung. Viele Staatsbetriebe waren überdimensioniert undbeschäftigten bis zu 10.000 Mitarbeiter. Wie schätzen Sie diesenProzess aus heutiger Sicht ein? Menzer: Die Privatisierung ist imGroßen und Ganzen umgesetzt worden. Die letzten großen Privatisierungenwaren die nationale Telefongesellschaft Romtelekom, die staatlicheRaffinerie Petrom sowie die von Mittal gekauften Stahlwerke und derBankensektor. Leider ist in vielen Bereichen nicht einfach nurprivatisiert, sondern auch zerstört worden. So hat mancher Käufereigentlich gar kein Interesse an dem erworbenenen Industriekombinatgehabt, sondern war lediglich an den guten Liegenschaften in zentralenLagen oder in interessanten Städten interessiert. Dow Jones: Rumänienringt mit den Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas um die Gunstausländischer Kapitalanleger. Was unterscheidet die Karpatenrepublikvon anderen Investitionsstandorten der Region? Menzer: Die Menschen undihre Ausbildung. Die Rumänen sind nicht slawischen Ursprungs,sondern Romanen. Das heißt, sie sind für westeuropäische Investorenviel leichter einzuschätzen. Deutsche, österreichische oder SchweizerUnternehmer schätzen besonders den Westen Rumäniens. Hier ist diesprachliche Kompetenz besonders groß und die kulturelle Nähe sehrintensiv. Die Menschen in dieser Region sind der westlichenLebenswirklichkeit viel näher als vielleicht einer russischenLebenswirklichkeit. Der Klang der Sprache ist angenehmer, auch wenn mansie nicht versteht. Hinzu kommt das gute Ausbildungsniveau. Es fälltauf, dass Rumänen, die heute um die 30 sind, eine sehr hoheAllgemeinbildung besitzen. Die technische Qualifikation ist ebenfallssehr hoch, weil viele der Leute in der Ceausescu-Zeit in ihrenKombinaten gute Industrieprodukte hergestellt haben. Dow Jones: Wiesteht es um die Produktivität? Menzer: Auch die Arbeitsintensität kannsich sehen lassen. Wir haben beispielsweise INA-Schaeffler KG und FAGKugelfischer nach Brasov begleitet. Dort arbeiten jetzt rund 3.000Arbeitnehmer, wobei die Produktivität schon fast auf Weststandard ist -und das nach anderthalbjähriger Produktion. Es gibt natürlich auchNachteile. Viele Rumänen sind schnell beleidigt, haben ein hohesEhrgefühl. Das muss man bei der Unternehmensführung beachten. Diegeographische Lage Rumäniens ist ein weiterer Standortvorteil. Hinzukommt die Struktur des Landes. 19 Städte haben mehr als 300.000Einwohner. Es gibt Cluster, die zwar relativ weit auseinander liegen.Aber sie sind für industrielle Schwerpunktbildungen - meist kombiniertmit Universitäten - von großem Vorteil. Von Nachteil ist der akuteFachkräftemangel. Viele Experten zieht es ins Ausland. Hinzu kommt,dass es keine beruflichen Ausbildungsstrukturen gibt. Durch dieKnappheit an qualifizierten Mitarbeitern - ich meine dieAbteilungsleiterebene und höher - ist auch das Land nicht billig. DieLöhne und Gehälter werden in den nächsten Jahren steigen und schnellwestliches Niveau erreichen. Dow Jones: Was raten Sie deutschenUnternehmen, die den Schritt auf den rumänischen Markt wagen wollen?Menzer: An Rumänien-Geschäften interessierte Kunden sollten vorsichtigsein, sich vor allem nicht auf die bereits erwähnten so genanntenBerater verlassen. Sie versprechen gern, alles für einen zu regeln,können es aber in der Regel nicht liefern. Zusammenfassend kann mansagen: Gehen Sie professionell bei der Markterschließung heran. LassenSie sich bei der Auswahl Ihres Beraters nicht allein von dessenSprachbegabung leiten, sondern suchen Sie nach seiner Qualifikation.Nicht immer ist auch der Lauteste der Beste. Wählen Sie Experten aus,die das Netzwerk in Rumänien kennen, aber nicht Teil des Netzes sind.Quelle Dow Jones News GmbH/ NfA/2.2.2007 Hintergrund Aktuell: Das BüroBukarest der Anwaltskanzlei Nörr Stiefenhofer Lutz: Leiter ist Dr. JörgK. Menzer. Das Büro hat 45 Mitarbeiter. Zu den Kunden zählenMittelständler ebenso wie internationale Großkonzerne. Die Kanzleiunterhält seit 1998 ein Büro in Bukarest. Das Büro Bukarest betreutwestliche und international operierende Kunden. Dazu zählen Unternehmenaus Deutschland, Österreich und Schweiz, aber auch Mandanten aus USA,England, und Spanien sowie weiteren Ländern, die Geschäfte in Rumänientätigen.