Spanien zählt zu den am stärksten von der Coronakrise betroffenen Ländern in Europa. EU-Gelder sollen für neue Anreize im Infrastrukturbau sorgen.
Von Oliver Idem | Madrid
- Anzahl der Baugenehmigungen sinkt
- Anhaltender Trend zum Home Office könnte den Bürobau verändern
- Aussichten für Schienenprojekte verbessern sich
- Geschäftschancen durch smarte, effiziente, altersgerechte Gebäude
Anzahl der Baugenehmigungen sinkt
Die Mitglieder des Verbandes der großen Bauunternehmen SEOPAN verzeichneten 2019 einen Inlandsumsatz von rund 5,2 Milliarden Euro. Auf das Geschäft mit privaten und öffentlichen Auftraggebern entfiel jeweils die Hälfte des Gesamtumsatzes. Dieser speiste sich zu jeweils 50 Prozent aus Hoch- und Tiefbauprojekten. Als dynamischstes Segment erwies sich der private Wohnungsbau.
In den ersten fünf Monaten 2020 machte sich die Coronakrise bei der Anzahl der Genehmigungen für Neubauten bemerkbar. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum wurden nur noch 10.296 Vorhaben genehmigt, was einem Rückgang um 24,5 Prozent entspricht.
Gemessen an den neuen Baugenehmigungen von Januar bis Ende Mai dürfte der Wohnungsbau 2020 einen Gang zurückschalten. Etwa 75 Prozent der Spanier leben in eigenen Wohnungen oder Häusern. Dieses Lebensmodell rückt durch die Folgen der Coronakrise für viele in weite Ferne. Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und Sorge um das künftige Einkommen erschweren die Finanzierbarkeit von Wohneigentum.
Hinzu kommt, dass bislang vor allem Jüngere entlassen wurden. Damit treffen die Krisenfolgen verstärkt die Gruppe in der Familiengründungsphase. Während der ersten Welle der Pandemie mehrten sich laut Medienberichten die Forderungen nach einer Stärkung des staatlich initiierten Mietwohnungsbaus.
Der Bau von Studentenwohnungen entwickelte sich in den vergangenen Jahren äußerst dynamisch. Bis 2022 stehen 68 Projekte mit knapp 22.300 Wohnplätzen im ganzen Land vor dem Abschluss. Aufgrund der Coronakrise ist allerdings schwer vorherzusagen, ob das Interesse ausländischer Studenten an einem Studienplatz in Spanien nachlassen wird.
Auf der anderen Seite der Alterspyramide fehlen laut einem Bericht von Cinco Días circa 100.000 Plätze in Seniorenwohnheimen. Bis 2033 sollen 270.000 Betten erforderlich sein, um den Bedarf zu decken. Der Nachfrageüberhang zieht bereits das Interesse spanischer und internationaler Investoren auf sich.
Zwei Faktoren könnten die Aussichten für Fertighäuser und vorgefertigte Bauteile positiv beeinflussen. Aufgrund der Zeit- und Kostenvorteile erscheinen sie als eine Lösung, um zeit- und kostengünstig bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Hinzu kommt, dass demografische Veränderungen auch den Bausektor betreffen und die Mitarbeiterschaft altert.
Anhaltender Trend zum Home Office könnte den Bürobau verändern
Infolge der Coronakrise boomte das Home Office, vor allem bei größeren Unternehmen. Laut dem Statistikamt INE wollen 37 Prozent dieser Unternehmen das Instrument mindestens bis Ende 2020 weiter nutzen. Damit sind Konsequenzen für den künftigen Büroflächenbedarf wahrscheinlich. Weniger notwendige Quadratmeter oder andere Raumaufteilungen könnten für Veränderungen sorgen. Vor der Krise befanden sich laut der Wirtschaftszeitung Expansión alleine in Madrid und Barcelona 40 Büroprojekte im Bau.
Im Industriebau sind seit einigen Jahren Modernisierungsprojekte größerer Unternehmen zu beobachten. Dabei handelt es sich um ein smartes Aufrüsten bestehender Anlagen, um sie für das Zeitalter der Digitalisierung fit zu machen.
Schon vor der Coronakrise wurden in Spanien einige größere Logistikprojekte auf den Weg gebracht. Durch den wachsenden Onlinehandel ist es wahrscheinlich, dass dieser Trend anhalten wird.
Aussichten für Schienenprojekte verbessern sich
Zu den größten Bauprojekten Spaniens gehören die Schnellzuglinien Madrid-Barcelona und Madrid-Levante. Die Rahmenbedingungen für Bahnvorhaben dürften sich laut Presseberichten in den kommenden Jahren verbessern. Im Sommer 2020 kündigte Ministerpräsident Pedro Sánchez an, dass Teile des EU-Hilfspakets für Spanien im Gesamtwert von 140 Milliarden Euro für lokale und übergreifende Schienenprojekte verwendet werden sollen.
Der Investitionsbedarf im Wassersektor liegt laut dem Fachverband SEOPAN bei 12 Milliarden Euro. In den vergangenen Jahren wurden jedoch nur wenige und eher kleine Vorhaben umgesetzt.
