Die Reallöhne sind 2021 um 1,6 Prozent gesunken. Die hohe Inflation sorgt 2022 für Lohndruck. Die wirtschaftliche Belebung führte 2021 zu deutlichen Lohnzuwächsen im Gastgewerbe.
Löhne und Gehälter
Im Sommer 2022 zeichnet sich noch keine Entspannung bei der Inflation in Spanien ab. Mit 10,8 Prozent wurde im Juli 2022 der höchste Wert seit 1984 erreicht. Diese Preissteigerungen ziehen höhere Lohnforderungen nach sich. Der Effekt dürfte noch mindestens im 2. Halbjahr 2022 anhalten.
Seit Ende 2021 nehmen die tariflich vereinbarten Steigerungen der Löhne und Gehälter zu. Bis Juli 2022 lagen die durchschnittlichen Zuwächse in den erfassten Verträgen bei 2,6 Prozent. Das ist rund 1 Prozentpunkt mehr als vor Jahresfrist. Der Aufwärtstrend dürfte sich weiter fortsetzen.
Insbesondere Beschäftigte mit geringen Einkommen leiden unter den steigenden Preisen, da sich vor allem elementare Ausgabenposten wie Energie, Nahrungsmittel und Transportkosten verteuern. Auf der anderen Seite wird die spanische Zentralbank nicht müde, vor den Risiken einer Lohn-Preis-Spirale und einem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit zu warnen.
Bei den Arbeitskosten verzeichnete Spanien bereits 2021 eine deutliche Zunahme. Insgesamt stiegen die Kosten pro Mitarbeiter laut dem Statistikamt INE um durchschnittlich 5,6 Prozent auf 32.907 Euro. Davon entfielen 73,6 Prozent auf das Bruttogehalt. Hinzu kamen 23,4 Prozent Pflichtabgaben. Zu geringen Anteilen gehen auch freiwillige Leistungen, Entschädigungen bei Entlassungen, Arbeitskleidung sowie Ausbildungs- und Transportausgaben in die Arbeitskosten ein.
Eine andere EU-weite Untersuchung kommt zu einem anderen Ergebnis. Der Personaldienstleister Adecco ermittelte 2021 geringere Bruttolöhne als das spanische Statistikamt. Hier wurden wahrscheinlich nur die reinen Bruttobezüge ohne weitere Elemente berücksichtigt. Im EU-Vergleich sieht Adecco Spanien mit 1.751 Euro Monatsbrutto um 20 Prozent unterhalb des Durchschnitts.
Mindestlohn steigt
Der Mindestlohn in Spanien beträgt 33,33 Euro pro Tag. Auf Monatsbasis liegt er bei 1.000 Euro, wobei 14 statt 12 Auszahlungen pro Jahr üblich sind. Mit dieser Erhöhung auf 14.000 Euro nahm der Mindestlohn gegenüber 2021 um 5,3 Prozent zu. Die Lohnuntergrenze wird von der Regierung nach Beratungen mit den Sozialpartnern festgelegt.
Arbeitsministerin Yolanda Díaz stellte laut der Wirtschaftszeitung Expansión bereits eine weitere deutliche Erhöhung des Mindestlohns in Aussicht. Aufgrund der galoppierenden Inflation sei es mehr denn je an der Zeit, die Lohnuntergrenze anzuheben.
Offizielle Angaben bilden mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht den gesamten spanischen Arbeitsmarkt ab. Schätzungen zufolge entspricht die Schattenwirtschaft des Landes etwa 23 bis 25 Prozent der Wirtschaftsleistung.
Dieses Phänomen betrifft auch den Arbeitsmarkt. Eine Studie der Stellenbörse InfoJobs unter jungen Berufstätigen förderte 2021 zutage, dass irreguläre Zahlungen verbreitet sind. Unter rund 4.700 Befragten gab ein Viertel an, in den vergangenen drei Jahren zumindest einen Teil des Lohns am Finanzamt vorbei erhalten zu haben. In jedem zweiten Fall habe das Unternehmen keine andere Wahl gelassen. Andere Motivationen waren, den Lohn aufzubessern oder die Arbeitslosenunterstützung nicht zu verlieren.
Inflation drückt die Reallöhne in den negativen Bereich
Durch den außergewöhnlichen Effekt einer negativen Inflationsrate verzeichneten die Beschäftigten in Spanien 2020 einen kräftigen Zuwachs der Reallöhne. Bereits 2021 kehrte sich dieser Trend um. Für 2022 lassen die vorliegenden Daten starke Einbußen bei den Reallöhnen erwarten.
