direkte Bereichesauswahl

Spanien

Inflation beschleunigt das Wachstum der Lohnkosten


Zweistellige Inflationsraten führen zu Anpassungsdruck bei den Löhnen in Spanien. Geänderte Befristungsregeln sorgen für mehr dauerhafte Arbeitsverträge. 

18.08.2022

Von Oliver Idem | Madrid

  • Arbeitsmarkt

    Die Beschäftigung in Spanien erreichte im 1. Halbjahr 2022 einen Rekordstand. Unternehmen suchen nach passenden Beschäftigten und viele Arbeitnehmer nach Wechselperspektiven.

    Spaniens Aufholjagd nach der Coronakrise verläuft zunehmend gedämpft. Hohe Energie- und Lebensmittelpreise sowie Lieferkettenprobleme belasten Wirtschaft und Bevölkerung auf vielfältige Weise. Die Europäische Kommission rechnet 2022 für Spanien noch mit einer Zunahme der Wirtschaftsleistung um 4 Prozent. Im Folgejahr wird nur noch ein Plus von 2,1 Prozent erwartet. Damit würde erst Anfang 2024 wieder das Vorkrisenniveau überschritten.

    Der Arbeitsmarkt weist einen positiven Gesamttrend durch Abbau von Arbeitslosigkeit und Rekordzahlen bei der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung auf. Durch die Einschränkung von Befristungen nimmt die Anzahl der festen Arbeitsverträge zu. 

    Diese Maßnahme der Linksregierung erhielt trotz der politischen Polarisierung im Lande viel Zustimmung bis in konservative Kreise hinein. Von stabileren Beschäftigungsverhältnissen erhoffen sich viele, dass der Konsum zunimmt. Zudem soll sich die Produktivität erhöhen und weniger Menschen aus Unzufriedenheit den Job wechseln.

    Im Juni 2022 verzeichnete Spanien noch 3 Millionen Arbeitslose und eine Quote von 12,5 Prozent. Der Juli brachte allerdings einen saisonal ungewöhnlichen Einbruch mit sich. Dieser lag jedoch fast ausschließlich an einem Sondereffekt: Im Bildungswesen liefen 115.000 Arbeitsverträge aus. Diese betrafen Stellen, die zur Verstärkung des Sektors in der Pandemie geschaffen worden waren.

    Nach Jahren mit geringer Bewegung bei den Reallöhnen meldet sich die Inflation zurück. Entgegen den Hoffnungen von Anfang 2022 befinden sich die Verbraucherpreise und die Kerninflationsrate weiterhin auf einem sehr hohen Niveau. Im Juli lagen die Verbraucherpreise 10,8 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. Die um schwankungsanfällige Elemente bereinigte Kerninflation stieg auf 6,1 Prozent.

    Gegen eine baldige Entspannung der Lage spricht beispielsweise, dass der Index der Industriepreise im Juni um 43,3 Prozent über dem Vorjahreswert lag. Dieser Anstieg dürfte sich teilweise in den Inflationsraten der kommenden Monate niederschlagen. Entsprechend ist damit zu rechnen, dass auch im Herbst hohe Lohnforderungen gestellt werden.

    Personalberatung sieht dynamische Jobwechselstimmung 

    Die Personalberatung Hays geht in ihrem Guía del Mercado Laboral 2022 von viel Dynamik auf dem Arbeitsmarkt aus. Der Befragung zufolge wollen 71 Prozent der Unternehmen neue Einstellungen vornehmen.

    Zudem suchen 68 Prozent der Beschäftigten nach neuen Perspektiven. Dabei geht es zumeist um mehr Geld oder bessere Sozialleistungen und weniger um eine komplette Neuorientierung. Die Hälfte der Interessenten sucht nach einer vergleichbaren Position in der eigenen Branche.

    Die Suche nach passendem Personal gestaltet sich für 83 Prozent der Unternehmen als schwierig. Die vorhandenen Kandidaten sind offenbar in etlichen Fällen nicht kompatibel mit den Vorstellungen der Arbeitgeber.

