Interview mit Botschafter Kairat Sarybay / Von Gerhard Salomon
FRANKFURT (Dow Jones)--Kasachstan lädt deutsche Investoren zurTeilnahme an der Umsetzung weitreichender Projekte zur Diversifizierungder Wirtschaft in der zentralasiatischen GUS-Republik ein. "Dieattraktivsten Bereiche für deutschen Investitionen sind Metallurgie,Maschinenbau für die Erdöl- und Erdgasindustrie,Nahrungsmittelindustrie, Textil- und Baustoffindustrie sowieTransportlogistik und Tourismus", sagte der Außerordentliche undBevollmächtigte Botschafter Kasachstans in Deutschland, Kairat Sarybay,in einem Exklusiv-Interview mit Dow Jones News.
Die genannten Wirtschaftszweige sind in einem "Cluster-InitiativeKasachstans" genannten Staatsprogramm definiert, mit dem der Staatseine Wirtschaftspolitik auf eine umfangreiche Förderung undEntwicklung der exportorientierten Industrie des Landes ausrichtenwill. Damit würden die vorrangigen Richtungen des WirtschaftswachstumsKasachstans in kurz- und langfristiger Perspektive bestimmt. Dasehrgeizige Ziel dieser Wirtschaftspolitik sei es, zu den 50wettbewerbsfähigsten Ländern der Welt aufzuschließen, sagte derBotschafter. Internationale Beratungsfirmen wie die Boston ConsultingGroup und die US-Experten Prof. Dr. Michael Porter und Christian Catelshätten den Cluster-Projekten in Kasachstan große Bedeutung beigemessen.Weltweite Erfahrungen hätten gezeigt, dass sie die Konkurrenzfähigkeitder Unternehmen fördern, die Warenqualität erhöhen, Investitionenheranziehen und so zum Wirtschaftsaufschwung beitragen.
"Ich möchte die Aufmerksamkeit deutscher Investoren vor allem aufdie Teilnahme und Realisierung von Infrastrukturvorhaben lenken. Hiergeht es insbesondere um den Aufbau des kasachischen Transportwesens undseine Integration in die euro-asiatischen Trassen sowie um den Bautranskontinentaler Magistralen und großer Logistikzentren", betonte derBotschafter. In diesen Segmenten könnten deutsche Firmen Konzessionenbeim Autobahn- und Eisenbahnbau erwerben. "Wir wollen in diesemZusammenhang ein breit gefächertes Verkehrs- und Kommunikationswesenaufbauen, um Verkehrsströme effektiv von Zentralasien über den Iran zumPersischen Golf und über Afghanistan und Pakistan zum Indischen Ozeansowie über China und Südostasien zum Pazifik zu lenken." Dies erlaubeeine Zeitverkürzung für den Warenverkehr in die europäischen Staaten imVergleich zum Seetransport von bis zu 20 Tagen. Das sei für "just intime" arbeitende Unternehmen sehr wichtig.
Auf die Frage nach Förderungen und Garantien für ausländischeEngagements sicherte Sarybay vorteilhafte Rahmenbedingungen zu: "Wirunterstützen ausländische Investoren und wollen ein günstiges Umfeldfür ihre stabile Unternehmenstätigkeit schaffen", sagte er. Gemäß demInvestitionsgesetz des Landes werden Investoren für einen Zeitraum vonzehn Jahren von der Körperschaftsteuer sowie für eine Frist von fünfJahren von der Grundstücks- und Vermögenssteuer befreit. Zudemgewährleiste der Staat den Zugang zu Grundstücken, Gebäuden, Maschinenund Ausrüstungen. Ausländische Teilhaber, die zusammen mit kasachischenFirmen Joint Ventures gründen, können ebenso wie einheimischeUnternehmenr an staatlichen Projekten als Auftragnehmer undAuftraggeber teilnehmen. Gemeinschaftsunternehmen hätten vor allem danneinen größeren Spielraum und bessere Aussichten, wenn sie sich aufinnovative Projekte konzentrierten. Besonders zu begrüßen seien JointVentures, die Kow-how ins Land bringen, sagte der Botschafter.Auslandsinvestoren können gemeinsame Firmen mit jeder beliebigenBeteiligung bilden, auch mit einem 100%-Anteil, erklärte er.
Die Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen entwickele sicherfolgreich, der Außenhandel mit Deutschland habe sich seit 2003verdoppelt und einen aktuellen Umfang von 4,4 Mrd EUR erreicht.Zugleich wachse die Zahl deutscher Firmen, die in Kasachstan tätigsind. 2003 waren es 300 und heute seien es 500. Insgesamt hätten 1.500deutsche Firmen ständige Kontakte mit kasachischen Partnern, sagteBotschafter Sarybay. Ihre Tätigkeit sei nicht nur in den genanntenKernbereichen der kasachischen Wirtschaft gewinnbringend, weil dieRegierung dort in erster Linie ihre Bemühungen konzentriere, sondernauch in vielen weiteren Zweigen.
Aussichtsvoll seien auch Investments in das Gesundheits- undBildungswesen. Der Präsident habe in einem Erlass mit dem Titel NeuesKasachstan in der neuen Welt vom 28. Februar 2007 die Landesregierungbeauftragt, innerhalb von drei Jahren 100 neue Krankenhäuser undSchulen zu bauen. Kasachstan brauche ebenso eine Vergrößerung derFleisch- und Milcherzeugung sowie des Obst- und Gemüseanbaus, habe aberbei zwar vorhandenen Ressourcen keine neuen Technologien undFachkenntnisse auf diesem Gebiet. Die kasachischen Partner könntendeutschen Geschäftsleuten helfen, sich auf dem kasachischen Markt gutzurecht zu finden und die Produktion erfolgreich in Gang zu bringen.
