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Brasilien

„Ich sehe keinen Linksruck“


Unternehmer und DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun hat deutsche Firmen aufgefordert, stärker in Brasilien zu investieren. Im Handelsblatt-Interview spricht er über die wachsende Bedeutung des Investitionsstandorts und seine Erwartungen an die anstehende Lateinamerika-Reise der Kanzlerin. Zudem erklärt er, warum die weltweite Finanzkrise unter den Schwellenländern insbesondere China treffen wird.

Herr Braun, Bundeskanzlerin Angela Merkel fährt am Dienstag nächster Woche nach Lateinamerika. Der Subkontinent ist im Zuge der China- und Indien-Euphorie aus dem öffentlichen Blickfeld geraten – zu Recht?

Nein, ich bin begeistert von Südamerika und ganz besonders von Brasilien. Mein Unternehmen, das vor allem Medizinprodukte herstellt, ist seit 41 Jahren im Land und beschäftigt rund 1 500 Mitarbeiter in Brasilien. Bis 2010 investieren wir weitere 65 Millionen Euro.

Dennoch konzentrieren sich viele andere Unternehmer auf die Boomländer in Asien.

Das stimmt, und das ist sehr bedauerlich. Die deutsche Industrie ist zwar gerade im Großraum São Paulo mit etwa 1 200 Firmen vertreten. São Paulo ist damit einer der größten deutschen Industrie-Cluster außerhalb der Bundesrepublik. Aber alle Unternehmen, die noch nicht da sind, verpassen etwas. Gerade Brasilien hat in den letzten Jahren einen großen Sprung nach vorne gemacht, den viele hierzulande offenbar nicht wahrgenommen haben. Problematisch ist, dass deutsche Banken zahlreiche Niederlassungen geschlossen haben. Das ist ein großes Handicap für deutsche Unternehmen.

Was fasziniert Sie so?

Unter Präsident Lula und seinem Vorgänger Cardoso hat sich Brasilien mit einer sozialdemokratischen Politik der Mitte auf den richtigen Weg gemacht. Das Land hat sich wirtschaftlich geöffnet, und die unabhängige Zentralbank hat die Inflation in den Griff bekommen. Das Wirtschaftswachstum steht auf einer soliden Grundlage. Es gibt inzwischen viele Unternehmen wie den Flugzeughersteller Embraer und den Rohstoffkonzern Vale, die weltweit führend sind. Auch was das technologische Know-how angeht: Große Ölkonzerne holen Experten inzwischen aus Brasilien. Ein anderes Beispiel: Der neue Gouverneur von Rio de Janeiro bekämpft intensiv die Gewaltkriminalität. Das zeigt: Die Brasilianer verlassen sich inzwischen nicht mehr nur auf ihre reichen Bodenschätze oder darauf, dass sich die Probleme schon irgendwie von selbst lösen werden.

Das Zögern vieler Investoren, wieder nach Südamerika zu gehen, hat historische Gründe.

In den letzten Jahrzehnten ist ja auch vieles schiefgelaufen. Es gab mehrere Phasen von Hyperinflation, es gab politische Instabilität. Auch mein Unternehmen hat viele Höhen und Tiefen erlebt. Das hat sich jetzt aber in Ländern wie Brasilien, Chile und Peru deutlich gebessert. Brasilien ist gerade von der Ratingagentur Standard & Poor’s hochgestuft worden. Schwieriger ist es zurzeit in Venezuela, Bolivien und Argentinien.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie der Standort China sich von Brasilien unterscheidet

Da Sie diese drei Länder gerade erwähnen: Was halten Sie von der These, durch alle Länder Südamerikas gehe ein Linksruck, der verhängnisvolle Folgen haben könnte?

Für mich ist das, was in diesen Ländern politisch passiert, nicht in erster Linie ein Linksruck, sondern eine Pendelbewegung der Demokratie. Die Politiker achten dort genau wie hier vor allem auf ihre Wiederwählbarkeit. Neu ist für Südamerika, dass sich die Regierungen jetzt weitgehend an die demokratischen Spielregeln halten und Regierungswechsel wie jetzt in Paraguay möglich sind. Außerdem wird die Justiz unabhängiger, Unternehmen werden nicht an ihrer freien Entfaltung gehindert.

Sie sind ja auch im Asien-Geschäft. Wie unterscheidet sich der Standort China von Brasilien?

Es ist spektakulär, bei jedem neuen China-Besuch in dem autoritär geführten Land massive Baufortschritte zu erleben. Da werden ganze Städte aus dem Bode gestampft, was in gefestigten Demokratien und Rechtssystemen wie Brasilien aus guten Gründen so nicht möglich ist. In China oder Vietnam kann man in riesigen Industrieparks Fabriken bauen, da stimmt von der Infrastruktur einfach alles. Dennoch: Durch die kulturelle Nähe zu Europa, gemeinsame Wurzeln und die Sprache ist in Südamerika vieles einfacher als in Asien.

An welchen Punkten haben die Latinos noch Nachholbedarf?

