Covid-19: Auswirkungen auf ausgewählte Branchen | Special | Spanien | Coronavirus
Die Krise trifft viele Wirtschaftszweige in Spanien. Die Industrie erholt sich schneller als Teile des Dienstleistungssektors. (Stand: 15. Dezember 2020)
Von Oliver Idem | Madrid
- Industrieproduktion wieder nah am Vorjahresniveau
- Exporte beleben die Automobilfertigung
- Einbruch der Übernachtungszahlen schwächt sich ab
- Bauwirtschaft setzt auf Wohnungen und Infrastruktur
- Einzelhandelsumsätze tasten sich an das Niveau von 2019 heran
Die Folgen von Covid-19 schlagen stark auf die spanische Industrie und den Dienstleistungssektor durch. Eine Umfrage der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG im Juli 2020 ergab, dass von den befragten Unternehmen nur 10 Prozent ihren Umsatz nicht durch die Pandemie betroffen sahen. Für die kommenden zwölf Monate bis Mitte 2021 gingen 28 Prozent davon aus, das Vorkrisenniveau wieder erreichen zu können. Für 42 Prozent der Befragten ist dies erst 2022 in Sicht; 20 Prozent erwarten, dass ihr Unternehmen erst nach 2022 wieder an die Umsatzhöhe vor der Krise anknüpfen kann.
Industrieproduktion wieder nah am VorjahresniveauDie meisten Wirtschaftsindikatoren weisen von Monat zu Monat starke Schwankungen auf. Eine einheitliche Erholung ist noch nicht zu erkennen. Die Industrie sendet insgesamt ein positives Signal. Im Oktober fiel der kalenderbereinigte Index der Industrieproduktion um 1,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Im September hatte er noch 3,1 Prozent unter dem Wert der Vergleichsperiode gelegen.
Im Oktober 2020 befanden sich noch knapp 600.000 spanische Arbeitnehmer in Kurzarbeit. Die Tendenz zeigt aufgrund von lokalen Einschränkungen von Bewegungsfreiheit, Öffnungszeiten etc. seitdem wieder nach oben. Im ohnehin schwachen Winter auf dem Arbeitsmarkt sind die Vorzeichen schlecht.
Mittlerweile zeigt sich, dass in der Hotellerie und Gastronomie sowie dem Handel die verfestigten Schwerpunkte der Kurzarbeit liegen. Für das Gastgewerbe sind die Aussichten weiterhin ungünstig. Viele Hoffnungen des Handels ruhen auf dem Weihnachtsgeschäft.
Exporte beleben die AutomobilfertigungDie Kfz- und Kfz-Teileindustrie in Spanien kommt langsam aus der Krise. Der Inlandsmarkt brach im April nahezu vollständig zusammen. Nach einem Zwischenhoch im Sommer blieben die Verkäufe wieder deutlicher unter dem Niveau der Vorjahresmonate zurück. Die Wirtschaftszeitung Expansión berichtete im Dezember 2020 von einer inoffiziellen Schätzung aus der Branche, dass die Neuzulassungen in Spanien 2021 um 20 Prozent steigen werden.
Im Export verfügt die Kfz-Branche über zwei große Vorteile. Die wichtigen europäischen Abnehmerländer leiden wirtschaftlich weniger unter der Coronakrise als Spanien. Damit sind auch die Absatzaussichten dort günstiger als auf dem Inlandsmarkt. Hinzu kommt, dass die spanischen Automobilwerke über eine attraktive Produktpalette verfügen und sich die Fahrzeuge entsprechend gut verkaufen.
Einbruch der Übernachtungszahlen schwächt sich abDer Tourismussektor im weiteren Sinne gehört zu den am härtesten betroffenen Dienstleistungsbereichen. Im Herbst entfernte sich die Auslastung noch weiter vom Vorjahresniveau. Im September brach die Zahl der Hotelübernachtungen gegenüber dem Vorjahresmonat um 78,4 Prozent ein. Der Oktober fiel mit minus 83,3 Prozent noch schlimmer aus. Viele Hotels versuchen, durch neue Angebote ihre Auslastung zu steigern.
