Die meisten Fahrzeughersteller in Spanien nehmen ihre Produktion wieder auf. Größter Unsicherheitsfaktor ist die Nachfrageentwicklung.
Von Oliver Idem | Madrid
Die Hersteller von Kfz und Kfz-Teilen waren eine der ersten Branchen in Spanien, die die Folgen der Coronakrise spürten. Ende April 2020 zeichnet sich eine schrittweise Rückkehr zur Normalität ab. Der Fahrzeughandel erwartet hingegen dramatische Einbrüche bei den Verkäufen im Jahresverlauf.
Die meisten Hersteller produzieren Anfang Mai 2020 wieder
Seat und Volkswagen, Ford, General Motors, Mercedes-Benz, Nissan, PSA, Renault und Iveco betreiben insgesamt 17 Produktionsstätten. Hinzu kommt die Busherstellung des baskischen Unternehmens Irizar.
Für die Wiederaufnahme der Produktion sind neben den benötigten Zulieferungen auch umfassende Auflagen für Gesundheitsschutz zu berücksichtigen. Am 4. Mai 2020 dürften die meisten Bänder wieder angelaufen sein. Die meisten Unternehmen beginnen mit einer reduzierten Produktion und wollen anhand der gesammelten Erfahrungen, dort wo es Notwendig erscheint, Prozesse nachjustieren. Da die Werke nur zum Teil ausgelastet sind, dürfte das Thema Kurzarbeit für die Fahrzeughersteller weiter aktuell bleiben.
Renault produziert laut Presseberichten seit dem 15. April in Valladolid wieder Motoren und in Sevilla Getriebe. Beide Fabriken haben eine hohe Bedeutung für den Export.
Mercedes-Benz will ab dem 26. April wieder in Vitoria fertigen und Volkswagen einen Tag später in Navarra die Fertigung aufnehmen. Bei Ford in Almussafes stehen die Bänder bis mindestens 27. April still und SEAT will Ende April die Produktion in Martorell wieder aufnehmen. Bei IVECO ist in Madrid und Valladolid der 4. Mai als Starttermin vorgesehen.
Lediglich bei PSA ist in Madrid, Vigo und Zaragoza noch kein Ende des Stillstands abzusehen. Anfang April erschien eine Zeitungsmeldung zu einer beabsichtigten Ausdehnung der Kurzarbeit bis zum 31. Juli 2020. Knackpunkt bei PSA ist offenbar nicht die Versorgung mit Teilen, sondern die erwartete geringe Fahrzeugnachfrage.
Spanien liegt bei der Herstellung von Kraftfahrzeugen in Europa auf dem zweiten Platz und weltweit auf Rang acht. Das Land schlägt sich im harten Standortwettbewerb erfolgreich. Der Kfz-Sektor steht laut Actualidad Económica für 10 Prozent des spanischen Bruttoinlandsprodukts und direkt sowie indirekt für 9 Prozent der Arbeitsplätze im Land. Mit Exportquoten von je nach Quelle 85 bis 90 Prozent fertigen die Hersteller vor allem für Auslandsmärkte.
Zuliefererverband erwartet uneinheitliche Entwicklung
Unter den Herstellern von Kfz-Teilen ist eine Differenzierung in Gewinner und Verlierer zu erwarten. Der Fachverband Sernauto sieht als entscheidende Faktoren das Niveau der bestehenden Bestellungen sowie die schrittweise Inbetriebnahme der Kfz-Fabriken in Spanien und Europa.
Mitte April 2020 waren die Kapazitäten der Automobilzulieferer nur zu 15 Prozent ausgelastet. Im 1. Quartal 2020 dürfte der Umsatz um 20 Prozent zurückgegangen sein und im 2. Quartal noch stärker fallen. Eine Rückkehr zum Umsatzniveau der letzten Jahre von etwa 37 Milliarden Euro dürfte sechs bis zwölf Monate dauern. Vor allem für KMU besteht die Herausforderung, die Liquidität zu sichern.
Kfz-Teilehersteller in Spanien sind vor allem eng mit Deutschland und Frankreich verbunden, die beide ebenfalls von der Coronakrise betroffen sind. In den vergangenen Jahren ist es den Unternehmen gelungen, ihre Exportmärkte zu diversifizieren. Die Bedeutung Chinas, Mexikos, der USA, Marokkos und der Türkei nimmt als Absatzmarkt zu. Der Fachverband Sernauto beobachtet, dass sich die Mitglieder auf die Suche nach neuen Kunden in Südostasien und dem Mercosur-Raum begeben.
Fahrzeughandel setzt auf staatliche Kaufprämien
Anders als die Fahrzeughersteller mit ihrem hohen Exportanteil und die internationalisierten Zulieferer hängt der Handel vor allem an der Entwicklung der spanischen Konjunktur. Entsprechend stark schlägt die Coronakrise auf die Händler durch. Der April 2020 war vollständig vom Alarmzustand erfasst und dürfte ein nahezu komplett verlorener Monat für den Handel werden. Im März fielen die Neuzulassungen bereits um 69 Prozent und die Werkstättenumsätze brachen um 95 Prozent ein.
Mitte April schätzte der Fahrzeughandelsverband Faconauto, dass sich von 162.000 Mitarbeitern knapp 152.000 in Kurzarbeit befanden. Der Händler- und Werkstättenverband Ganvam bezifferte den entgangenen Umsatz in den ersten vier Wochen des Alarmzustandes auf 4,5 Milliarden Euro. Diese Entwicklung trifft die Mitglieder besonders hart, denn ihre Durchschnittsrendite lag 2019 lediglich bei einem Prozent des Umsatzes.
Die Zeitung El Mundo veröffentlichte Mitte April eine Schätzung, derzufolge der Markt 2020 um 35 bis 40 Prozent auf etwa 800.000 Verkäufe einbrechen könnte. Die Händler favorisieren staatliche Kaufanreize, um das Geschäft nach der Krise wieder in Schwung zu bringen.
Das Umfeld für Fahrzeugverkäufe hat sich in Spanien selbst durch die Coronakrise massiv verschlechtert. Aufgrund des anhaltenden Stillstands im Tourismus, der Verunsicherung vieler Verbraucher durch den massiven Anstieg von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit und der schwierigen Liquiditätslage vor allem kleiner Unternehmen dürfte sich daran 2020 wenig ändern.
Dabei spricht die Struktur des spanischen Fahrzeugparks durchaus für einen hohen Erneuerungsbedarf. Das Durchschnittsalter der Fahrzeuge ist mit 12,4 Jahren hoch. Knapp 62 Prozent der Pkw und Geländewagen sind älter als zehn Jahre. Verschrottet werden Fahrzeuge erst, wenn sie im Mittel 19 Jahre alt sind, wie der Verband Anfac ermittelte.
In Spanien waren 2018 knapp 29,8 Millionen Kfz und damit 2,2 Prozent mehr als im Vorjahr zugelassen. Darunter befanden sich 24,1 Millionen Pkw und 5 Millionen Lkw sowie 226.000 Traktoren und 65.000 Busse. Weitere Hintergründe zum spanischen Kfz-Markt und der Sektorstruktur enthält die Branche kompakt Kfz 2019.


