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Spanien

Digital Health in Spanien: Marktchancen


Die rund 51.000 Covid-19-Infektionen bei medizinischem Personal haben Spanien schockiert und die Vorteile digitaler Lösungen auf Distanz verdeutlicht.

Von Oliver Idem | Madrid

Telemedizin und Datenverwertung sind ausbaufähig

Zum Markt für Digital-Health-Lösungen in Spanien liegt nur eine Schätzung von 2018 vor. Ihr zufolge lagen die Ausgaben bei etwa 120 Millionen Euro. Derzeit erhält die Branche Impulse aus unterschiedlichen Richtungen.

Spanien war nicht nur besonders stark von der Coronakrise betroffen, sondern verzeichnete auch eine besonders hohe Anzahl von Infektionen bei Beschäftigten im Gesundheitswesen. Der Hauptgrund dafür war fehlende Schutzausrüstung zu Beginn der Krise. Spanien verzeichnete etwa 51.000 Infektionen bei medizinischem Personal, obwohl es insgesamt nur 240.000 positive PCR-Diagnosen gab. Damit war das Gesundheitspersonal proportional viel stärker betroffen als in Ländern wie Italien und den USA. 

Vor diesem dramatischen Hintergrund ist die Situation günstig für medizinische Lösungen, die keinen direkten Patientenkontakt erfordern. Auch sollte nicht vergessen werden, dass in Spanien zwar rund 60 Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern existieren, ein großer Teil der Bevölkerung aber in dünn besiedelten Regionen lebt. In einigen kleineren Provinzen schwindet die Einwohnerzahl und die Gesundheitsinfrastruktur wird von lokalen Politikern als unzureichend kritisiert. Hier könnten telemedizische Anwendungen helfen, Entfernungen zu überbrücken, wenn nicht zwingend eine persönliche Konsultation notwendig ist.

Wachstumsimpulse kommen auch von der alternden Gesellschaft und der steigenden Lebenserwartung. Spanien gilt laut dem Bloomberg Healthiest Country Index 2019 als weltweit gesündestes Land zum Leben. Mit einem zu erwartenden Alter von 86 Jahren für Frauen und 80 Jahren für Männer liegt das Land international in der Spitzengruppe. Wichtigste Todesursachen sind laut der Weltgesundheitsorganisation WHO Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs.

Solides öffentliches Gesundheitssystem 

Spanien verfügt grundsätzlich über ein gut aufgestelltes Gesundheitssystem. Der öffentliche Sektor steht für 74 Milliarden Euro Gesundheitsausgaben pro Jahr, der private für weitere 31 Milliarden Euro. Beide zusammen repräsentieren 9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

In Umfragen schneidet der private Gesundheitssektor etwas besser ab als der staatliche. Doch auch die Zufriedenheit mit dem öffentlichen System liegt bei etwa 70 Prozent. Landesweit stehen laut Gesundheitsministerium 13.000 Versorgungszentren (Centros de Atención Primaria) als erste Anlaufstellen zur Verfügung. In 466 Krankenhäusern sind regulär 112.000 Betten verfügbar.

Lange Wartezeiten in Krankenhäusern

Von den Krankenhäusern befinden sich etwa 40 Prozent in öffentlicher Hand. Auch private Anbieter, Wohlfahrtsverbände und Kommunen unterhalten Hospitäler. Schon vor der Coronakrise gab es gelegentliche Berichte über knappe Kapazitäten im öffentlichen System, die sich in Wartezeiten für manche Behandlungen und Operationen ausdrückten. Die Zeitung El País berichtete Ende Mai von Wartezeiten auf Operationen und Termine bei Spezialisten zwischen fünf Wochen und etwa vier Monaten je nach Fall und Region. 

Das staatliche Gesundheitssystem wird vor allem aus Steuermitteln finanziert. Diese überweist der Zentralstaat an die 17 Autonomen Regionen. Die Regionen dürfen auch eigene Steuern erheben und verwenden diese zum Teil für den Gesundheitssektor. Lediglich Leistungen für Arbeitsunfälle und die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sind beitragsfinanziert.

Für 2020 ist beim Zentralstaat eine schwierige Haushaltslage zu erwarten mit rund 10 Prozent Defizit. Auch die Autonomen Regionen dürften eine schlechtere finanzielle Basis haben als im Vorjahr. Steigende Arbeitslosigkeit von 3,8 Millionen im Mai und die mit 3 Millionen Betroffenen immer noch verbreitete Kurzarbeit sorgen auch hinsichtlich der Beitragseinnahmen für trübe Aussichten.

Bessere Nutzung vorhandener Daten kann Impulse geben

Kurzfristig verschlechtern sich damit auch die Aussichten für staatliche Investitionen in das öffentliche Gesundheitswesen. Dort ist der Erneuerungsbedarf höher als bei privaten Einrichtungen. Entsprechend gab die neue Regierung Anfang 2020 das Ziel der Erneuerung von medizintechnischer Ausrüstung ebenso bekannt wie die digitale Modernisierung des Systems. Potenzial dürfte vor allem in einer besseren Nutzung von Daten liegen. Der politische Rahmen und die Einsatzreife wurden von der Bertelsmann-Stiftung Ende 2018 bereits als besonders hoch bewertet. Verglichen damit fiel die Bewertung der tatsächlichen Verwendung von Daten schwach aus. 

Eine neue Studie kommt zu ähnlichen Aussagen. Im Juni 2020 stellten der Medizintechnikverband Fenin und die Innovationsstiftung COTEC einen Index zur digitalen Reife Spaniens vor. Dazu wurde die Nutzung von digitalen Werkzeugen und Dienstleistungen in den 17 Autonomen Regionen untersucht. Der Índice Fenin de Madurez Digital en Salud ergab mit 31 Prozent einen relativ geringen Gesamtwert. Da Fenin auf ein vom Zentralstaat finanziertes nationales Programm für Investitionen abzielt, verwundert dieses Resultat wenig. Ein sehr hoher Wert hätte weniger Handlungsbedarf signalisiert. Aussagekräftig sind die vier Ebenen, anhand derer die digitale Reife bestimmt wurde. Die Ergebnisse unterstreichen, dass Spanien bei der technischen Infrastruktur (42,3 Prozent) sowie Werkzeugen für professionelles Gesundheitspersonal (41,3 Prozent) am besten aufgestellt ist. Im Vergleich dazu fallen die Bewertungen der Dienstleistungen für Patienten (22,8 Prozent) und erst recht die Datenanalyse zur Entscheidungsfindung (17,8 Prozent) eher schwach aus.

Quelle: GTAI