Der angeschlagene Hotelsektor weckt vermehrt das Interesse von Investoren. Während viele Tourismusunternehmen Liquidität benötigen, hoffen Fonds und andere Investoren auf günstige Geschäftsmöglichkeiten.
Ein von der Regierung verkündetes Hilfsprogramm für die Tourismusbranche mit 2,5 Milliarden Euro garantierten Krediten und 859 Millionen Euro zur Innovationsförderung in der Branche wirkt angesichts der zweistelligen Milliardenverluste im Sektor eher bescheiden dimensioniert. Der Fachverband Exceltur rechnet nämlich mit einem Rückgang der kumulierten Tourismuseinnahmen von 99 Milliarden Euro für 2020. Im September gingen Branchenexperten davon aus, dass erst das Frühjahr 2021 eine nennenswerte Verbesserung für den Tourismus bringen könnte.
Bauwirtschaft setzt auf Wohnungen und InfrastrukturDie im Frühjahr eingeschränkte Bautätigkeit belebt sich. Nachdem die Bauinvestitionen im 2. Quartal um 27,7 Prozent nachgegeben hatten, verzeichneten sie im 3. Quartal noch einen Rückgang um 15,2 Prozent. Der vom Industrieministerium ermittelte Zementverbrauch lag kalenderbereinigt im September 2020 um 0,9 Prozent über dem Wert von September 2019. Im Oktober fiel der Zementkonsum allerdings mit minus 13,1 Prozent unter den Durchschnitt des bisherigen Jahres zurück.
Auf mittlere Sicht versprechen Infrastrukturprojekte und der Bedarf an mehr Wohnungen positive Zahlen. Spaniens großen Bau- und Infrastrukturkonzernen gelang es im Jahresverlauf, zahlreiche Aufträge und Konzessionen im Ausland an Land zu ziehen. Damit konnten sie sich unabhängiger von der gedämpften Entwicklung in Spanien machen.
Einzelhandelsumsätze tasten sich an das Niveau von 2019 heranDie Verkäufe im Einzelhandel lagen im Sommer 2020 nur noch geringfügig unter dem Vorjahresniveau. Im September verzeichnete der arbeitstäglich bereinigte Index des Statistikamtes ein Minus von nur noch 3,6 Prozent. Für Oktober lag der Wert bei minus 2,4 Prozent. Der Aufwärtstrend im Einzelhandel gehört zu den konstantesten Tendenzen unter den Wirtschaftsindikatoren Spaniens.
In einem unsicheren gesamtwirtschaftlichen und Arbeitsmarktumfeld leidet jedoch das Verbrauchervertrauen. Laut der Europäischen Kommission lag dieses im November 2020 um 29 Punkte unterhalb des Niveaus von November 2019.
Viele spanische Verbraucher sparen aufgrund unsicherer Aussichten mehr und kürzen ihre Ausgaben. So werden weniger Speisen und Getränke auswärts konsumiert als vor der Krise üblich. Dazu trägt auch die verstärkte Arbeit im Homeoffice bei.
Die Lage des Textil- und Bekleidungshandels bleibt kritisch. In den ersten elf Monaten des Jahres 2020 blieb der Umsatz laut der Wirtschaftszeitung Cinco Días um 40,5 Prozent hinter dem Vorjahreszeitraum zurück. Nach Einbußen zwischen 70 und 90 Prozent in den Monaten März bis Mai zeichnete sich im Juni und Juli eine Verbesserung ab. Zwischen August und November lag das Minus dann wieder zwischen 33 und 37 Prozent. Auch Rabatte und der "Black Friday" konnten die Umsatzsituation nicht verbessern.