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Kennziffer |
2018 |
2019 |
Veränderung 2019/18 |
|---|---|---|---|
|
Wert der Bauinvestitionen insgesamt, davon |
4.758 |
5.216 |
9,6 |
|
Wohnungsbau |
537 |
868 |
61,6 |
|
öffentlich |
43 |
91 |
111,6 |
|
privat |
494 |
777 |
57,3 |
|
Wirtschaftsbau |
1.899 |
1.813 |
-4,5 |
|
Infrastrukturbau |
2.322 |
2.535 |
9,2 |
|
öffentlich |
1.841 |
1.985 |
7,8 |
|
privat |
481 |
550 |
14,3 |
Der staatliche Wohnungsplan Plan Estatal de Vivienda 2018 bis 2021 befand sich im Sommer 2020 in der Überarbeitung. Künftig soll der Wohnungsbestand des Staates erhöht werden. Für junge Menschen in Gemeinden bis 5.000 Einwohner sollen die Hilfen für den Wohnungskauf ausgeweitet werden. Der Stadtsanierungsplan zur Aufwertung von 193 Gebieten steht vor einer Verlängerung bis Ende 2022. Neue Pläne für die Folgeperiode befinden sich bereits in der Entwicklung.
Eine Daueraufgabe bildet die Erhaltung von Spaniens reichhaltigem kulturellem Erbe. Das Land verfügt allein über 48 UNESCO-Weltkulturerbestätten. Die gotische Kathedrale von León ist ein Beispiel für ein Bauwerk, das immer wieder mit modernen Methoden restauriert wird.
Geschäftschancen durch smarte, effiziente, altersgerechte Gebäude
Geschäftschancen sehen Experten in Zulieferungen und Lösungen für den energieeffizienten, gehobenen Neubau, die energetische Altbausanierung und ihre Einpassung in smartere Städte. Es geht um innovative Materialien und Konzepte (Luftfilterung, dynamische Fassaden, Begrünungskonzepte, Klima- und Heiztechnik, Gebäudeautomatik und Wohnrobotik), die auf die spanischen Bedingungen passen.
Barrierefreiheit, Sicherheit und altersgerechtes Wohnen sind in der alternden, langlebigen spanischen Gesellschaft weitere wichtige Themen. Im Innenausbau könnten deutsche Firmen auch bei Hotels oder Erneuerungsprojekten ausländischer, speziell deutscher Immobilienbesitzer zum Zuge kommen. Letztere konzentrieren sich an der Costa Blanca um Alicante, auf Mallorca, den Kanaren, der Costa del Sol um Málaga.
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Projektbezeichnung |
Investitionssumme |
Projektstand |
Projektträger |
|---|---|---|---|
|
neues Stadtviertel Madrid Nuevo Norte |
7.300 |
Umsetzung ab 2021 |
Betreibergesellschaft: Distrito Castellana Norte (DCN) |
|
erste Phase Verbindung Schnellzuglinien Madrid-Levante und Madrid-Barcelona |
6.725 |
schrittweise Ausschreibungen |
|
|
Immobilienplan für die Flughäfen Madrid-Barajas und El Prat (Barcelona) |
4.261 |
Umsetzung seit 2019. Erste Grundstücksausschreibungen ab Frühjahr 2021. Die Betreibergesellschaft will in ihrem Immobilienplan die Logistikflächen fördern wegen des wachsenden Onlinehandels in der Coronapandemie |
|
|
neuer Hafenterminal Nord, Puerto de Valencia |
1.021 |
drei Phasen von 2020 bis 2027 |
|
|
Logistikplattform Alma Henares Parque Tecnológico in Meco (Madrid) und Azuqueca (Guadalajara) |
1.000 |
Geplanter Vermarktungsbeginn Frühjahr 2022. Grenzüberschreitender Logistikkorridor und Technologiepark, 3,5 Mio. m2, zwischen den Gemeinden Meco und Azuqueca |
Rathaus Azuqueca de Henares |
|
Sanierung des Fußballstadions Santiago Bernabéu von Real Madrid |
575 |
Umsetzung bis Sommer 2022 |
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Umbau des Krankenhauses La Paz, Madrid |
504 |
Ende 2020 bis 2032 |
|
| neues Stadtviertel in Montegancedo, (Pozuelo de Alarcón, Madrid) |
500 |
Geplanter Baubeginn 2021. Projekt im gehobenen Segment |
Projektentwickler Aedas Home und Pryconsa |
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Wohnungsbauprojekt in Palmas Altas Sur, Sevilla |
400 |
PPP-Projekt vor dem Beginn. Abkommen zwischen dem Bauunternehmen Metrovacesa und der Kommunalregierung Sevilla. Umfasst circa 5.000 Wohneinheiten. Die Hälfte davon sollen Sozialwohnungen werden |
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|
multimodaler MegaHub Andalucia, Antequera (Málaga) |
350 |
vor Beginn; zwei Bauphasen geplant |
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