    Einigkeit herrscht bei den Fragen nach hybridem Arbeiten und nach Zukunftsbranchen. Circa 80 Prozent der Unternehmen und Beschäftigten halten eine Mischung aus Präsenz und Telearbeit für produktiv und vorteilhaft.

    Zudem erwarten beide Gruppen für die nächsten Jahre eine hohe Dynamik in der Informationstechnologie. Außerdem stufen sie die Biotechnologie als besonders gefragt ein.

    Hays zieht aus der Untersuchung den Schluss, dass Unternehmen ausbilden und Entwicklungsmöglichkeiten schaffen sollten. Damit könnten sie insbesondere junge Talente an sich binden. Gleiches gilt für eine gute Unternehmensführung und eine glaubwürdige Außendarstellung. 

    Zahl der Streiks und der ausgefallenen Arbeitstage zeigt 2022 nach oben

    Die Anzahl der Streiks nahm 2021 mit der wirtschaftlichen Erholung wieder zu. Mit 606 Streiks stiegen die Arbeitsniederlegungen um ein Viertel gegenüber dem Vorjahr, so das Arbeitsministerium. Dem stand jedoch eine kürzere Dauer entgegen. Die Anzahl der ausgefallenen Arbeitstage sank um 22 Prozent auf rund 422.800.

    Von Januar bis Ende April 2022 intensivierte sich das Streikgeschehen. Es wurden mehr Ausfälle als im Vorjahreszeitraum erfasst. Mit 247 Streiks wurden 23 mehr als in der Vorjahresperiode gezählt. Dadurch fielen rund 170.100 Arbeitstage aus. Das entsprach einer Zunahme um knapp 40 Prozent. 

    Allgemeine Arbeitsmarktdaten 2021

    Bevölkerung (in Mio.) *)

    47,4

    Erwerbspersonen (Bevölkerung älter als 15 und jünger als 65 Jahre, in Mio.)

    22,9

    Erwerbstätige (in Mio.)

    19,5

    Arbeitslosenquote, offizielle (in %, nach ILO-Definition)

    14,8

    Analphabetenquote (in %)

    3,1

    Tertiärabschluss (Fachhochschul-, Universitäts- oder höherer technischer Berufsausbildungsabschluss der Erwerbspersonen unter 65 Jahre, in %) 

    43,4

    *) vorläufig, Stand: 1.1.2022; bei Einwohnermeldeämtern gemeldete PersonenQuelle: Statistikamt INE 2022; Ministerio de Trabajo y Economía Social 2022

    Auf der mittleren technischen Ebene, die in Deutschland durch die duale Ausbildung abgedeckt wird, kann es an praxiskundigem Nachwuchs mangeln. Die Regierung nutzt Mittel aus der Aufbau- und Resilienzfazilität der Europäischen Union, um Berufsbildung und Ausbildung zu verbessern.

    Mechatroniker, Kfz-Mechatroniker, Elektroniker für Automatisierungstechnik und Industriemechaniker werden zunehmend von Niederlassungen deutscher Firmen in Kooperation mit der AHK Spanien ausgebildet. Dabei wird ein praktisches Jahr im Unternehmen auf die spanische zweijährige Berufsausbildung aufgestockt. Vorbild ist das deutsche duale System. 

    Fünf kaufmännische Ausbildungsgänge bieten die deutsche Auslandsberufsschule FEDA und die AHK Spanien in Kooperation an. Die Ausbildungen finden in den Tätigkeitsfeldern Hotel, Industrie, Spedition und Logistik sowie Einzelhandel, Groß- und Außenhandel statt.

    Viele Wege führen zu neuem Personal

    Die Suche nach neuen Mitarbeitern erfolgt häufig über Personalberatungsfirmen. Zu den größten gehören Randstad Empleo, Adecco Trabajo Temporal, Manpower Team, Eurofirms, Eulen Flexiplan und Hays. Ausgeschrieben wird darüber hinaus auf Jobportalen wie InfojobsTrabajos und Monster. Soziale Medien sind eine weitere Quelle mit wachsender Bedeutung.

    Universitätsabsolventen sind auf Recruiting-Messen anzutreffen. Auch in den Hochschulen werden Unternehmen fündig: Studenten suchen häufig Praktikumsplätze für ein halbes Jahr. Ähnlich verhält es sich mit Ausbildungsstätten.

