DieZahl der in Russland geschäftlich tätigen deutschen Unternehmen hatsich von 2.300 im Jahre 2001 auf gegenwärtig 4.600 glatt verdoppelt.Damit zeigt Deutschland die stärkste Präsenz unter allen ausländischenFirmen, betonte der Delegierte der Deutschen Wirtschaft in derRussischen Föderation, Michael Harms, am Donnerstag auf dem von der IHKRhein-Neckar in Mannheim bereits zum 8. Mail veranstaltetenWirtschaftstag Russland .
Bemerkenswertsei, dass sich unter den 4.600 Betrieben 4.300 Mittelständler befinden.Damit entkräftete Harms ein immer noch weit verbreitetes Vorurteil,dass sich zwischen Moskau und Wladiwostok vor allem deutscheGroßkonzerne engagieren. Allein in Moskau, dem laut Harms"unangefochtenen Zentrum deutscher wie internationalerWirtschaftsaktivität" seien gegenwärtig 3.000 deutsche Unternehmen vorOrt vertreten. Damit bilden sie die größte ausländische BusinessCommunity in der Hauptstadt.
Derzweitwichtigste Standort für deutsche Gesellschaften sei St.Petersburg. Neben der Konzentration auf die beiden Metropolen im WestenRusslands nehmen immer mehr deutsche Firmen auch die Regionen desLandes stärker ins Visier. Mittlerweile seien deutsche Betriebe in 63von 85 Föderationssubjekten aktiv. Deutschland gehöre darüber hinausneben den Niederlanden, Großbritannien, Zypern und Luxemburg zu denführenden Investoren in Russland. Das Ranking spiegele nicht exakt dieAuslandsaktivitäten wider. So seien viele deutsche Investoren aussteuerlichen Gründen über niederländische und luxemburgische Firmen inRussland aktiv , erläuterte Harms.
Diegute Positions Zyperns resultiere beispielsweise aus russischemFluchtkapital , das jetzt aber wieder langsam nach Russlandzurückfließe; auch dies, so Harms weiter, ein Zeichen für wachsendesVertrauen in die russische Wirtschaft . Die akkumulierten ausländischenGesamtinvestitionen belaufen sich zurzeit auf rund 151,5 Mrd USD.Deutschland hat allein im vergangenen Jahr 15 Mrd in die russischeWirtschaft investiert - Tendenz steigend.
Harmsging auch auf die für den 14. Dezember in Moskau geplante Gründung derDeutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) näher ein. DieUmwandlung des Delegiertenbüros der Deutschen Wirtschaft in eine AHKverleihe ihr ein zusätzliches politisches und wirtschaftspolitischeGewicht . Damit können die notwendigen Verbesserungen derRahmenbedingungen künftig noch intensiver gegenüber den russischenBehörden und Administrationen artikuliert werden. Gleichzeitigvergrößere sich der Kammer-Einfluss auf für die Wirtschaft relevanteEntscheidungen, fügte er hinzu. Von Dow Jones News zum weiterenFahrplan auf dem Wege zur Kammer-Gründung befragt, informierte Harms,dass am 14. Dezember unter anderem auch eine neue Satzung ausgearbeitetwerde.
Dererforderliche Notenwechsel zwischen den Regierungen beider Länder seibeim kürzlich in Wiesbaden erfolgten Treffen zwischen BundeskanzlerinMerkel und Präsident Putin bereits vollzogen worden. Die Wahlen zu denverschiedenen AHK-Gremien finden im Frühjahr 2008 statt. Wir werden unskünftig bilateral aufstellen, das heißt auch russische Mitgliederaufnehmen und ihnen die Möglichkeit geben, in den verschiedenenArbeitskreisen mitarbeiten zu können , betonte Harms.