"Wir haben in allen Wirtschaftsbranchen vieles aufzubauen: in derTextilindustrie Fabriken und Spinnereien, in der Baubranche dieHerstellung verschiedener Baumaterialien, im Tourismus dieInfrastruktur in Erholungsgebieten, Hotels, Parkhäuser und denKundendienst, in der Medizin die Einrichtung von Blutbanken, den Bauvon Fachkliniken für Kardiochirurgie, Augenheilkunde, Allergologie,Tuberkulose und die Gründung von Rettungsdiensten", betonte derBotschafter. Entsprechende ausführliche Information seien in denMinisterien und Entwicklungsinstitutionen Kasachstans erhältlich.
Im Rahmen der Wirtschaftsdiversifizierung in Kasachstan fördere dieRegierung besonders kleine und mittlere Unternehmen (KMU), "weil dieErfahrung in Ländern des Westens zeigt, dass diese Unternehmerschichtdie Hauptstütze der stabilen und nachhaltigen Wirtschaftsentfaltung desLandes ist". Zu diesem Zweck wurden entsprechende Gesetze undEntwicklungsprogramme für die KMU-Förderung verabschiedet. DieRegierung gründete Fonds unter den Bezeichnungen Kazyna für einenachhaltige Entwicklung, KazAgro für die Landwirtschaft und Samgau fürTelekommunikation. Sie sollen kasachischen Unternehmen undGemeinschaftsfirmen mit ausländischer Beteiligung Sonderkredite undLeasingbedingungen gewährleisten. Damit stünden auch deutschenInteressenten günstigere Bedingungen zur Verfügung.
Die "Cluster-Politik" als eine Form zum Aufbau vonSonderwirtschaftszonen gehe zugleich einher mit der Optimierung derGesetzgebung und des Verwaltungssystems, mit Fachkräfteausbildung undmit Forschungsvorhaben. "Wir sind an der Vertiefung der Zusammenarbeitmit Deutschland, der Einladung deutscher Firmen auf den kasachischenMarkt und der Teilnahme an Projekten mit Durchbruch-Charakter sehrinteressiert", bekräftigte der Botschafter. Deutsche Firmen seienbereits an zehn solcher vorrangiger Pläne mit ihren Investitionen undTechnologien im Rahmen des Programms der Innovations- undInvestitionspartnerschaft zwischen Kasachstan und Deutschlandbeteiligt. So sei die deutsche Firma Knauf hervorzuheben, die sich seit2001 in Kasachstan engagiere und zwei Unternehmen fürBaumaterialproduktion in Kapschagay und Inderborskij gegründet habe.HeidelbergCement investierte im Bauwesen Kasachstans durch den Kauf desUnternehmens Wostok-Zement und beabsichtige auch im Westen Kasachstansein Zementwerk zu bauen. Volkswagen montiere in der StadtUst-Kamenogorsk Skoda -Autos. Henkel baue mit anderen Firmen das Werkfür die Produktion der Baumaterialien. Klaas liefereLandwirtschaftstechnik nach Kasachstan und richtete in den StädtenAstana, Almaty, Kostanay und Kokschetau dafür Wartungsservicezentrenein. Im Rahmen eines Memorandum of Understanding zwischen der FirmaKazyna und Thyssen Krupp sei die deutsche Seite am Werksbau für dieProduktion der Polymetallic Silizium im Karagandagebiet mit derHerstellungskapazität von 25 000 t pro Jahr eingebunden. Das Werk werdeim Jahre 2008 den Betrieb übergeben.
Thyssen Krupp habe auch weitere Pläne wie die Gründung einer100-prozentigen Tochterfirma für die Lieferung und Montage von Aufzügenund Rolltreppen für Zentralasien. Die Salzgitter GmbH beteilige sich amBau eines Werkes für die Rohrherstellung in der Stadt Aktau. GP GünterPapenburg, Siemens, EADS, MAN Ferrostahl und viele andere deutschenUnternehmen realisieren zusammen mit kasachischen PartnernInfrastrukturprojekte.
Bedeutend sei die Zusammenarbeit zwischen der Agentur für dieRegulierung der Tätigkeit des Regionalen Finanzzentrums in Almaty undder Deutsche Börse. "Im November dieses Jahres planen wir im Rahmen desInvestitionsforums in Frankfurt am Main einen Kasachstan-Tag, wo dieInvestitionsprojekte mit Durchbruch-Charakter in Kasachstan dargestelltwerden", kündigte der Botschafter an. Mit Unterstützung der DeutscheBank AG habe Kasachstan Investitionen in Höhe von 12 Mrd USD aufbringenkönnen. Die Erweiterung der kasachisch-deutschen Zusammenarbeit seiauch für Deutschland gewinnbringend. Kasachstan öffne nicht nur deneigenen Markt und erweise sich als zuverlässiger und vorteilhafterPartner, sondern biete auch den Zugang zu Märkten anderer LänderZentralasiens, Russlands und Chinas. Als Beispiel für Investitionen ausKasachstan in der deutschen Wirtschaft nannte der kasachischeBotschafter den Kauf eines Kupferwerkes durch den einheimischen KonzernKazakhmys.
Quelle DowJones/gsa/NfA/ 7.8.2007