    Arbeitssuchende wiederum konsultieren häufig die Webseiten der Unternehmen zu offenen Stellen. Der Personalservice der in deutsch- und spanischsprachigen Fach- und Führungskreisen gut vernetzten AHK Spanien findet sich auf ihrer Website unter der Rubrik Dienstleistungen.

    Von Oliver Idem | Madrid

  • Lohnkosten

    Die Reallöhne sind 2021 um 1,6 Prozent gesunkenDie hohe Inflation sorgt 2022 für Lohndruck. Die wirtschaftliche Belebung führte 2021 zu deutlichen Lohnzuwächsen im Gastgewerbe.

    Löhne und Gehälter 

    Im Sommer 2022 zeichnet sich noch keine Entspannung bei der Inflation in Spanien ab. Mit 10,8 Prozent wurde im Juli 2022 der höchste Wert seit 1984 erreicht. Diese Preissteigerungen ziehen höhere Lohnforderungen nach sich. Der Effekt dürfte noch mindestens im 2. Halbjahr 2022 anhalten.

    Seit Ende 2021 nehmen die tariflich vereinbarten Steigerungen der Löhne und Gehälter zu. Bis Juli 2022 lagen die durchschnittlichen Zuwächse in den erfassten Verträgen bei 2,6 Prozent. Das ist rund 1 Prozentpunkt mehr als vor Jahresfrist. Der Aufwärtstrend dürfte sich weiter fortsetzen.

    Insbesondere Beschäftigte mit geringen Einkommen leiden unter den steigenden Preisen, da sich vor allem elementare Ausgabenposten wie Energie, Nahrungsmittel und Transportkosten verteuern. Auf der anderen Seite wird die spanische Zentralbank nicht müde, vor den Risiken einer Lohn-Preis-Spirale und einem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit zu warnen.

    Bei den Arbeitskosten verzeichnete Spanien bereits 2021 eine deutliche Zunahme. Insgesamt stiegen die Kosten pro Mitarbeiter laut dem Statistikamt INE um durchschnittlich 5,6 Prozent auf 32.907 Euro. Davon entfielen 73,6 Prozent auf das Bruttogehalt. Hinzu kamen 23,4 Prozent Pflichtabgaben. Zu geringen Anteilen gehen auch freiwillige Leistungen, Entschädigungen bei Entlassungen, Arbeitskleidung sowie Ausbildungs- und Transportausgaben in die Arbeitskosten ein.

    Eine andere EU-weite Untersuchung kommt zu einem anderen Ergebnis. Der Personaldienstleister Adecco ermittelte 2021 geringere Bruttolöhne als das spanische Statistikamt. Hier wurden wahrscheinlich nur die reinen Bruttobezüge ohne weitere Elemente berücksichtigt. Im EU-Vergleich sieht Adecco Spanien mit 1.751 Euro Monatsbrutto um 20 Prozent unterhalb des Durchschnitts. 

    Mindestlohn steigt

    Der Mindestlohn in Spanien beträgt 33,33 Euro pro Tag. Auf Monatsbasis liegt er bei 1.000 Euro, wobei 14 statt 12 Auszahlungen pro Jahr üblich sind. Mit dieser Erhöhung auf 14.000 Euro nahm der Mindestlohn gegenüber 2021 um 5,3 Prozent zu. Die Lohnuntergrenze wird von der Regierung nach Beratungen mit den Sozialpartnern festgelegt.

    Arbeitsministerin Yolanda Díaz stellte laut der Wirtschaftszeitung Expansión bereits eine weitere deutliche Erhöhung des Mindestlohns in Aussicht. Aufgrund der galoppierenden Inflation sei es mehr denn je an der Zeit, die Lohnuntergrenze anzuheben.

    Offizielle Angaben bilden mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht den gesamten spanischen Arbeitsmarkt ab. Schätzungen zufolge entspricht die Schattenwirtschaft des Landes etwa 23 bis 25 Prozent der Wirtschaftsleistung.

