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Spanien

Covid-19: Auswirkungen auf ausgewählte Branchen


Die Krise trifft sehr viele Wirtschaftszweige in Spanien. Die Lage ist ernst, viele Unternehmer haben negative Erwartungen. (Stand: 5. Juni 2020)

Von Oliver Idem | Madrid

Die Folgen von Covid-19 schlagen sehr stark auf die spanische Industrie und den Dienstleistungssektor durch. Laut dem Unternehmensvertrauensindex Índice de Confianza Empresarial Armonizado gingen 75 Prozent von 8.000 befragten Unternehmen mit negativen Erwartungen in das 2. Quartal 2020. Deutsche Unternehmen in Spanien planen 2020 zu über 77 Prozent geringere oder keine Investitionen. Zu den Details dieser Unternehmensbefragungen hat Germany Trade & Invest einen Überblick veröffentlicht.

Im Juni 2020 befanden sich noch 3 Millionen spanische Arbeitnehmer in Kurzarbeit. Diese Maßnahme ist zum Beispiel im Handel, Teilen des Dienstleistungssektors und bei Industrieunternehmen mit geringer Nachfrage zu einem Massenphänomen geworden. Arbeitslosigkeit betraf im Mai 3,9 Millionen Menschen. Hier dominierte klar der Dienstleistungssektor mit 2,8 Millionen Betroffenen. Zudem waren 327.000 Arbeitslose vorher in der Industrie und 321.000 in der Bauwirtschaft tätig. 

Automobilindustrie fertigt wieder, jedoch geringere Stückzahlen

Die Kfz- und Kfz-Teileindustrie in Spanien kommt nur langsam aus der Krise. Seit der ersten Maiwoche arbeiten die meisten Automobilhersteller wieder, jedoch unter strengen Gesundheitsauflagen und mit reduzierten Stückzahlen. PSA dehnt die Kurzarbeit voraussichtlich bis in den Sommer hinein aus. Laut einer Pressemeldung wäre die Teileversorgung gesichert, die erwartete Fahrzeugnachfrage ist aber zu gering. Bei PSA wird von einem Stillstand der Bänder bis zum 31. Juli 2020 ausgegangen.

Mit dem Nachfrageproblem steht PSA nicht alleine da. Die exportabhängige spanische Automobilindustrie leidet unter Einbrüchen der Verkäufe auf wichtigen Auslandsmärkten. Zum Teil haben sich dort auch hohe Lagerbestände von Fahrzeugen akkumuliert. Medienberichten zufolge versucht der Handel, einen Bestand von 200.000 Kfz mit Rabatten von bis zu 20 Prozent in den inländischen Markt zu drücken. Die Anzahl der in Spanien produzierten Kfz könnte 2020 um 25 Prozent sinken. Für den Umsatz der Teilehersteller wird mit einem Minus zwischen 20 und 30 Prozent gerechnet.

Völliger Zusammenbruch des Tourismus im April

Der Tourismussektor im weiteren Sinn gehört zu den am härtesten getroffenen Dienstleistungsbereichen, was eine Erklärung für die hohe Arbeitslosigkeit ist. Bis 2019 verzeichnete die Branche sieben Rekordjahre in Folge mit zuletzt 84 Millionen ausländischen Gästen, die 92 Milliarden Euro ausgaben. Nun sorgen Reisebeschränkungen und die noch limitierte Bewegungsfreiheit im Inland für einen beispiellosen Absturz. Fluggesellschaften und Hotelketten melden reihenweise Kurzarbeit an. Ein von der Regierung angekündigtes Hilfsprogramm mit 2,5 Milliarden Euro garantierten Krediten und 151 Millionen Euro für Digitalisierungsinvestitionen in der Branche wirkt angesichts der zweistelligen Milliardenverluste im Sektor eher bescheiden dimensioniert. 

Die kritische Situation auf dem lokalen Arbeitsmarkt dürfte viele Spanier in diesem Jahr davon abhalten, ausgedehnte Reisen zu unternehmen. Bei der wichtigen Zielgruppe der Auslandsgäste kommt es auf die Aufhebung von Beschränkungen in ihren eigenen Ländern, die Entwicklung der Kaufkraft und die Reiseneigung an. Schätzungen reichen von 68 Milliarden bis 90 Milliarden Euro Rückgang der kumulierten In- und Auslandstourismuseinnahmen für 2020. Dass Spanien frühestens am 1. Juli und damit zwei Wochen später als wichtige Konkurrenten wie Griechenland, Frankreich und Italien wieder Urlauber ins Land lassen will, zieht die Stimmung in der Branche zusätzlich in den Keller.

Geringere Bautätigkeit schlägt auf andere Zweige durch

Zur Entwicklung der Bauwirtschaft existierten Anfang Mai 2020 kaum Informationen. Die Regierung kündigte die Wiederaufnahme staatlicher Ausschreibungen an. Im 1. Quartal war die öffentliche Bautätigkeit um rund 32 Prozent eingebrochen, obwohl in diesen Zeitraum nur zwei Wochen der Ausgangssperre fielen. Der Ruf von Vertretern der Baustoffindustrie nach staatlicher Unterstützung macht deutlich, dass die gebremste Bautätigkeit bei den Zulieferern angekommen ist. Zudem schlägt die verringerte Aktivität auf viele Subunternehmer im Baubereich durch. Im Sektor zeichnen sich zwei Trends ab. Die schwierige Lage könnte die Grundlage für Public-private Partnerships in Zukunft verbessern. Zudem mehren sich die Forderungen nach einen staatlich unterstützten Mietwohnungsbau, da für viele Spanier Wohneigentum auf absehbare Zeit unerreichbar sein dürfte. 

Handelskette Dia nutzt Krise als Chance

Keine Krise kennt ausschließlich Verlierer. Ein besonders markantes Beispiel dafür ist die Einzelhandelskette Dia. Diese hatte 2019 mit Umsatzrückgängen und internen Schwierigkeiten zu kämpfen. Offenbar profitiert Dia vor dem Hintergrund von Covid-19 von der dezentralen Struktur mit vielen kleinen wohnortnahen Filialen. Viele Bürger tätigen die im Alarmzustand erlaubten Einkäufe in der direkten Umgebung. Da auch die Onlinebestellungen stark zunehmen, kündigte Dia im März 2020 die Einstellung von 1.000 zusätzlichen Mitarbeitern an. Zudem will die Kette bis 2023 insgesamt 1.000 Filialen renovieren und weiter 1.000 neu eröffnen.

Für üppige Gewinne im Lebensmitteleinzelhandel wird die Coronapandemie aber nicht sorgen können. In den Medien verwiesen Branchenvertreter darauf, dass sie durch zusätzliche Einstellungen höhere Personalkosten verzeichneten. Zudem mussten sie im Sinne des Gesundheitsschutzes in ihre Filialen investieren.

In vielen Dienstleistungsbereichen hielt die bislang in Spanien nur bei etwa 5 bis 8 Prozent der Arbeitnehmer verbreitete Telearbeit Einzug. Vor allem berufstätige Eltern nutzten wegen der geschlossenen Schulen häufig diese Option. Für Anbieter von Hardware und Software sowie IT-Dienstleister dürfte die Krise eine höhere Nachfrage bedeuten. Auch für das schon zuvor viel genutzte kontaktlose Bezahlen, Onlineshops und allgemein Bestellungen über das Internet stellte die Coronakrise einen Anschub dar. 

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Quelle: GTAI