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Naher Osten

Iran: Geschäfte machen wie bisher?


Handel beeinträchtigt, Ölinvestitionen riskant / Von Martin Böll

TEHERAN(Dow Jones/bfai)--Die aktuelle politische Großwetterlage beeinträchtigtdas Irangeschäft. In der Atomfrage kommt es zu beängstigendenDrohkulissen, in der Wirtschaftspolitik fährt der Zug RichtungAbstellgleis. Wie sich die Lage weiterentwickelt, vermag niemandvernünftig abzuschätzen. In der Folge verzögern sich ökonomischeEntscheidungen, die Kapitalflucht wächst, fähige junge Leute verlassendas Land, die Arbeitslosigkeit steigt, die private Nachfrage istrückläufig, das internationale Image des Landes und sein Risikorankingverschlechtern sich.

Fragennach wirtschaftlichen Sanktionen der Vereinten Nationen, der Zahloperierender Nuklearzentrifugen und militärischen Optionen der USA sindfür Außenhändler inzwischen wichtiger geworden als Konjunktur- undandere Ökonomiezahlen. Hinzu kommt eine moralische Diskussion: Businessas usual oder politisch korrekte Zurückhaltung? Nach den VereinigtenArabischen Emiraten (VAE) war Deutschland 2006 das mit Abstandwichtigste Lieferland Irans. Der Warenwert erreichte 4,12 Mrd EUR, nur5,7% weniger als 2005.

Obdie deutschen Exporteure 2007 noch einmal so gut davonkommen, istzweifelhaft. Die beiden größten Determinanten lassen sich auf zweiSchlagworte reduzieren: Atompolitik und Erdölförderung. Die politischeDiskussion über das iranische Atomprogramm und die dabei entwickeltenSzenarien zeigen bereits heute konkrete Auswirkungen: Außenhändler undInvestoren sind verunsichert. Die Abwicklung von Handelsgeschäften istschwieriger und teurer geworden. Banken ziehen sich aus demIrangeschäft zurück, die Kosten für Akkreditive undExportversicherungen sind gestiegen. Hinzu kommen ganz persönlicheWidrigkeiten: Ausländische Firmenvertreter im Iran überlegen es sichzweimal, ob sie Lebenspartner oder Familie einem Aufenthalt in einempotenziellen Krisengebiet zumuten wollen.

Abernicht nur die ausländischen Anbieter, sondern auch die inländischenNachfrager haben es angesichts der gestiegenen Investitionsrisikenschwerer und halten sich zurück. Handelsvertreter in Teheran berichtenüber schmelzende Auftragsbestände: Die Bilanz für 2006 sei positiv,weil reichlich Aufträge aus 2005 abgewickelt worden seien. An neuenBestellungen für 2007 aber fehle es. Bei einigen Vertretern gibt esHinweise auf eine Reduzierungen des Engagements: Umzug in kleinereGebäude und Abbau von Personal. Das Servicegeschäft aufrechterhalten,die Kosten reduzieren, Stellung halten für bessere Tage, lautet dieDevise. Dabei muss jedoch einschränkend gesagt werden, dassrepräsentative Erhebungen hierüber nicht vorliegen. Wer Einbußen hat,klagt, wem es gut geht, ist lieber still.

EineUmfrage des Deutschen Industrie- und Handelkammerstages und derIndustrie-und Handelskammer Ostwestfalen bei über 120 im Iranengagierten deutschen Unternehmen Anfang 2007 ergab, dass ein Drittelder befragten Unternehmen rückläufige Irangeschäfte meldet. Ebenfallsein Drittel der Befragten gab an, für die nahe Zukunft eine weitereVerschlechterung der gegenwärtigen Situation zu erwarten. Als Gründewurden vor allem Exportbeschränkungen, das internationale Umfeld sowieKompetenzwirrwarr und schleppende Auftragsvergabe auf iranischer Seitegenannt. Presseberichte, die USA übten Druck auf deutsche Unternehmenaus, ihr Iranengagement zu überdenken, wurden durch die Erhebungrelativiert. Nur jedes zehnte befragte Unternehmen gab an, es fühlesich einem informellen Druck ausgesetzt, hinzu kamen einige, dieglaubten, einen solchen Druck in Ansätzen zu spüren.