    Dieses Phänomen betrifft auch den Arbeitsmarkt. Eine Studie der Stellenbörse InfoJobs unter jungen Berufstätigen förderte 2021 zutage, dass irreguläre Zahlungen verbreitet sind. Unter rund 4.700 Befragten gab ein Viertel an, in den vergangenen drei Jahren zumindest einen Teil des Lohns am Finanzamt vorbei erhalten zu haben. In jedem zweiten Fall habe das Unternehmen keine andere Wahl gelassen. Andere Motivationen waren, den Lohn aufzubessern oder die Arbeitslosenunterstützung nicht zu verlieren.

    Inflation drückt die Reallöhne in den negativen Bereich

    Durch den außergewöhnlichen Effekt einer negativen Inflationsrate verzeichneten die Beschäftigten in Spanien 2020 einen kräftigen Zuwachs der Reallöhne. Bereits 2021 kehrte sich dieser Trend um. Für 2022 lassen die vorliegenden Daten starke Einbußen bei den Reallöhnen erwarten. 

    Entwicklung der durchschnittlichen Bruttomonatslöhne 1)

    2018 2)

    2019 2)

    2020 3)

    2021 4)

    nominal (in Euro)

    2.000,8

    2.033,0

    2.097,1

    2.127,8

    Inflationsrate (IPC)

    1,7

    0,7

    -0,3

    3,1

    reale Veränderung (in %) 5)

    -0,2

    0,9

    3,4

    -1,6

    1) Jahresdurchschnittslohn dividiert durch zwölf Monate; 2) revidiert; 3) vorläufig; 4) Prognose auf Basis der 2021 durchschnittlich in den Kollektivverträgen vereinbarten Erhöhungen um 1,47 Prozent; 5) nominale Veränderung minus InflationsrateQuelle: Statistikamt INE 2022; Ministerio de Trabajo y Economía Social 2021

     

    Die Hauptstadt Madrid und weitere industrielle Schwerpunktgebiete bilden die Hochlohnregionen Spaniens. In diesen legten die Bruttolöhne 2021 etwa im Landesdurchschnitt zu. Die Regionen mit niedrigen Löhnen holten dank überproportionaler Zuwächse etwas auf. Hier dürfte sich der wirtschaftliche Aufwärtstrend in den Tourismusregionen ausgewirkt haben.

    Durchschnittliche Bruttomonatslöhne nach Region 1)

    2021 (in Euro)

    Veränderung 2021/20 (in %) 2)

    2020 (in Euro)

    Landesdurchschnitt

    1.918,6

    5,4

    1.819,6

    Hauptstadt (Madrid)

    2.444,4

    5,6

    2.314,6

    Hochlohnregion (Madrid, Baskenland)

    2.398,4

    5,2

    2.280,5

    Niedriglohnregion (Extremadura, Kanaren)

    1.601,6

    7,4

    1.491,9

    1) Jahresdurchschnittslohn geteilt durch zwölf Monate; Hoch- und Niedriglohnregionen wurden mit dem Durchschnitt der beiden Regionen errechnet; 2) nominale Veränderung 2021 gegenüber 2020Quelle: Statistikamt INE (Encuesta anual de coste salarial) 2022; Berechnungen von Germany Trade & Invest

     

    Eine erhebliche Differenzierung zeigte sich 2021 in der Lohnentwicklung nach Branchen. Im Durchschnitt stiegen die Löhne nominal um 6,2 Prozent. In der zuvor von der Pandemie betroffenen Hotellerie und Gastronomie wuchsen die Bruttolöhne um ein Viertel. 