Obwohlder russische Markt nach wie vor schwierig zu erschließen sei,überwiegen die Geschäftschancen nach Harms Einschätzung klar die-risiken. Zu den Vorzügen des Standortes zählen das anhaltend positiveWirtschaftswachstum, das zu einer verstärkten Nachfrage nachInvestitionsgütern führe. Hinzu komme die wachsende Kaufkraft der 142Millionen Russen. Das verfügbare Einkommen steige, die Reallöhneklettern derzeit um bis zu 14%. Die heimische Wirtschaft könne diesteigende Nachfrage derzeit nicht befriedigen, was wiederum als Chancefür investitionsbereite ausländische Unternehmen zu sehen sei. Einweiteres Plus für den Standort sei die relative politische Stabilität.
Insbesonderewestliche Firmen begrüßen die fortschreitenden Wirtschaftsreformen. Alsaktuelle Beispiele nannte Harms die Liberalisierung der Devisengesetze,die freie Konvertierbarkeit des Rubels seit dem 1. Juli 2006 sowie denseit 1. April 2004 geltenden neuen Zollkodex. Damit einher gehe diekontinuierliche Anpassung der Durchführungsbestimmungen, was wiederumzu einer schnelleren Warenabfertigung an den Grenzen führe. GuteFortschritte mache auch die Reform der Finanzdienstleistungen, zumBeispiel beim Einlagensicherungsfond oder bei der Gründung einerFörderbank nach dem Vorbild der deutschen KfW.
Nebenden Chancen eines möglichen Russland-Geschäfts wies Harms aber auch aufdie bestehenden Risiken hin. So gebe es weiterhin Fälle vonBehördenwillkür. Die Umsetzung bestehender Gesetze sei schwerfällig,bürokratische Prozeduren langwierig, was insbesondereinvestitionsbereite Unternehmen verärgere. Große Defizite habe nochimmer die nationale Infrastruktur. Die Transportnetze seien löchrig,die Logistik schwierig und der Strom oftmals knapp. Leidiges Dauerthemasei weiterhin die grassierende Korruption im Lande. AusländischeUnternehmen klagen darüber hinaus über steigende Kosten für Personal,Immobilien und Miete, fügte Harms hinzu.
VonDow Jones News nach den derzeitigen Wachstumsbranchen in Russlandbefragt, nannte der Delegierte der Deutschen Wirtschaft folgendeIndustriezweige: Maschinen und Anlagen, Konsumgüter, Einzelhandel,Energie, Kraftfahrzeuge, Bauwirtschaft/Baustoffe, Telekommunikation,Dienstleistungen und IT. Zu den Schwerpunkten deutscherInvestitionsaktivitäten zählen laut Harms der Energie- und Stromsektor,der Groß- und Einzelhandel, die Nahrungsmittelverarbeitung, dieBaustoffindustrie, die Baubranche, der Automotive-Sektor,Elektrotechnik/Energetik, Logistik, Engineering und Bauplanung, Finanz-und Versicherungswirtschaft sowie der Landmaschinenbau. WeitereKooperationsfelder seien die Energiewirtschaft, Infrastruktur undUmweltschutz, Informationstechnologie, Anlagenbau, Medizintechnik,Landwirtschaft, Chemie, Telekommunikation sowie Luft- und Raumfahrt.
Aufdas beeindruckende Wachstum von M&A-Aktivitäten in Russland wiesHerbert Schiller, Associate Director bei der KPMG Russia, Moskau, hin.Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres habe esGeschäftsabschlüsse im Wert von 67,1 Mrd USD gegeben. Allerdings seimit einem Erlös von 31,5 Mrd USD der Löwenanteil auf den Verkauf desrussischen Ölunternehmens Jukos entfallen.
Imglobalen Vergleich schneide der russische M&A-Markt allerdings nochrelativ bescheiden ab. So hatten US-amerikanische Unternehmen im erstenHalbjahr 2007 einen Marktanteil von 48%, gefolgt von Europa mit 45%.Russland kam lediglich auf 3%, so Schiller weiter.
Aufdie wachsende Bedeutung der russischen Regionen ging Uwe Kumm, ManagingPartner von Roland Berger Consultants, Moskau, näher ein.
