Vor allem russische Banken kaufen sich ein / Von Harald Meyer
Die Bankenlandschaft der Republik Belarus ist mit gerade einmal 28 Geldinstituten recht überschaubar. Doch, was angesichts der Über-Reguliertheit der belarussischen Geld- und Kreditwirtschaft überraschen mag, in nicht weniger als 24 von ihnen ist bereits ausländisches Kapital investiert. Neun befinden sich zu 100% in ausländischer Hand. Die größten Akquisitions-Anstrengungen unternehmen zurzeit russische Banken. Die bisher spektakulärste Übernahme geht aber auf das Konto einer Bank aus Österreich.
Im Jahr 2003 erwarb die österreichische Raiffeisen-Zentralbank (RZB) beziehungsweise deren Ostbanken-Holding, die Raiffeisen International Beteiligungs AG (RIB), die belarussische Priorbank. Die Priorbank ist, je nach herangezogenem Indikator, die dritt- oder viertgrößte Bank des Landes. Dies kann als der beste Beleg dafür gelten, dass die belarussische Geld- und Kreditwirtschaft für ausländisches Beteiligungskapital keineswegs verschlossen ist. Auch die Eröffnung einer zu 100% ausländischen Bank ist in Belarus bereits seit längerem möglich.
Gleichwohl dominiert in der Geld- und Kreditwirtschaft des Landes bis heute eindeutig der Staat. Darin liegt ein wichtiger Unterschied zu den Verhältnissen in den westlichen Industrieländern, aber auch zu den osteuropäischen Reformstaaten. Vier der fünf größten Geldinstitute befinden sich vollständig in Staatsbesitz. Entsprechendes sieht auch die "Entwicklungskonzeption des Bankensystems der Republik Belarus" vor, der zufolge diese vier größten Banken des Landes auch bis 2010 noch mehrheitlich in Staatshand verbleiben müssen.
Der Anteil ausländischer Investoren am Satzungskapital des belarussischen Bankensektors (Gesamtumfang per 1.7.07: 2,96 Billionen Belarus-Rubel (BYR), umgerechnet 1,38 Mrd USD) machte am genannten Stichtag immerhin bereits 58% aus. Mehr Aufschluss über das Gewicht ausländischen Kapitals im Bankensektor von Belarus vermittelt aber der Indikator "Auslandsanteil an den Aktiva der belarussischen Banken". Die Summe aller Aktiva des Bankensektors beträgt 23,48 Billionen BYR (10,93 Mrd USD). Die Aktiva nahmen im Zeitraum Januar bis Juni 2007 um 9,8% zu. Die fünf größten Geldinstitute des Landes (vgl. Tabelle) vereinigten zum Jahresanfang circa 83% der gesamten Aktiva des Bankensektors auf sich. Der Auslandsanteil an der Gesamtsumme der Aktiva lag am 1.9.07 erst bei 8,8%.
Die ausländischen Kapitalbeteiligungen kommen außer aus Österreich und Russland unter anderem aus der Schweiz, den USA, Irland, Großbritannien, Zypern, Lettland, Litauen, Kasachstan, Hongkong und Libyen. Zurzeit gründet der tschechische Finanz-Oligarch, Risikokapitalgeber und Milliardär Petr Kellner, Chef der Prager Investmentbank PPF (Prvni Privatizacni Fond = Erster Privatisierungs-Fonds), in Minsk eine Tochtergesellschaft. Kellner kaufte Ende 2006 außerdem die kleine belarussische Lorobank. Diese soll Anfang 2008 schwerpunktmäßig im Konsumentenkredit-Geschäft tätig werden.
Die Banken Russlands, der Ukraine und Kasachstans haben beim Buhlen um die staatlichen Aktienpakete im wachstumsträchtigen belarussischen Bankensektor einen Wettbewerbsvorteil, der nicht unterschätzt werden sollte: Sie haben alles schon selbst durchgemacht, was den Banken im (jetzt noch in dieser Form existierenden) "sozialistischen Freilicht-Museum Belarus" erst bevorsteht. Sie kennen die schwierigen Bedingungen des Aufbaus eines Geldhauses unter den Bedingungen eines kleinen, erst im Entstehen begriffenen inländischen Marktes für Bankprodukte und Finanzdienstleistungen, einer unzulänglichen und oft in sich widersprüchlichen Banken-, Kredit- und Devisengesetzgebung, einer Bevölkerung mit niedrigen Einkommen und Sparquoten sowie einer Unternehmenssphäre mit häufig illiquiden, nicht über bankübliche Sicherheiten verfügenden Betrieben.
Kapitalengagements im belarussischen Bankensektor sind ein Unternehmen, das erst nach einem halben Dutzend oder mehr Jahren - jedenfalls erst nach Ingangsetzung einer tief greifenden Wirtschaftsreform im Lande - Renditen abwerfen dürfte. Es könnte von Vorteil sein, sich schon jetzt am Banken-Platz Minsk mit guter Adresse zu etablieren und die Öffnung und Deregulierung der belarussischen Wirtschaft einschließlich ihres Banken-Sektors "vor Ort" mitzumachen.