    Durchschnittliche Bruttomonatslöhne nach Branchen 1)

    2021 (in Euro)

    Veränderung 2021/2020 (in %) 2)

    2020 (in Euro)

    Insgesamt

    2.020,7

    6,2

    1.903,1

    Bauwirtschaft

    1.934,7

    2,6

    1.885,3

    Bergbau

    3.290,6

    2,4

    3.213,6

    Verarbeitendes Gewerbe

    2.282,9

    5,1

    2.172,7

    Energiewirtschaft (Elektrizität, Gas)

    5.244,2

    4,3

    5.029,3

    Wasser- und Entsorgungswirtschaft

    2.137,7

    1,8

    2.100,1

    Handel, Reparaturen

    1.752,9

    7,8

    1.626,5

    Transport und Logistik

    1.980,4

    6,2

    1.865,1

    Hotellerie und Gastronomie

    978,0

    25,1

    781,4

    Information und Telekommunikation

    3.149,6

    6,7

    2.951,9

    Finanzwesen, Banken, Versicherungen

    4.075,7

    1,5

    4.015,0

    Immobilienbranche

    2.035,8

    -0,1

    2.038,7

    Wissenschaft und Forschung

    2.541,8

    4,7

    2.426,7

    1) Jahresdurchschnittslohn geteilt durch zwölf Monate; 2) nominale Veränderung 2021 gegenüber 2020Quelle: Statistikamt INE (Encuesta Anual de Coste Laboral) 2022; Berechnungen von Germany Trade & Invest

     

    In den Niederlassungen ausländischer Unternehmen und großer börsennotierter spanischer Gesellschaften ist die Gehaltsstruktur komplexer als in kleineren Unternehmen.

    Durchschnittliche Bruttomonatslöhne nach ausgewählten Positionen 1)

    2021 (in Euro)

    Veränderung 2021/2020 (in %) 2)

    2020 (in Euro)

    Geschäftsführerin einer größeren Niederlassung 3)

    22.783

    1,1

    22.524

    Geschäftsführerin eines kleinen bis mittleren Unternehmens 4) 

    17.299

    0,6

    17.195

    Vertriebsleiterin

    6.948

    1,9

    6.815

    Ingenieurin

    5.585

    2,4

    5.452

    Programmiererin

    4.624

    3,9

    4.451

    Sekretärin mit Fremdsprachenkenntnissen

    4.060

    2,0

    3.981

    Buchhalterin

    3.711

    2,3

    3.628

    Kraftfahrerin 5)

    2.378

    2,2

    2.327

    1) Bruttomonatslöhne in mittleren Unternehmen (Jahreseinkommen dividiert durch zwölf Monate); 2) nominale Veränderung; 3) Umsatz über 100 Mio. Euro; 4) Umsatz von 25 Mio. bis 100 Mio. Euro; 5) laut BranchentarifvertragQuelle: Centro de Investigación Salarial CEINSA 2022

     

    Bruttolöhne (Produktion) 1)

    2021 (in Euro)

    Veränderung 2021/20 2)

    2020 (in Euro)

    Angelernte Arbeiterin (Tätigkeiten, die in wenigen Tagen zu erlernen sind und für die keine spezielle Berufsausbildung notwendig ist) 

    1.945

    1,7

    1.913

    Mitarbeiterin, die unter Aufsicht Tätigkeiten ausführt, für die eine mehrjährige Berufsausbildung erforderlich ist 3)

    2.390

    2,8

    2.323

    Ausgebildete Mitarbeiterin mit mehrjähriger, praktischer Berufserfahrung, die Aufgaben zuverlässig ohne Aufsicht durchführen und Fertigungsprozesse einrichten kann 4)

    3.073

    3,0

    2.984

    Mitarbeiterin mit mehrjähriger Erfahrung und Leitungsbefugnis, die als Vorarbeiterin die Arbeit von Produktionsbereichen verantwortet

    3.711

    2,6

    3.619

    1) Bruttomonatslöhne in mittleren Unternehmen auf der Basis von Bruttojahreslöhnen dividiert durch zwölf Monate; 2) nominale Veränderung; 3) abgeschlossene Berufsausbildung mit mindestens 3 Jahren Berufserfahrung; 4) ab 5 Jahren BerufserfahrungQuelle: Centro de Investigación Salarial CEINSA 2022

     

    Weitere Lohnbestandteile

    Bei Führungskräften bestimmen variable Bestandteile immer mehr das monatliche beziehungsweise das Jahresendeinkommen. Der Firmenwagen ist im Vertrieb oder im Servicebereich selbstverständlich. Er ist zum Teil auch bei den mittleren Unternehmenshierarchien üblich, ebenso wie Geschäftshandy oder Laptop. Sehr geschätzt wird eine Krankenzusatzversicherung, die die Behandlung als Privatpatient erlaubt.

