Spanien will die Digitalisierung des Gesundheitswesens weiter vorantreiben. Zum Problem könnte allerdings die Finanzierung der notwendigen staatlichen Investitionen werden.
Von Oliver Idem | Madrid
- Spanien liegt trotz seines fragmentierten Gesundheitswesens weit vorn
- Ziele & Strategien: Regierung will den staatlichen Gesundheitsdienst modernisieren
- Rechtlicher Rahmen & Infrastruktur: Gute Grundlagen sind vorhanden
Spanien liegt trotz seines fragmentierten Gesundheitswesens weit vorn
Die Bertelsmann-Stiftung sieht Spanien weltweit auf dem fünften Rang im Bereich Digital Health. Das Gesundheitsministerium setzt einen Rahmen für die Gesundheitssysteme der 17 Autonomen Regionen. Mit Ausnahme der Coronakrise geht die Tendenz seit Jahren zu mehr regionaler Eigenständigkeit. Als Krisenfolge schrumpft die Finanzkraft des Staates; dies könnte Investitionen erschweren.
Rahmendaten zu Digital Health in Spanien
1) 2018; 2) vorläufig, 2017; 3) geschätzt, US-Dollar pro Kopf, 2018Quelle: IMF; OECD; ITU
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Indikator |
2019 |
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Bevölkerungsgröße (Mio. Einwohner) |
46,7 |
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Anzahl Ärzte pro 1.000 Einwohner 1) |
3,9 |
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Anzahl Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner 2) |
3,0 |
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Gesundheitsausgaben pro Kopf 3) |
3.322,6 |
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Anteil der Haushalte mit Internetzugang (in %) 1) |
91.4 |
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Mobilfunknutzer/100 Einwohner 1) |
96,9 |
Ziele & Strategien: Regierung will den staatlichen Gesundheitsdienst modernisieren
In Spanien amtiert seit Januar 2020 eine rot-rote Minderheitsregierung. Sie hat sich in ihrem Koalitionsvertrag darauf geeinigt, die Ressourcen für das staatliche Gesundheitssystem Sistema Nacional de Salud in der laufenden Amtszeit zu erhöhen. Die Zielmarke lautet 7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Zum Vergleich: 2017 betrug der Anteil noch 6,3 Prozent. Im Zuge der Covid-19-Krise sind zwei gegenläufige Tendenzen zu beobachten. Die Finanzlage verschlechtert sich und der Investitionsbedarf steigt.
Einerseits erwartete die Regierung im Mai 2020 für das Gesamtjahr einen Einbruch der Wirtschaftsleistung um 9,2 Prozent. Eine Erholung soll 2021 mit plus 6,8 Prozent einsetzen. Demnach wäre frühestens 2022 wieder das Erreichen des Vorkrisenniveaus möglich. Der angestrebte relative Anteil von 7 Prozent Gesundheitsausgaben am BIP könnte bei einer niedrigeren Wirtschaftsleistung leichter erreicht werden, aber in absoluten Zahlen weniger Investitionen bedeuten als vor der Krise. Für die kommenden Jahre ist mit Finanzierungsproblemen bei staatlichen Investitionen zu rechnen. Für eine kurzfristige Verbesserung könnten Gelder der Europäischen Union (EU) sorgen. Wenn Teile des angekündigten Hilfspakets für das Gesundheitswesen mobilisiert werden könnten, würde das die Lage entspannen.
Digitale Lösungen für den Gesundheitssektor
Andererseits hat die Coronakrise das Gesundheitssystem bis an seine Grenzen gebracht. Die Sorge vor Ansteckungen ist noch immer hoch. Damit rücken digitale Lösungen ohne direkten Patientenkontakt stark ins Blickfeld. Schon vor dem Ausbruch der Krise bekannte sich die Regierung zur Digitalisierung des Gesundheitswesens. Dabei sollen Informations- und Kommunikationstechnologien eine Schlüsselrolle einnehmen.
Die Erwartungen sind angesichts der Alterung der Gesellschaft, einer zunehmenden Prävalenz von chronischen Krankheiten sowie wachsenden Ansprüchen der Bevölkerung hoch. Zudem will die Regierung Doppelarbeit bei diagnostischen Tests vermeiden. Allgemein wird die technische Erneuerung des Gesundheitssystems angestrebt. Der Fokus soll auf Technologien liegen, die innovativ, aber bereits erprobt sind. Weitere wesentliche Punkte sind die Sicherheit und Wirksamkeit sowie niedrige Kosten.
Rechtlicher Rahmen & Infrastruktur: Gute Grundlagen sind vorhanden
Der Digital Economy and Society Index (DESI) der EU bescheinigt Spanien eine überdurchschnittliche Konnektivität. Im europäischen Vergleich kam Spanien 2019 auf 65,2 Punkte und lag damit fast sechs Punkte über dem Durchschnitt. Das 5G-Mobilfunknetz befindet sich im Aufbau. Rund 91 Prozent der Haushalte nutzen das Internet und mit 97 Prozent ist die Mobilfunknutzung fast flächendeckend.
Spanien verfügt über keine einheitliche Stelle zur Koordination von Projekten der digitalen Gesundheitsinfrastruktur. Seit 2015 existiert keine nationale Rahmenstrategie mehr, sondern die Digital Agenda for Europe 2015-2020 bildet die Referenz. Die Koordination erfolgt laut der Bertelsmann-Stiftung auf der Ebene der Autonomen Regionen. Die nationalen Champions wie Andalusien, Katalonien, Valencia und das Baskenland stehen auch im internationalen Vergleich sehr gut da. Elektronische Rezepte sind in nahezu allen Regionen eingeführt.
Jede Region verfügt außerdem über eine elektronische Patientenakte. Bereits durch die Vereinbarung eines Arzttermins erteilt ein Patient dabei automatisch seine Zustimmung zur Einrichtung einer solchen Akte und den Zugriff von Ärzten darauf. Sonderregeln für Patientendaten existieren nicht. Die Speicherung unterliegt den allgemeinen Datenschutzbestimmungen. Dass jede der 17 Regionen über eine eigene Akte verfügt, führt nicht zu Wildwuchs und Inkompatibilität. Das wird durch ein automatisches Extrahieren eines Basis-Datensatzes verhindert. Diese "Kurzakte" ist überregional austauschbar. Zum Beispiel zur Versorgung chronisch Kranker ist auch der Austausch der regionalen Systeme mit nationalen Gesundheitsregistern möglich. In punkto elektronischer Patientenakte wollen der Zentralstaat und die Regionen in Zukunft ein gemeinsames System schaffen.
Digital Health Index in Spanien
Quelle: Bertelsmann-Stiftung
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insgesamt |
Policy-Aktivität |
Digital Health Readiness |
tatsächliche Datennutzung |
|---|---|---|---|
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71,4 |
73,8 |
76,9 |
63,3 |
Ein kultureller Pluspunkt Spaniens für die Verbreitung digitaler Gesundheitslösungen ist die hohe Aufgeschlossenheit der Bevölkerung. Für viele Menschen steht der Nutzen neuer Technologien im Mittelpunkt. Datenschutzbedenken sind tendenziell weniger stark ausgeprägt als in Deutschland. Im Zuge der Coronakrise scheint sich auch die digitale Affinität der Älteren verbessert zu haben. Während der Zeit der Ausgangsbeschränkungen nutzten auch Rentner die Möglichkeit, auf elektronischem Wege in Kontakt mit ihren Familien zu bleiben. Zudem wurden Banking-Apps weitaus stärker als früher von älteren Menschen genutzt. Die Basis für digitale Anwendungen in Spanien hat sich damit verbreitert.


