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Spanien

EU-Hilfsgelder sorgen für außergewöhnliche Investitionschancen


Spanien kann 72 Milliarden Euro Zuschüsse der EU investieren. Nach dem Auslaufen staatlicher Hilfen für Unternehmen besteht das Risiko, dass viele Firmen auf der Strecke bleiben.

23.11.2020

Von Oliver Idem | Madrid

Spanien stand gemessen an der Wirtschaftsleistung 2019 laut dem Internationalen Währungsfonds auf Platz 13 weltweit. Innerhalb der Europäischen Union (EU) ist das Land die fünftgrößte und nach einem Brexit die viertgrößte Volkswirtschaft. Die Europäische Kommission erwartete in ihrer Herbstprognose 2020, dass Spaniens Wirtschaftsleistung im Gesamtjahr um 12,4 Prozent einbricht. Kein anderes EU-Land ist auch nur annähernd so stark von den Folgen der Coronakrise betroffen.

SWOT-Analyse Spanien

Strengths

Weaknesses

Fünftgrößter Markt der EU mit knapp 47 Millionen Einwohnern

Hohe Staatsverschuldung

Sehr gute Infrastruktur

Viele wenig produktive Klein- und Kleinstunternehmen

Breites Zuliefernetz

Starke Abhängigkeit vom Auslandstourismus

Technologisch-industriell exportstarke Unternehmen

Coronakrise trifft Spanien härter als andere Industrieländer

Internationalisierung über Handel, Direktinvestitionen, Konzessionen

Dualität des Arbeitsmarktes durch Befristungen und strukturelle Arbeitslosigkeit

Opportunities

Threats 

72 Milliarden Euro EU-Zuschüsse können investiert werden

Regierungskoalition muss die Krise ohne eigene Mehrheit bewältigen

Wirtschaftliches Potenzial der Energie- und Klimapläne der Regierung

Tiefe politische Spaltung und weitere Konfliktlinien

Technikbedarf der innovativen exportstarken Unternehmen

Folgen eines möglichen ungeregelten Brexits

Jährliche Ausschreibungen für erneuerbare Energien

Situation nach dem Auslaufen staatlicher Hilfsmaßnahmen für Unternehmen

Brücke nach Lateinamerika, Portugal und Nordafrika

Mangelnde Nachhaltigkeit des Rentensystems

Quelle: Germany Trade & Invest

Historische Investitionschancen durch das EU-Paket

Spanien kann in den kommenden Jahren auf insgesamt 72 Milliarden Euro Zuschüsse aus dem Hilfspaket der EU zählen. Damit sollen die Modernisierung und Digitalisierung von Industrie und kleineren Unternehmen vorangetrieben werden. Auch der von der Pandemie schwer getroffene Tourismussektor gehört zu den Zielbereichen.

Das staatliche Gesundheitswesen funktionierte laut Umfragen unter normalen Umständen für die große Mehrheit der Spanier gut. Der Ansturm auf die Krankenhäuser und Intensivstationen im Frühjahr 2020 überforderte das System jedoch. Nun sollen EU-Gelder auch in den Ausbau des Gesundheitsdienstes fließen.

Vorgesehen sind auch Investitionen in die Verkehrs- und Energieinfrastruktur. Laut früheren Medienberichten ist die Umsetzung von Bahnprojekten im Regional- und Fernverkehr zu erwarten. Außerdem nutzt die Regierung die Finanzspritze aus Brüssel, um die Energiewende voranzutreiben. Im laufenden Jahr hat sich die Energie- und Klimapolitik als ein Schwerpunkt der Regierungspolitik herauskristallisiert. Wichtige Elemente sind der Ausbau erneuerbarer Energien und der Ausstieg aus der Kohle und Kernenergie. Zur Dekarbonisierung soll auch ein beschleunigter Ausbau der Elektromobilität beitragen.

In der Vergangenheit konnten europäische Gelder aus administrativen Gründen nicht voll ausgeschöpft werden. Laut Berechnungen der Sparkassenstiftung Funcas wurden nur 34 Prozent der Mittel aus dem vergangenen mehrjährigen Finanzrahmen abgerufen, berichtete die Wirtschaftszeitung Cinco Días. Mit Blick auf dieses Risiko sollen die Koordination und Nachverfolgung von Projekten neu aufgestellt werden. 

Spanien punktet mit einer modernen Infrastruktur

Zu den strukturellen Stärken Spaniens zählt eine sehr gut ausgebaute Infrastruktur (Hochgeschwindigkeitszugnetz, Fluganbindung, Autobahnen, Telekommunikation, Gesundheitswesen). Erste 5G-Projekte in der Industrie werden umgesetzt und eröffnen neue Möglichkeiten. Potenziale bestehen für vernetztes Fahren, Telemedizin und Maschinenkommunikation. Die für 2020 vorgesehene Auktion von 5G-Frequenzen wurde aufgrund des ungünstigen wirtschaftlichen Gesamtumfelds verschoben.

Innovationschancen sieht das Beratungsunternehmen PwC in seiner Global Digital Operations Study von 2018. Derzufolge hat bislang nur ein Fünftel der Einnahmen spanischer Industriebetriebe eine digitale Komponente. Dieser Befund passt zu dem Bild, dass das Land über eine Reihe technologischer Vorreiter verfügt, die Digitalisierung in der Breite aber noch nicht angekommen ist.

Starker Dualismus in der Wirtschaftsstruktur

Die spanische Unternehmenslandschaft hat zwei sehr unterschiedliche Gesichter. Das Land ist ein bedeutender Industriestandort. Insbesondere größere Exportunternehmen produzieren auf einem hohen technischen Niveau. Weltweit mit zur Spitze gehört etwa die Produktion von Kraftfahrzeugen, Werkzeugmaschinen, Verbundstoffkomponenten für die Luftfahrtindustrie, Windkraftanlagen und Schienenfahrzeugen. Auch spanische Infrastrukturbau- und Konzessionskonzerne stehen weltweit vorne. Ihnen gelang es auch im Pandemiejahr 2020, sich im Ringen um Auslandsaufträge erfolgreich zu behaupten.

Am anderen Ende der Größenskala stehen rund 99 Prozent Klein- und Kleinstunternehmen sowie Selbstständige. Viele von ihnen verfügen über eine geringe Produktivität und sind stark vom Binnenmarkt abhängig. Entsprechend stark schlägt die Coronakrise auf die kleinen Unternehmen durch. Der Verband CEPYME befürchtet, dass bei einem schwachen Weihnachtsgeschäft 25 bis 35 Prozent der Händler schließen müssen.

Politische Unsicherheit in herausfordernden Zeiten

Die politischen Rahmenbedingungen zur Bewältigung der Krise sind in Spanien ungünstig. Die Regierungskoalition ist auf Partner angewiesen, um Mehrheiten zu erreichen. Unpopuläre Themen wie Reformen der Rentenversicherung lassen sich unter diesen Umständen kaum bearbeiten. Eine jahrelange Dezentralisierung des Gesundheitswesens erschwert es, in der Pandemiesituation koordiniert vorzugehen.

Zudem sind die politischen und ideologischen Gräben im Land tief. Auseinandersetzungen werden häufig polemisch und unnachgiebig geführt. Der Katalonienkonflikt trat 2020 etwas in den Hintergrund. Umfragen zeigen aber, dass sich die Blöcke der unabhängigkeitsorientierten und der pro-spanischen Parteien in nahezu unveränderter Stärke gegenüberstehen.  

Quelle: GTAI