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Covid-19: Allgemeine Situation und Konjunkturentwicklung


Covid-19: Allgemeine Situation und Konjunkturentwicklung | Special | Spanien | Coronavirus

Die zweite Infektionswelle wirft Spanien wirtschaftlich zurück. Das Vorkrisenniveau dürfte frühestens 2023 wieder erreicht werden. (Stand: 15. Dezember 2020)

Von Oliver Idem | Madrid

Spanien ist von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie stärker betroffen als alle anderen 27 Mitglieder der Europäischen Union (EU). Die Europäische Kommission schätzte in ihrer Herbstprognose, dass die spanische Wirtschaftsleistung 2020 um 12,4 Prozent einbrechen wird. Im EU-Durchschnitt liegt der Rückgang des Bruttoinlandsproduktes (BIP) bei nur 7,4 Prozent. Mit 5,4 Prozent Wachstum soll 2021 eine Trendwende einsetzen. Auch bei einem erwarteten weiteren Zuwachs von 4,8 Prozent im Jahr 2022 wäre das Vorkrisenniveau noch nicht wieder erreicht.

In der Krise wird deutlich, wie stark Spanien von Tourismuseinnahmen abhängt. Auch die kleinteilige Struktur der Wirtschaft erweist sich als Nachteil. Kleinen Unternehmen und Selbstständigen fehlen oft die Mittel, um eine anhaltende Krise bewältigen zu können. Zudem sind sie meistens auf den Inlandsmarkt angewiesen.

Im September 2020 zeigt die spanische Wirtschaft ein sehr uneinheitliches Bild. Grob nach Sektoren betrachtet erweist sich die Landwirtschaft als am stabilsten. Der Rückgang der Industrieproduktion verlangsamt sich. Im Dienstleistungssektor mischen sich höchst unterschiedliche Trends. 

Politik und Gesellschaft begegnen den Herausforderungen der Pandemie mit wenig Einigkeit. In der Krise treten eher Konfliktlinien und Probleme deutlich hervor. Die politischen Gegensätze sind stark und die Regierung verfügt über keine eigene Mehrheit. Am 4. Dezember konnte allerdings der Haushalt für 2021 verabschiedet werden.

Zweites Quartal 2020 markierte den bisherigen Tiefpunkt

Die spanische Wirtschaft erlebte im 2. Quartal 2020 infolge des harten Lockdowns im Inland und der einbrechenden Auslandsnachfrage den bisherigen Tiefpunkt der Krise. Das 3. Quartal lief wesentlich besser, ohne an den Vorjahreszeitraum heranzureichen.

Einen Unsicherheitsfaktor für das 4. Quartal bildet die zweite Infektionswelle. Ein negatives Anzeichen ist der sprunghafte Anstieg neuer Kurzarbeitsfälle in den ersten beiden Novemberwochen. In diesem Zeitraum wurden Neuanmeldungen für 150.000 Personen vorgenommen. Anfang Dezember wurden zunehmend weniger neue Infektionen registriert. Offen war, ob dieser Trend trotz der bevorstehenden Feiertage anhalten wird.

Der Kreditversicherer Coface ging Anfang August 2020 davon aus, dass Spanien gegenüber dem Vorjahr 22 Prozent mehr Unternehmensinsolvenzen verzeichnen wird. Dafür spricht auch das steigende Verschuldungsniveau. Laut der Zeitung El País nahm die Verschuldung spanischer Unternehmen (außer aus dem Finanzsektor) zwischen März und Juni um 55 Milliarden Euro zu. Damit lag das Gesamtniveau bei rund 945 Milliarden Euro. Zuvor hatten die Unternehmen des Landes ihre Verschuldung im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung zehn Jahre lang gesenkt.

Private Verbraucher sind durch die schlechten Nachrichten aus der Wirtschaft und vom Arbeitsmarkt verunsichert. Noch federn Kurzarbeit und Avale für Unternehmen einen Teil der Lasten ab. Nach dem Ende der Kurzarbeitsregelungen und wenn die Rückzahlung gewährter Hilfen ansteht, könnte sich die Krise noch einmal verschärfen. 

Im 2. Quartal 2020 wurden über 1 Million Jobs vernichtet, ein Rekord seit Beginn der statistischen Erhebung im Jahr 2002. Dieser Kahlschlag hinterließ auch seine Spuren bei den Ausgaben: Im 3. Quartal lag der Konsum der spanischen Haushalte um 10,2 Prozent unter dem Vorjahresniveau.

Tourismusbranche kann nur auf den Sommer 2021 hoffen

Der Tourismus ist besonders hart getroffen. Der Branchenverband Exceltur rechnet damit, dass die Einnahmen des Sektors 2020 um 99 Milliarden Euro unter dem Ergebnis des Vorjahres liegen werden. Das entspräche einem Einbruch des Geschäfts mit in- und ausländischen Kunden um mehr als die Hälfte. Davon sind viele weitere Unternehmen betroffen, etwa Autovermieter, Restaurants sowie Nahrungsmittel- und Getränkelieferanten. 

Im Juni brachte die Regierung ein Hilfspaket für die Branche auf den Weg, das allerdings zum Großteil aus Krediten und Darlehen zur Innovationsförderung besteht. Gegenüber dem erwarteten Umsatzeinbruch wirken die knapp 3,4 Milliarden Euro Kredite für den Tourismus eher wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Unternehmen aus dem Tourismussektor steht auch das Avalprogramm der Regierung offen. Aus dieser Quelle flossen bis Ende Juli 2020 rund 14,4 Milliarden Euro an 111.000 Empfänger. Das Industrieministerium bezifferte im September 2020 die Staatshilfen für den Sektor auf insgesamt rund 25 Milliarden Euro.

Fragiler Aufwärtstrend von Juli bis September 2020

Im 3. Quartal 2020 lag die spanische Wirtschaftsleistung um 8,7 Prozent unter dem Wert des Vorjahreszeitraums. Doch wichtige Indikatoren zogen gegenüber der dramatisch schlechten Vorperiode wieder an. Die Ausrüstungsinvestitionen blieben noch um 8,7 Prozent unter dem Niveau des 3. Quartals 2019 zurück. Bei den Bauinvestitionen betrug der Rückgang noch 15,2 Prozent. Die Ausfuhren verzeichneten ein Minus von 17 Prozent, bei den Einfuhren waren es 15,7 Prozent weniger.

Das Haushaltsdefizit wird gemäß der Herbstprognose der Europäischen Kommission 2020 auf 12,2 Prozent hochschnellen. Dazu tragen sowohl die außergewöhnlichen Kosten der Pandemie als auch fallende Einnahmen bei.

Entsprechend positiv wurde die Einigung auf das große Hilfspaket der Europäischen Union (EU) vom 21. Juli 2020 aufgenommen. Spanien zählt zu den Nutznießern des Programms, das aus insgesamt 390 Milliarden Euro Direktzuschüssen und 360 Milliarden Euro Krediten besteht. Auf Spanien entfallen laut einer Pressemitteilung der Regierung insgesamt 140 Milliarden Euro. Davon werden 72,7 Milliarden Euro in Form von Zuschüssen gewährt. Im Oktober 2020 stellte die Regierung einen Plan vor, wie das Geld verteilt werden soll. Die Zielrichtung ist ein "grüneres" und digitaleres Spanien.

Die AHK Spanien informiert mit einer deutschsprachigen Sonderseite über neuste Entwicklungen zu Covid-19 im Land, die wesentlichen Rechtsgrundlagen und beantwortet häufig gestellte Fragen.​

Quelle: GTAI