direkte Bereichesauswahl

Spanien

Digital Health in Spanien: Marktzugang und Wettbewerb


In Spanien sind im Bereich Digital Health einige große internationale Namen aktiv. Hinzu kommen Start-ups, für die die digitale Gesundheit oft das einzige Geschäftsfeld ist.

Von Oliver Idem | Madrid

Etablierte Branchenriesen und Start-ups engagieren sich auf dem spanischen Markt

Spanien und Deutschland sind Partner im europäischen Binnenmarkt. Spezielle Informationen zu Marktzugangsbeschränkungen oder zur Zulassung von Digital-Health-Produkten und Dienstleistungen waren im Juni 2020 nicht erhältlich.

In den lokalen Medien tauchen kaum Unternehmen auf, die in den Bereich Digital Health gehören. Unter den Mitgliedern des Medizintechnikverbandes Fenin befinden sich 29 lokale und internationale Unternehmen, die in diesem Bereich aktiv sind. Für die meisten ist Digital Health ein Geschäftsfeld unter vielen. Dem Verband haben sich unter anderem Dräger Medical Hispania, Linde Medicial, Siemens Healthcare sowie General Electric Healthcare España, Roche Diagnostics und 3M España angeschlossen. Einen weiteren Anhaltspunkt bilden die Kooperationspartner des Gesundheitsinformatikverbandes Sociedad Española de Informática de la Salud - Diese können auf der Internetseite des Verbands eingesehen werden und umfassen bekannte internationale Namen wie Siemens Healthineers, T-Systems, Microsoft, Philips, Telefónica und EY. 

Für einige Start-ups sind Anwendungen aus dem Bereich Digital Health im Gegensatz zu den großen Unternehmen das einzige Geschäftsfeld. In einer fragmentierten Gründungslandschaft zählt der Gesundheitssektor allgemein zu den größeren Sparten, in die sich die jungen Unternehmen einsortieren lassen. Im Mai 2020 wurde bekannt, dass der frühere Torhüter von Real Madrid Iker Casillas in ein kardiologisches Start-up investiert hat. Das Unternehmen namens Idoven ist auf die Fernüberwachung von Sportlern spezialisiert. Mittels künstlicher Intelligenz soll die Software helfen, Herzproblemen vorzubeugen. Im Herbst 2018 gehörte erstmals ein spanisches Unternehmen zum Akzeleratorprogramm Grants4Apps von Bayer: S-There Technologies. Bei dem Produkt handelt es sich um ein Gerät, das mittels einer Urinanalyse Gesundheitsdaten ermittelt und die Patienten per App über ihren Gesundheitszustand informiert.

Deutschland zählt bereits zu Spaniens wichtigsten Lieferländern für Medizintechnik und Arzneimittel. Deutsche Produkte werden mit besonders hoher Qualität und Vertrauenswürdigkeit assoziiert. Insbesondere im sensiblen Bereich der Gesundheit könnten solche positiven Zuschreibungen auch für Anbieter im Bereich Digital Health wertvoll sein.

Ausblick: Coronakrise sensibilisiert für den Nutzen von Digital Health

Spanien orientiert sich an der Digitalstrategie der Europäischen Union (EU), hat aber seit 2015 kein eigenes Programm aufgelegt. Ein konkreter Anhaltspunkt für Investitionen ist die Absicht der Regierung, das Gesundheitswesen zu modernisieren und zu digitalisieren. Hierzu wurden noch keine konkreten Initiativen ergriffen. Das Thema hat aber auch infolge der Coronakrise Hochkonjunktur. Der Verband Fenin und die Stiftung COTEC haben ihren Wunsch nach einem zentralstaatlichen Rahmenprogramm zur Digitalisierung im Gesundheitswesen inklusive einer Finanzierung zu einem günstigen Zeitpunkt lanciert. Unklar ist allerdings noch, in welche Bereiche der Zentralstaat nach der Krise prioritär investieren wird. Besonders erfolgversprechend wäre es, wenn mit EU-Unterstützung gearbeitet werden könnte. 

Durch die hohen Risiken des direkten Kontakts hat die Covid-19-Pandemie insbesondere in Spanien die Vorteile digitaler Lösungen auf Distanz verdeutlicht. Ein Anschub für telemedizinische Anwendungen entstand aus der Not heraus. Um die Infektionsrisiken zu minimieren und Überlastungen abzufedern, versuchten die Gesundheitszentren alle nicht dringend notwendigen direkten Patientenkontakte zu vermeiden. Nach einem Bericht der Zeitung El País von Anfang Juni 2020 kamen auf diese Weise Videoanrufe, Mails und Telefonate zum Einsatz. Auch Krankenhäuser behalfen sich mit indirektem Kontakt, soweit das umsetzbar war.

Potenzial für Telemedizin nicht ausgeschöpft

Auch zur Entlastung des stark frequentierten Gesundheitssystems nach der Krise sind telemedizische Lösungen eine denkbare Ergänzung. Regionale Erfahrungen hierzu gibt es bereits. Laut Bertelsmann-Stiftung war Andalusien der Vorreiter, um bestimmte chronisch kranke Patienten fernzuüberwachen. Trotz der teilweise ländlichen Struktur Spaniens werden telemedizinische Dienstleistungen für Patienten bislang eher selten angeboten. Hingegen kommen häufiger Anwendungen zum Einsatz, bei denen sich Ärzte untereinander austauschen können. Damit können sie beispielsweise Diagnosen oder Röntgenbilder übermitteln. Strukturell betrachtet dürfte das Potenzial für die Telemedizin noch bei weitem nicht ausgeschöpft sein. Dass gerade in dünn besiedelten Provinzen mit schwindender Einwohnerzahl die Gesundheitsinfrastruktur lückenhafter ist, könnte sich zu einem zusätzlichen Treiber entwickeln.

Ein weiterer struktureller Faktor ist die Alterung der spanischen Gesellschaft in Verbindung mit einer besonders hohen Lebenserwartung. Daraus leitete sich die Erwartung ab, dass eine wachsende Anzahl von Menschen eine oder auch mehrere chronische Krankheiten haben wird. In Kombination mit einer stärkeren Nutzung moderner Kommunikationstechnik auch durch ältere Menschen können digitale Anwendungen etwa für Routineüberwachungen hilfreich sein. 

In der Coronakrise zeigte sich in Spanien auch eine Datenkrise. Nach dem ersten Schock der Pandemie entstanden Streit und Unklarheit hinsichtlich der Zählweisen und Daten auf regionaler Ebene. Manche Zahlen mussten korrigiert werden. Das Statistikamt INE veröffentlichte im Juni 2020 Daten zur Übersterblichkeit, aus denen es eine wesentlich höhere Anzahl von pandemiebedingten Todesfällen ableitete als die üblichen Statistiken. Die Debatte zeigt, dass eine Zusammenführung und Auswertung von Daten momentan auf besonderes Interesse stößt - auch um auf mögliche künftige Pandemien besser vorbereitet zu sein.

Quelle: GTAI