Entwicklung der durchschnittlichen Bruttomonatslöhne 1)
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2018 2)
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2019 2)
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2020 3)
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2021 4)
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nominal (in Euro)
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2.000,8
|
2.033,0
|
2.097,1
|
2.127,8
|
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Inflationsrate (IPC)
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1,7
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0,7
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-0,3
|
3,1
|
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reale Veränderung (in %) 5)
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-0,2
|
0,9
|
3,4
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-1,6
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1) Jahresdurchschnittslohn dividiert durch zwölf Monate; 2) revidiert; 3) vorläufig; 4) Prognose auf Basis der 2021 durchschnittlich in den Kollektivverträgen vereinbarten Erhöhungen um 1,47 Prozent; 5) nominale Veränderung minus InflationsrateQuelle: Statistikamt INE 2022; Ministerio de Trabajo y Economía Social 2021
Die Hauptstadt Madrid und weitere industrielle Schwerpunktgebiete bilden die Hochlohnregionen Spaniens. In diesen legten die Bruttolöhne 2021 etwa im Landesdurchschnitt zu. Die Regionen mit niedrigen Löhnen holten dank überproportionaler Zuwächse etwas auf. Hier dürfte sich der wirtschaftliche Aufwärtstrend in den Tourismusregionen ausgewirkt haben.
Durchschnittliche Bruttomonatslöhne nach Region 1)
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2021 (in Euro)
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Veränderung 2021/20 (in %) 2)
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2020 (in Euro)
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Landesdurchschnitt
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1.918,6
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5,4
|
1.819,6
|
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Hauptstadt (Madrid)
|
2.444,4
|
5,6
|
2.314,6
|
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Hochlohnregion (Madrid, Baskenland)
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2.398,4
|
5,2
|
2.280,5
|
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Niedriglohnregion (Extremadura, Kanaren)
|
1.601,6
|
7,4
|
1.491,9
|
1) Jahresdurchschnittslohn geteilt durch zwölf Monate; Hoch- und Niedriglohnregionen wurden mit dem Durchschnitt der beiden Regionen errechnet; 2) nominale Veränderung 2021 gegenüber 2020Quelle: Statistikamt INE (Encuesta anual de coste salarial) 2022; Berechnungen von Germany Trade & Invest
Eine erhebliche Differenzierung zeigte sich 2021 in der Lohnentwicklung nach Branchen. Im Durchschnitt stiegen die Löhne nominal um 6,2 Prozent. In der zuvor von der Pandemie betroffenen Hotellerie und Gastronomie wuchsen die Bruttolöhne um ein Viertel.
Durchschnittliche Bruttomonatslöhne nach Branchen 1)
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2021 (in Euro)
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Veränderung 2021/2020 (in %) 2)
|
2020 (in Euro)
|
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Insgesamt
|
2.020,7
|
6,2
|
1.903,1
|
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Bauwirtschaft
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1.934,7
|
2,6
|
1.885,3
|
|
Bergbau
|
3.290,6
|
2,4
|
3.213,6
|
|
Verarbeitendes Gewerbe
|
2.282,9
|
5,1
|
2.172,7
|
|
Energiewirtschaft (Elektrizität, Gas)
|
5.244,2
|
4,3
|
5.029,3
|
|
Wasser- und Entsorgungswirtschaft
|
2.137,7
|
1,8
|
2.100,1
|
|
Handel, Reparaturen
|
1.752,9
|
7,8
|
1.626,5
|
|
Transport und Logistik
|
1.980,4
|
6,2
|
1.865,1
|
|
Hotellerie und Gastronomie
|
978,0
|
25,1
|
781,4
|
|
Information und Telekommunikation
|
3.149,6
|
6,7
|
2.951,9
|
|
Finanzwesen, Banken, Versicherungen
|
4.075,7
|
1,5
|
4.015,0
|
|
Immobilienbranche
|
2.035,8
|
-0,1
|
2.038,7
|
|
Wissenschaft und Forschung
|
2.541,8
|
4,7
|
2.426,7
|
1) Jahresdurchschnittslohn geteilt durch zwölf Monate; 2) nominale Veränderung 2021 gegenüber 2020Quelle: Statistikamt INE (Encuesta Anual de Coste Laboral) 2022; Berechnungen von Germany Trade & Invest
In den Niederlassungen ausländischer Unternehmen und großer börsennotierter spanischer Gesellschaften ist die Gehaltsstruktur komplexer als in kleineren Unternehmen.