    Zusatzleistungen wie Fahrkarten für den Nahverkehr, Betriebsrenten, kostenlose Betriebsaktien, Essenszuschüsse, Sozialleistungen sind üblich, unterliegen aber durch das Königliche Gesetzesdekret RDL 16/2013 der Sozialversicherungspflicht.

    Sozialversicherungsbeiträge 

    In Spanien existiert für alle Beitragsarten außer der Berufsunfallversicherung eine einzige staatliche Versicherung, die Seguridad Social. Die monatliche Beitragsbemessungsgrenze beträgt 4.139,40 Euro. Die Abgaben summieren sich auf circa 39 Prozent des Bruttolohns. Davon entfallen 6,35 Prozent auf den Arbeitnehmer und der Rest auf den Arbeitgeber.

    Die spanische Sozialversicherung kämpft schon seit Jahren mit der Differenz zwischen ihren Einnahmen und Ausgaben. Das System ist immer wieder auf Steuerzuschüsse angewiesen. So werden 2022 knapp 18,4 Milliarden Euro an Transfers aus dem Haushalt erforderlich. Das entspricht einem Anstieg um 31 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Sowohl die hohe Lebenserwartung als auch eine erhebliche Sockelarbeitslosigkeit erschweren das Wirtschaften der Sozialversicherung.

    Sozialbeiträge 2022 (in Prozent der Bemessungsgrundlage)

    Arbeitgeber

    Arbeitnehmer

    Summe

    Insgesamt in Prozent des Bruttogehalts, davon

    circa 33,0

    6,35

    circa 39,35

     Renten- und Krankenversicherung

    23,60

    4,70

    28,30

     Arbeitslosenversicherung

    5,50

    1,55

    7,05

     Berufsausbildungsausgabe

    0,60

    0,10

    0,70

     Lohngarantiefonds

    0,20

    0,00

    0,20

     Arbeitsunfallversicherung *)

    circa 3,10

    0,00

    circa 3,10

    *) Grobstruktur im Standardfall (Arbeitsunfallversicherung ist abhängig von der gewerblichen Tätigkeit/leichte Abweichung bei befristeten Arbeitsverträgen)Quelle: AHK Spanien 2022

    Von Oliver Idem | Madrid

  • Arbeitsrecht

    Das Arbeitsgesetz und die Tarifverträge bilden die wichtigsten Grundlagen des Arbeitsrechts. Befristete Arbeitsverträge können nur noch in wenigen Fällen abgeschlossen werden.

    Gesetzliche Regelungen auf einen Blick

    Vergütung: gesetzlich vorgesehen ist eine Auszahlung des Jahresbruttogehalts in 14 Gehältern, zwölf Monatsgehältern und zwei Extragehältern im Sommer und zu Weihnachten

    Mindestlohn: Salario Mínimo Interprofesional (SMI) beträgt 2022 pro Monat 1.000 Euro (pro Jahr 14.000 Euro in Form von 14 Zahlungen)

    Arbeitsstunden pro Woche: 40 als Regelarbeitszeit nach Arbeiterstatut; die meisten Tarifverträge sehen im Jahresdurchschnitt eine geringere Stundenzahl vor

    Regelarbeitstage pro Woche: Montag bis Freitag

    Zulässige Überstunden: 80 pro Jahr, die vergütet werden dürfen, weitere müssen mit Freizeit ausgeglichen werden

    Bezahlte gesetzliche Feiertage: 14 Tage

    Bezahlte Urlaubstage: in der Regel 30 Kalendertage = 23 Werktage

    Tage mit bezahltem Arbeitsausfall: Artikel 37 ET (Arbeitnehmerstatut), durch Tarifverträge im Detail geregelt

    Tage mit Lohnfortzahlung bei Krankheit: der Arbeitgeber ist gesetzlich für die Lohnfortzahlung vom 4. bis 15. Krankheitstag verpflichtet, ab dem 16. zahlt die Sozialversicherung