Ich würde mir wünschen, dass zum Beispiel die administrative Infrastruktur vereinfacht würde. Die Zollbürokratie ist sehr ineffizient. Außerdem bleibt die Gewaltkriminalität wohl so lange ein Thema, bis der Wohlstand auch die untersten Bevölkerungsschichten erreicht hat, aber auch da sehe ich schon Verbesserungen. Ich selbst fühle mich in Brasilien auf der Straße völlig sicher – auch ohne Leibwächter.

Korruption ist kein Ärgernis? Im Zuge des Siemens-Skandals wurde ja wieder deutlich, dass Auslandsgeschäfte wohl selten ohne Schmiergelder funktionieren.

Das sehe ich völlig anders. Für das, was da offenbar bei Siemens passiert ist, habe ich kein Verständnis. Den Kauf von Aufträgen lehne ich ab, und zwar überall. Wer einmal anfängt zu zahlen, kommt nicht mehr heraus. Deshalb sollte man ganz darauf verzichten. Auch in Russland kann man, entgegen landläufiger Meinung, Geschäfte ohne Schmiergelder machen.

Seit Mitte 2007 bestimmt die globale Finanzkrise die Schlagzeilen. Die USA könnten schon in einer Rezession stecken, die noch Jahre dauern kann. Lateinamerika hat ja traditionell enge Beziehungen zu den Vereinigten Staaten. Droht dem Brasilien-Boom von dieser Seite das Ende?

Wenn ich mir die Schwellenländer ansehe, dann glaube ich vor allem, dass China von der US-Krise betroffen sein wird. Schon heute spürt China, dass die Exporte in die USA deutlich zurückgehen. Noch wird das durch verstärkte Ausfuhren nach Europa oder in die Nachbarländer kompensiert, aber das wird immer schwieriger. Ich glaube daher inzwischen auch, dass Deutschland im Jahr 2008 noch den Titel als Exportweltmeister behalten kann.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Welche Erwartungen Braun an die Lateinamerika-Reise von Angela Merkel hat

Und Brasilien?

Die Finanzkrise wird Brasilien nur dann treffen, wenn die Weltkonjunktur insgesamt an Tempo verliert. Mexiko und Kolumbien könnte es härter treffen, aber die Folgen für Brasilien werden sich in engen Grenzen halten. Vor allem deshalb, weil das Land inzwischen eine sehr starke Binnenkonjunktur hat, die die Krisenfolgen ausgleichen kann. Ich bin sogar der Meinung, dass Brasilien mit der stabilen Landeswährung Real und einem starken Kapitalmarkt von der US-Schwäche profitieren kann, weil Investoren auf der Suche nach attraktiven Alternativen ihr Geld nach São Paulo umleiten könnten.

Die Bundeskanzlerin kommt also zum richtigen Zeitpunkt?

Ja, besser könnte der Zeitpunkt der Merkel-Reise kaum sein. Ich kann aber nicht mitreisen, da mein Sohn heiratet. Ich wäre sonst sehr gerne dabei gewesen.

Welche Erwartungen haben Sie an die Reise, die ja über Brasilien nach Lima zum EU-Lateinamerika-Gipfel und dann weiter nach Kolumbien und Mexiko führt?

Es wäre gut, wenn Frau Merkel dazu beitragen könnte, dass nicht nur Deutschland, sondern die ganze EU wieder einen stärkeren Fokus auf Lateinamerika richtete. Wir sollten unsere Chancen in Lateinamerika stärker nutzen, sonst orientiert sich Südamerika noch mehr an Nordamerika.

Was meinen Sie konkret?

Wir Europäer brauchen Südamerika und vor allem Brasilien nicht nur als Rohstofflieferant. Zweites wichtiges Thema ist in meinen Augen die Bildungskooperation: Wir sollten zum Beispiel den Austausch von Studenten und die Zusammenarbeit von Universitäten fördern. Die EU könnte ein eigenes Erasmus Programm für Lateinamerika auflegen. Eine gute Basis dafür bieten die vielen deutschen Schulen, die es in Südamerika bereits gibt. Für alle Schüler dort ist Deutsch die erste Fremdsprache.

Seit vielen Jahren stocken die Verhandlungen zwischen der EU und den Mercosur Ländern in Südamerika über eine regionale Handelszone. Haben Sie die Hoffnung, dass die Gespräche irgendwann zum Erfolg führen?

Das wäre schön. Bisher hakt es auf beiden Seiten. Die Mercosur- Länder behindern sich gegenseitig, weil sie ihre alten Rivalitäten pflegen. Gerade Argentinien mit seiner in vielen Bereichen veralteten Industrie würde von dieser Handelszone sehr profitieren. Argentinien hat einen enormen Erneuerungsbedarf. Auf europäischer Seite wurde die Einigung bisher vor allem durch Frankreich und Spanien blockiert, weil Gefahren für die Agrarexporte gesehen wurden. Das könnte sich jetzt aufgrund der Explosion der Weltmarktpreise für Agrarprodukte aber ändern. Ich hoffe, dass Frau Merkel mit ihrem Verhandlungsgeschick auf diesem Terrain ein Stück vorankommen kann.

Quelle:

HANDELSBLATT, Montag, 5. Mai 2008, 18:24 Uhr

Handelsblatt-Interview mit Ludwig Georg Braun

Artikel geschrieben bei Hermann-Josef Knipper und Daniel Goffart