Obsich das politische Tiefdruckgebiet über dem Iran verzieht oder zueinem Sturm verschlimmert, bleibt abzuwarten. Politischen Spekulationensind Tür und Tor geöffnet. Analysten der renommierten britischenEconomist Intelligence Unit (EIU) sprechen in ihrer Länderpublikationvon Februar 2007 von einer 35%-igen Wahrscheinlichkeit einesmilitärischen Angriffs der USA oder Israels auf iranische Ziele. DieChance, den Konflikt durch einen Deal - Programmstopp gegen politischeund ökonomische Belohnungen - oder zumindest durch einstillschweigendes Einfrieren auf den Status quo zu entschärfen, sehendie Autoren des Berichtes bei lediglich 20%. Fazit: Mit einer 45%-igenWahrscheinlichkeit werde der Iran bis 2011 die Fähigkeit haben, wieangestrebt Uran anzureichern.

ImFeuer der Kritik steht der iranische Präsident Mahmud Ahmadinejad, derim Ausland vornehmlich wegen seiner Nuklearpolitik und Israelansichten,im Inland dagegen für ökonomische Fehlentscheidungen kritisiert wird.Politische Beobachter scheinen sich weitgehend einig, dass derPräsident einflussreiche Anhänger verloren hat und weiter verliert,seine Wiederwahl 2009 deshalb nicht sicher ist. Aber auch wenn es einenNachfolger geben sollte, mit einem baldigen Regimewechsel rechnet fastniemand.

Diezweite Gretchenfrage betrifft die Ölpolitik. Iran hat die zweitgrößtenReserven der Welt, die Infrastruktur der Petroleumindustrie abersträflich vernachlässigt, nötige Brunnen nicht gebohrt. Gefördertwerden derzeit rund 3,9 Mio Fass Öl am Tag - Mitte der 70er Jahre warenes einmal 6 Mio Fass. Der Eigenverbrauch liegt bei 1,5 Mio Fass am Tag- dreimal soviel wie 1980. Pro Tag müssen 170.000 Fass Benzinimportiert werden, was im Jahr mehr als 4 Mrd USD kostet. An derZapfsäule kostet der Liter Diesel lediglich zwei Cent, der Liter Superacht. Diese und andere Energiesubventionen kosten etwa 20 Mrd USD imJahr, schätzt der Internationale Währungsfonds.

Dieiranische Erdölpolitik zeigt sich kurzsichtig. Die Regierung traut sichnicht, der Bevölkerung unpopuläre Wahrheiten über die teureEnergieversorgung zuzumuten, und verschiebt immer wieder seit langemgeplante Benzinrationierungen. Die Erlöse aus den Ölexporten werden ineinen ineffizienten Wohlfahrtsstaat gepumpt, der staatliche Erdölsektorgleichzeitig aber auf eine Hungerdiät gesetzt, obwohl von ihm mehr alsdie Hälfte der Regierungseinnahmen abhängen - 2006 rund 47 Mrd USD.

Derstellvertretende iranische Ölminister, Mohammed Hadi Nejad-Hosseinian,brachte es in einem Interview mit der "Los Angeles Times" inbemerkenswerter Offenheit auf den Punkt: Wenn die Regierung nicht denVerbrauch von Ölprodukten im Iran kontrolliere und es ihr nichtgelinge, neue Förderkapazitäten zu schaffen, dann könne das Land inzehn Jahren kein Öl mehr ausführen. Roger Stern, ein Wirtschaftsgeografan der amerikanischen Johns Hopkins Universität pflichtet dem bei: Diejährlichen Produktionsminderungen erreichten 10 bis 12%, in weniger alsfünf Jahren könnten sich die iranischen Erdölexporte halbieren und2015, also schon in acht Jahren, gebe es nichts mehr zu exportieren.

Beobachterkönnen es sich derzeit nicht vorstellen, wie der Iran den notleidendenÖlsektor aus eigener Kraft wieder flott machen kann. AusländischesKnow-how und Kapital werden dringend gebraucht. InternationaleÖlgesellschaften stehen bereit. Es gibt Gespräche, Projekte undvorläufige Absprachen - und immer wieder Verzögerungen: Das derzeitigeRisiko ist Firmen und Finanzgebern viel zu hoch. Hinzu kommen neueBemühungen der US-Regierung, die internationale Finanzierung iranischerÖl- und Gasvorhaben zu verhindern. "Verschiedene europäische Bankenhaben ihre Zusagen, iranische Ölprojekte zu finanzieren,zurückgezogen," sagt Nejad-Hosseinian.

Quelle: Dow Jones/NfA/7.3.2007