Immermehr ausländische Unternehmen entscheiden sich für Vertriebs- oderProduktionsstandorte abseits der großen Metropolen Moskau und St.Petersburg. Zwar seien die ausländische Investitionen in der russischenHauptstadt zwischen 1999 und 2006 von 9,6 Mrd USD auf 55,1 Mrd USDkräftig gestiegen. Gleichzeitig konnten aber auch die Regionen ihrenAnteil an den ausländischen Investitionen im Vergleich zu Moskau von28% im Jahre 1999 auf 48% im vergangenen Jahr erhöhen, fügte Kummhinzu. 2005 investierten ausländische Gesellschaften insgesamt 53,7 MrdUSD zwischen Moskau und Wladiwostok. 52% entfielen auf die russischeHauptstadt und ihr Umland, 10% auf das Gebiet Omsk, 9% auf Sachalin, 6%auf Tjumen, 3% auf St. Petersburg, jeweils 2% auf Tscheljabinsk,Jekaterinenburg und Samara sowie 1% auf Sacha.
DieXXII. Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi werden seiner Ansichtnach die strategische Entwicklung der Regionen beschleunigen und alszusätzlicher Katalysator wirken. In diesem Zusammenhang seien dieWirtschaftszweige Bau/Baustoffe, Infrastruktur und Transport sowie derTourismus von besonderem Interesse. Nach Kumms Einschätzung verzeichnender Norden und der asiatische Teil Russlands gegenwärtig die größtenWachstumsraten im Bausektor. Zwischen 2007 und 2013 sollen insgesamt366 Mrd USD in diesen Industriezweig investiert werden. Während imeuropäischen Teil Russlands künftig der Wohnungsbau dominiere,konzentriere sich der asiatische Teil auf Geschäftsbauten.
DieInfrastruktur des Landes müsse breitflächig modernisiert werden.Geplante Investitionen seien bisher noch unzureichend. Kumm bezifferteden wahrscheinlichen Finanzierungsbedarf allein für die Modernisierungdes Straßennetzes mit Blick auf den Zeitraum 2005 bis 2010 auf 150 bis180 Mrd USD. Für Großprojekte im Straßenbau mit einer Gesamtlänge vonüber 3.300 km seien bis 2010 insgesamt 5,1 Mrd USD vorgesehen. DerAusbau der Bereiche Schiene, Wasser und Luft dürfte Beträge von 100, 40bzw. 30 Mrd USD erfordern.
RolandBerger Strategy Consultants sehe genügend Möglichkeiten für einegewinnbringende Zusammenarbeit zwischen deutschen und russischenUnternehmen. Dazu gehören: Public Private Partnerships (PPP) mitdeutscher Beteiligung, der private Bau und Betrieb von Maut-Autobahnen,die Zusammenarbeit beim Ausbau der Schienenwege, der Hafen- undFlughafenausbau mit deutsch-russischen Betreibergesellschaften sowiemoderne Verkehrskonzepte und Sicherheitstechnologien.
Derrussische Tourismus stecke laut Kumm noch in den Kinderschuhen .Allerdings verfüge er über ein großes Potenzial. Deshalb seien künftigeWachstumsraten von über 50% im Vergleich zum Durchschnittswachstum derBranche weltweit durchaus realistisch. Der russische Tourismus-Sektorkönnte sich als Katalysator für vor- und nachgelagerte Branchen wieBau, Dienstleistungen, Automotive und Lebensmittelindustrie erweisen.Nach der Winter-Olympiade habe Sotschi das Potenzial, sich zu demTourismus-Standort in Russland zu entwickeln.
DerStaat plane zusätzliche Investitionen von 314 Mrd RUB in dieInfrastruktur sowie Sporteinrichtungen im Rahmen des FöderalenEntwicklungsprogrammes für den Kurort an der Schwarzmeer-Küste.Aktivitäten rund um die Olympiade dürften zwischen 2006 und 2014zusätzliche Tourismus-Ausgaben in Höhe von 384 Mrd RUB generieren.Allein die Olympiade habe einen geschätzten wirtschaftlichen Effekt vondurchschnittlich 1,3% Wachstum des regionalen Bruttoinlandsprodukts bis2014. Mit Hilfe der Investitionen soll langfristig ein stabiler Zustromvon Touristen in die Region gesichert werden.
Quelle DowJones/NfA/9.11.2007