Durchschnittliche Bruttomonatslöhne nach ausgewählten Positionen 1)
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2021 (in Euro)
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Veränderung 2021/2020 (in %) 2)
|
2020 (in Euro)
|
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Geschäftsführerin einer größeren Niederlassung 3)
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22.783
|
1,1
|
22.524
|
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Geschäftsführerin eines kleinen bis mittleren Unternehmens 4)
|
17.299
|
0,6
|
17.195
|
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Vertriebsleiterin
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6.948
|
1,9
|
6.815
|
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Ingenieurin
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5.585
|
2,4
|
5.452
|
|
Programmiererin
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4.624
|
3,9
|
4.451
|
|
Sekretärin mit Fremdsprachenkenntnissen
|
4.060
|
2,0
|
3.981
|
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Buchhalterin
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3.711
|
2,3
|
3.628
|
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Kraftfahrerin 5)
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2.378
|
2,2
|
2.327
|
1) Bruttomonatslöhne in mittleren Unternehmen (Jahreseinkommen dividiert durch zwölf Monate); 2) nominale Veränderung; 3) Umsatz über 100 Mio. Euro; 4) Umsatz von 25 Mio. bis 100 Mio. Euro; 5) laut BranchentarifvertragQuelle: Centro de Investigación Salarial CEINSA 2022
Bruttolöhne (Produktion) 1)
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2021 (in Euro)
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Veränderung 2021/20 2)
|
2020 (in Euro)
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Angelernte Arbeiterin (Tätigkeiten, die in wenigen Tagen zu erlernen sind und für die keine spezielle Berufsausbildung notwendig ist)
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1.945
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1,7
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1.913
|
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Mitarbeiterin, die unter Aufsicht Tätigkeiten ausführt, für die eine mehrjährige Berufsausbildung erforderlich ist 3)
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2.390
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2,8
|
2.323
|
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Ausgebildete Mitarbeiterin mit mehrjähriger, praktischer Berufserfahrung, die Aufgaben zuverlässig ohne Aufsicht durchführen und Fertigungsprozesse einrichten kann 4)
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3.073
|
3,0
|
2.984
|
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Mitarbeiterin mit mehrjähriger Erfahrung und Leitungsbefugnis, die als Vorarbeiterin die Arbeit von Produktionsbereichen verantwortet
|
3.711
|
2,6
|
3.619
|
1) Bruttomonatslöhne in mittleren Unternehmen auf der Basis von Bruttojahreslöhnen dividiert durch zwölf Monate; 2) nominale Veränderung; 3) abgeschlossene Berufsausbildung mit mindestens 3 Jahren Berufserfahrung; 4) ab 5 Jahren BerufserfahrungQuelle: Centro de Investigación Salarial CEINSA 2022
Weitere Lohnbestandteile
Bei Führungskräften bestimmen variable Bestandteile immer mehr das monatliche beziehungsweise das Jahresendeinkommen. Der Firmenwagen ist im Vertrieb oder im Servicebereich selbstverständlich. Er ist zum Teil auch bei den mittleren Unternehmenshierarchien üblich, ebenso wie Geschäftshandy oder Laptop. Sehr geschätzt wird eine Krankenzusatzversicherung, die die Behandlung als Privatpatient erlaubt.
Zusatzleistungen wie Fahrkarten für den Nahverkehr, Betriebsrenten, kostenlose Betriebsaktien, Essenszuschüsse, Sozialleistungen sind üblich, unterliegen aber durch das Königliche Gesetzesdekret RDL 16/2013 der Sozialversicherungspflicht.
Sozialversicherungsbeiträge
In Spanien existiert für alle Beitragsarten außer der Berufsunfallversicherung eine einzige staatliche Versicherung, die Seguridad Social. Die monatliche Beitragsbemessungsgrenze beträgt 4.139,40 Euro. Die Abgaben summieren sich auf circa 39 Prozent des Bruttolohns. Davon entfallen 6,35 Prozent auf den Arbeitnehmer und der Rest auf den Arbeitgeber.
Die spanische Sozialversicherung kämpft schon seit Jahren mit der Differenz zwischen ihren Einnahmen und Ausgaben. Das System ist immer wieder auf Steuerzuschüsse angewiesen. So werden 2022 knapp 18,4 Milliarden Euro an Transfers aus dem Haushalt erforderlich. Das entspricht einem Anstieg um 31 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Sowohl die hohe Lebenserwartung als auch eine erhebliche Sockelarbeitslosigkeit erschweren das Wirtschaften der Sozialversicherung.
Sozialbeiträge 2022 (in Prozent der Bemessungsgrundlage)
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Arbeitgeber
|
Arbeitnehmer
|
Summe
|
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Insgesamt in Prozent des Bruttogehalts, davon
|
circa 33,0
|
6,35
|
circa 39,35
|
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Renten- und Krankenversicherung
|
23,60
|
4,70
|
28,30
|
|
Arbeitslosenversicherung
|
5,50
|
1,55
|
7,05
|
|
Berufsausbildungsausgabe
|
0,60
|
0,10
|
0,70
|
|
Lohngarantiefonds
|
0,20
|
0,00
|
0,20
|
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Arbeitsunfallversicherung *)
|
circa 3,10
|
0,00
|
circa 3,10
|
*) Grobstruktur im Standardfall (Arbeitsunfallversicherung ist abhängig von der gewerblichen Tätigkeit/leichte Abweichung bei befristeten Arbeitsverträgen)Quelle: AHK Spanien 2022
Von Oliver Idem | Madrid