Die wirtschaftliche Lage soll sich 2021 gegenüber dem Vorjahr wesentlich verbessern. Das Vorkrisenniveau dürfte trotzdem frühestens 2023 erreicht werden. (Stand: 10. Mai 2021)
- Ausmaß der Krise wird nach dem Auslaufen der Hilfen sichtbar
- Außenhandel arbeitet sich aus dem Tief heraus
- Unsicherer Jahresbeginn für die Automobilindustrie
Spanien ist von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie stärker betroffen als alle anderen 27 Mitglieder der Europäischen Union (EU). Das Statistikamt INE errechnete im April 2021, dass das spanische Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2020 um real 10,8 Prozent eingebrochen ist. In der Eurozone lag der Rückgang des BIP hingegen bei 6,8 Prozent.
Im 1. Quartal 2021 blieb die spanische Wirtschaftsleistung um 4,3 Prozent unter dem Wert des Vorjahresquartals zurück. Erste Indikatoren verbesserten sich jedoch spürbar. So nahmen laut Statistikamt INE die Ausrüstungsinvestitionen um 4,1 Prozent zu. Der kalenderbereinigte Index der Industrieproduktion lag um 12,7 Punkte über dem Wert von März 2020.
Im April legte der Einkaufsmanagerindex sprunghaft auf 55,2 Punkte zu. Damit befand er sich im zweiten Monat in Folge wieder im Wachstumsbereich.
Die Europäische Kommission ermittelte für April 2021 einen Verbrauchervertrauensindex von minus 11,6. Diese Zahl mag auf den ersten Blick sehr negativ wirken, ist jedoch das mit Abstand beste Resultat seit Monaten. Die Tendenz zeigt nach oben.
Die positiven Anzeichen decken sich mit den wirtschaftlichen Erwartungen für den Jahresverlauf. Mit 5,6 Prozent Wachstum soll 2021 laut der Europäischen Kommission in Spanien eine Trendwende einsetzen. Auch bei einem erwarteten weiteren Zuwachs von 5,3 Prozent im Jahr 2022 wäre das Vorkrisenniveau noch nicht wieder erreicht.
Ausmaß der Krise wird nach dem Auslaufen der Hilfen sichtbar
Noch federn Kurzarbeit und Avale für Unternehmen einen Teil der Lasten ab. Nach dem Ende der Kurzarbeitsregelungen und wenn die Rückzahlung gewährter Hilfen ansteht, könnte sich die Krise noch einmal verschärfen. Im April 2021 waren 3,89 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Hinzu kamen circa 630.000 Kurzarbeiter. Diese stammten zumeist aus der Gastronomie und Hotellerie.
Im 1. Quartal 2021 lag der Konsum der spanischen Haushalte um 3,9 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Die Sparneigung ist noch stärker ausgeprägt als in der Krise von 2008 bis 2013. Die sprunghaft gestiegene Sparquote birgt allerdings auch die Chance auf Nachholeffekte nach der Pandemie.
Der Tourismus ist besonders hart getroffen. Der Branchenverband Exceltur schätzt, dass die Einnahmen des Sektors 2020 das Vorjahresresultat um 106,4 Milliarden Euro unterschritten. Das entspräche einem Einbruch des Geschäfts mit in- und ausländischen Kunden um etwa zwei Drittel.
Für das schwach begonnene neue Jahr geht der Verband von 58 Milliarden Euro weniger Einnahmen aus als vor der Krise. Die Erwartungen für die Reisebranche richten sich auf den Erfolg der Impfkampagnen in wichtigen Quellmärkten. Zudem bietet der Wegfall der innerspanischen Reisebeschränkungen die Chance auf mehr inländischen Tourismus. Die spanische Regierung hoffte im Mai darauf, dass 2021 noch etwa 50 Prozent der Tourismuseinnahmen von 2019 generiert werden können.
Außenhandel arbeitet sich aus dem Tief heraus
In den Monaten Januar bis März 2021 lag die spanische Wirtschaftsleistung um 4,3 Prozent unter dem Wert des Vorjahreszeitraums. Zu den positiven Erkenntnissen gehört, dass der Außenhandel sich von seinem Krisentief etwas erholte. Die Ausfuhren von Waren und Dienstleistungen verzeichneten noch ein Minus von 9,5 Prozent, bei den Einfuhren waren es 5,2 Prozent.
Aufgrund der wirtschaftlichen Verwerfungen durch die Coronakrise wurde die Einigung auf das große Hilfspaket der EU vom 21. Juli 2020 positiv aufgenommen. Auf Spanien entfallen laut einer Pressemitteilung der Regierung insgesamt rund 140 Milliarden Euro. Laut neuesten Zahlen von Januar 2021 erhält Spanien 79,8 Milliarden Euro Zuschüsse und überholt Italien knapp als größtes Empfängerland. Im Oktober 2020 stellte die Regierung einen Plan vor, wie das Geld verteilt werden soll. Die Zielrichtung ist ein "grüneres" und digitaleres Spanien.
Die Versteigerung von Fotovoltaik- und Windenergiekapazitäten im Januar 2021 verdeutlichte, dass die Energiewende bereits in vollem Gange ist. Unternehmen boten für dreimal mehr Megawatt als verfügbar waren. Erneuerbare Energien ragten innerhalb der spanischen Volkswirtschaft bereits 2020 positiv heraus. Künftig sollen sie stärker zur Eigenversorgung von Verbrauchern und zur Erzeugung von "grünem" Wasserstoff genutzt werden.
Unsicherer Jahresbeginn für die Automobilindustrie
Die Kfz- und Kfz-Teileindustrie in Spanien bewegt sich weiterhin in einem unsicheren Umfeld. Die Wirtschaftszeitung Expansión berichtete im Dezember 2020 von einer inoffiziellen Schätzung, nach der die Neuzulassungen 2021 um 20 Prozent steigen werden.
Auf der Produktionsseite macht sich der anhaltende Halbleitermangel bemerkbar. Volkswagen Navarra erwartet eine um 3.300 Fahrzeuge geringere Jahresproduktion. Stellantis in Figueruelas sowie Renault in Palencia und Valladolid mussten auf Kurzarbeit ausweichen.
Nachfrageseitig leiden wichtige Zielmärkte für spanische Kfz unter massiven Einschränkungen aufgrund der Pandemie. Entsprechend ist die weitere Entwicklung der Exporte ungewiss.
Die Bauinvestitionen lagen im 1. Quartal 2021 um 12,5 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Im März 2021 deutete sich eine erste Belebung an. Der Zementverbrauch schnellte um 52,6 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat hoch.
Infrastrukturprojekte und der Bedarf an mehr Wohnungen sowie Logistikgebäuden versprechen positive Zahlen. Die Tageszeitung El País berichtete, dass die Renovierung von Gebäuden künftig massiv staatlich gefördert werden soll. Mit der Unterstützung der EU-Hilfspakete sollen 5,8 Milliarden Euro bereitgestellt werden. Je nach Projekt können die Eigentümer Erstattungen von 35 bis 100 Prozent der Kosten erhalten.
Statt der üblichen 30.000 Sanierungen pro Jahr soll die neue Initiative für mehr als fünfmal so viel Aktivität sorgen. Die Zielmarke lautet, innerhalb von drei Jahren 500.000 Gebäude zu erneuern.
Von Oliver Idem | Madrid