Die Bank Moskwy (Bank Moskaus) beherrscht bereits heute das belarussische Geldinstitut Moskwa-Minsk. Wladimir Missarshewski, Mitglied des Direktoriums der Bank Moskwy, begründet das Kapitalengagement seines Hauses in Belarus unter anderem mit den Geschäftsinteressen seiner dort tätigen russischen Klientel. So beliefere das Eisen- und Stahl-Kombinat TulaTscherMet führende belarussische Automobil- und Nutzfahrzeugbauer, darunter die Traktorenfabrik Minsk (MTZ), die Automobilfabrik Minsk (MAZ) und das Belarussische Automobilwerk (BelAZ), mit Vorerzeugnissen, Baugruppen und Teilen.
Über Tochterinstitute in Belarus verfügen inzwischen auch die RosBank und die GazPromBank. Letztere kontrolliert die BelGazPromBank. Diese ist hauptzuständig für die Umschuldung belarussischer Betriebe der Erdgas- und Kommunalwirtschaft, das heißt der Bezieher und Endabnehmer von russischem Erdgas.
Ambitiöse Pläne verfolgt in Belarus die VneschTorgBank (VTB, Moskau). Nach Angaben ihres Vizepräsidenten Wassili Titow hat sie kürzlich die belarussische SlawNefteBank übernommen, beziehungsweise sie hat ihre dortige Beteiligung auf 50% plus eine Aktie aufgestockt. Die russische VneschEkonomBank (VEB) ist inzwischen Mehrheitsgesellschafterin bei der BelVneschEkonomBank. Pjotr Prokopowitsch, Vorstandsvorsitzender der Nationalbank von Belarus, rechnet damit, dass die VTB und die VEB in den kommenden Jahren Investitionen in Höhe von jeweils 150 Mio bis 200 Mio USD pro Jahr in die von ihnen erworbenen belarussischen Geldinstitute vornehmen werden. Die russische Alfa-Bank, so Prokopowitsch, interessiere sich für einen Kapitaleinstieg bei der MeshTorgBank.
Einige Übernahmefälle werden auch von Seiten ukrainischer Banken gemeldet. Hierbei soll es sich jedoch durchweg um Akquisitionen kleiner Geldinstitute handeln, darunter zum Beispiel die Übernahme der privaten Internationalen Reserve-Bank (MRB) durch die ukrainische Eurokredit-Gruppe, einen Investmentfonds. Die PrivatBank des ukrainischen Finanz-Magnaten Ihor Kolomoisky hat sich nach dem Zusammenbruch und der Liquidation der Belarussischen Börsen-Bank, an welcher sie mit 12% des Kapitals beteiligt war, vom Markt zurückgezogen.
Als einzige deutsche Geschäftsbank ist die Commerzbank AG in dem osteuropäischen Land präsent. Sie unterhält in Minsk seit 1993 eine Repräsentanz. Über Kapitalbeteiligungen an Geschäftsbanken beziehungsweise über eigene Niederlassungen und Filialen verfügen deutsche Geldinstitute in Belarus bislang nicht.
Die Nationalbank der Republik Belarus verhandelt zurzeit mit nicht näher genannten ausländischen Geschäftsbanken über den Verkauf von durch die Nationalbank gehaltenen Aktienpaketen inländischer Geldinstitute. Dabei soll es um Beteiligungen an der BelWneschEkonomBank, an der ParitetBank sowie an der Bank für Internationalen Handel und Investitionen gehen. Anderen belarussischen Geldinstituten liegen dem Vernehmen nach Investitions-Offerten ausländischer Banken vor.
Beobachter der belarussischen Banken-Szene sind sich darüber im Klaren, dass die Geldinstitute frisches Geld aus dem Ausland - möglichst das Kapital "strategischer Investoren" und zugleich deren Know-how - benötigen, um die Expansion der Wirtschaft mit Kreditvergaben begleiten und ihre eigene weitere Modernisierung und Filialnetzerweiterung bewältigen zu können. Die Filialnetze der belarussischen Banken sind außerhalb der Hauptstadt Minsk bisher erst schwach entwickelt. Besonders großer Nachholbedarf besteht in den Regionen Grodna (Grodno) und Mahiljou (Mogilew).
Gleichwohl gilt der Bankensektor im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen des Landes als verhältnismäßig innovativ. Die Rechnungslegung erfolgt mittlerweile nach internationalen Standards (IFRS/IAS). Im externen Länderrating konnte Belarus zuletzt ein wenig punkten. Die führende internationale Rating-Agentur Moody\'s Investors Service bewertet das Belarus-Risiko seit August 2007 mit B1, das heißt eine Stufe unterhalb des Länderratings der Ukraine. Ebenfalls im August 2007 hat Standard and Poor\'s seine Bewertung auf B+ festgesetzt, "Ausblick stabil". Beide Agenturen sehen leichte Verbesserungen einiger makroökonomischer Indikatoren, verweisen aber zugleich auf die Risiken gestiegener und weiter steigender Energiepreise für die Außenwirtschaft des Landes beziehungsweise die Entwicklung seiner Leistungsbilanz.
Die führenden belarussischen Banken nehmen neuerdings verstärkt syndizierte Kredite im Ausland auf beziehungsweise refinanzieren sich verstärkt auf dem internationalen Kreditmarkt. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE, London) plant die Einrichtung einer "Mikro-Finanzbank" für die Vergabe von Kleinkrediten an kleine und mittelständische Unternehmen in Belarus. Die Commerzbank AG wird sich voraussichtlich mit 10% des Kapitals beteiligen.
Quelle: DowJones/NfA/20.11.07