    Probezeit: Artikel 14 ET: je nach Position maximal sechs Monate

    Fernarbeit: wenn mehr als 30 Prozent der Tätigkeit vom Homeoffice aus erfolgt, ist eine schriftliche Vereinbarung hierüber zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber mit gesetzlich vorgeschriebenem Mindestinhalt erforderlich

    Quelle: AHK Spanien 2022

    Rechtsgrundlagen

    Das spanische Arbeitsgesetz (Estatuto de los Trabajadores, ET) bildet die wichtigste gesetzliche Grundlage des spanischen Arbeitsrechts. Weitere wichtige Rechtsquellen sind die Tarifverträge. In den Artikeln 82 bis 92 des ET ist das Tarifvertragsrecht geregelt. Diese Kollektivverträge (Convenios Colectivos) haben grundsätzlich normativen Charakter und ergänzen die arbeitsrechtlichen Vorschriften. Sie gelten für alle Arbeitsverhältnisse, die persönlich, sachlich und örtlich in ihren Anwendungsbereich fallen. Viele Unternehmen schließen mit Arbeitnehmervertretern hauseigene Tarifverträge ab. Es gibt fast 5.000 Tarifverträge in Spanien.

    Die Vereinigungsfreiheit von Arbeitnehmern in Gewerkschaften ist verfassungsrechtlich garantiert. Es gibt rund 30 Gewerkschaften. Um bestimmte Rechte wie Tarifvertragsverhandlungen wahrnehmen zu können, müssen die Gewerkschaften auf staatlicher Ebene oder auf Ebene der Gebietskörperschaften aufgrund ihrer Größe eine bestimmte Relevanz haben.

    Mit dem Königlichen Gesetzesdekret RDL 10/2021 vom 9. Juni 2021 wurden Neuregelungen zur Fernarbeit (Homeoffice) getroffen. Mit der Reform durch das Real Decreto Ley 32/2021 wurden grundlegende Änderungen im Bereich des Befristungsrechts vorgenommen.

    Vertragsabschluss

    Es ist üblich, die von der Arbeitsbehörde online zur Verfügung gestellten Modellverträge zu verwenden. Zusätzliche ausführliche Individualabsprachen sind unüblich. Das mag auch darauf zurückzuführen sein, dass die regelmäßig zur Anwendung kommenden Tarifverträge umfassende und detaillierte Regelungen des Beschäftigungsverhältnisses beinhalten. Nach Abschluss muss der Vertrag bei der Arbeitsbehörde registriert werden.

    Mit der aktuellen Reform des spanischen Arbeitsrechts sind befristete Arbeitsverträge nun nur noch in sehr wenigen Fällen möglich. Bereits bestehende befristete Arbeitsverträge müssen daher gegebenenfalls in unbefristete umgewandelt werden.

    Die Möglichkeit der befristeten Werk- und Dienstverträge (contratos por obra y servicio) entfällt gänzlich.

    Befristete Arbeitsverträge können in Zukunft nur noch aufgrund von Produktionsumständen (contratos temporales de circunstancias de la producción) oder im Fall der Vertretung eines anderen Arbeitnehmers (sustitución de un empleado) abgeschlossen werden.

    Befristete Arbeitsverträge aufgrund von nicht vorhersehbaren Produktionsumständen (contratos temporales de circunstancias de la producción) können jedoch nur noch für sechs Monate abgeschlossen werden. Alternativ besteht die Möglichkeit, einen Arbeitsvertrag aufgrund von Produktionsumständen für lediglich 90 Tage abzuschließen, wenn es sich dabei um einen absehbar vorübergehend erhöhten Arbeitsbedarf handelt. Dies betrifft insbesondere Saisongeschäfte wie die Weihnachtszeit und Erntezeiten.

    Vertragsbeendigung

    Das spanische Recht kennt Massenentlassungen (ERE) und Individualkündigungen (despido). Individualkündigungen sind anders als im deutschen Kündigungsrecht geregelt. Laut Art. 53 ET ist im Falle einer begründeten Kündigung diese dem Arbeitnehmer und dem Arbeitnehmervertreter schriftlich 15 Tage im Voraus bekannt zu geben. Wird die Frist nicht eingehalten, sind dem Arbeitnehmer zusätzlich 15 Tagesverdienste beziehungsweise die Anzahl der nicht eingehaltenen Tagesverdienste zu zahlen. In der Kündigung sind die Gründe ausführlich darzustellen. Zusätzlich mit der Kündigung muss eine Entschädigung von 20 Tagesgehältern pro gearbeitetem Jahr gezahlt werden (mit einer Deckelung bis zu zwölf Monatsgehältern), sonst ist die Kündigung unwirksam. Bei einer fristlosen Disziplinarkündigung ist keine Entschädigung zu zahlen.

    Klagt der Arbeitnehmer gegen die Kündigung und stellt sich heraus, dass keine Kündigungsgründe vorliegen, so kann der Arbeitgeber eine Weiterbeschäftigung vermeiden, indem er im Rahmen eines Schlichtungsverfahrens vor einer arbeitsrechtlichen Schlichtungsstelle (SMAC) eine höhere Abfindung zahlt.

    Arbeitgeber können insbesondere individuell kündigen bei:

    • wirtschaftlichen, technischen, organisatorischen oder produktionsbedingten Gründen,
    • in der Person des Arbeitnehmers liegenden Gründen (eng begrenzt),
    • einer bestimmten Anzahl krankheitsbedingter Fehlzeiten (mit Einschränkungen).

    Bei einer unrechtmäßigen Kündigung eines unbefristeten Beschäftigungsverhältnisses erhält der Arbeitnehmer eine Abfindungszahlung von 33 Tagesgehältern je Jahr der Betriebszugehörigkeit. Dabei ist die Höchstabfindungszahlung auf 24 Monatslöhne beschränkt.

    Aufhebungsverträge sind in Spanien nicht üblich, da der Arbeitnehmer dadurch seinen Anspruch auf Arbeitslosengeld insgesamt verlieren würde.

    Bei einer Massenentlassung sind die rechtfertigenden Gründe dieselben wie bei der Individualkündigung, wobei in Krisenzeiten der Hauptgrund bei Massenentlassungen der wirtschaftliche ist. Weiter ist ein Verständigungsverfahren mit Arbeitnehmervertretern obligatorisch; allerdings hindert ein Scheitern das Unternehmen nicht, das Entlassungsverfahren voranzutreiben. Arbeitgeber müssen über das Vorliegen der Kündigungsgründe umfangreiche Dokumentationen vorlegen. Zudem müssen sie nachweisen, dass die Maßnahmen geeignet sind. Etliche Vorschriften sind zu beachten, um die Nichtigkeit des Verfahrens zu vermeiden. Schon kleinere Formfehler bei der Durchführung des Entlassungsverfahrens können dieses nichtig machen. Stellt ein Gericht die Nichtigkeit erst nachträglich fest, muss das Unternehmen die Arbeitnehmer rückwirkend weiter beschäftigen. Das führt häufig zu einer hohen wirtschaftlichen Belastung.

    Die Kündigungsfrist für den Arbeitnehmer beträgt in der Regel ebenfalls nur 15 Tage. Einige Tarifverträge sehen für Mitarbeiter ranghöherer Berufsgruppen zuweilen längere Kündigungsfristen vor.

    Der Bereich Recht der AHK Spanien gibt einen Newsletter Recht & Steuern heraus, der monatlich viele unternehmensrelevante Themen behandelt. Zudem können Unternehmen in Spanien die Betreuung der Geschäfts- oder Lohnbuchhaltung über die AHK abwickeln.

    Von Birte Gerster (AHK Spanien) | Madrid

  • Kontaktadressen

    Bezeichnung

    Anmerkungen

    AHK Spanien 

    Deutsche Handelskammer für Spanien

    Ministerio de Trabajo y Economía Social  (MITESS)

    Ministerium für Arbeit und Sozialwirtschaft

    Seguridad Social

    Sozialversicherungsbehörde 

    Servicio Público de Empleo Estatal (SEPE)

    staatliche Arbeitsvermittlungsagentur 

    Centro de Investigación Salarial (CEINSA) 

    Zentrum für Lohnforschung 

    Von Oliver Idem | Madrid

Quelle: GTAI