Albaniens Wirtschaft rutschte 2012 in die Stagnation. Weder von der Inlandsnachfrage noch von ausländischen Märkten gingen wesentliche Impulse aus. Von gravierenden Auswirkungen der europäischen Schuldenkrise blieb das Land aber wegen seiner geringen Verflechtung mit der Weltwirtschaft verschont. Risiken birgt die Abhängigkeit von Überweisungen der mehr als 1 Million in Italien und Griechenland tätigen Albaner, die für viele Familien wichtigste Einnahmequelle darstellen.
1. Kurzcharakterisierung, Struktur der Wirtschaft
Albanien ist in vielerlei Hinsicht ein typisches südosteuropäisches Transformationsland vom kommunistischen zum marktwirtschaftlich und rechtsstaatlich organisierten System. Die Abschottung des Landes bis 1990 belastete die albanische Wirtschaft mit den sich daraus ergebenden bis heute fortwirkenden Nachteilen. Der Außenhandel stand praktisch am Anfang. In fast allen Sektoren lag die Wirtschaft des schon damals ärmsten und rückständigsten Landes Europas darnieder. Es fehlte an ausgebildeten Kräften, die Produktionsstätten waren marode. Rückgrat der Wirtschaft war damals und ist heute die Landwirtschaft, die noch immer unter veralteten Produktionsbedingungen und schlechten Vertriebsmöglichkeiten leidet. Albanien ist deshalb in hohem Maße auf Einfuhren von Lebensmitteln angewiesen. Das frühere kommunistische System sorgte dafür, dass Eigentum an Grund und Boden mehrmals umverteilt wurde. Bis heute wurden aber in diesem Bereich keine klaren Verhältnisse geschaffen, was zu Konflikten führt und potenzielle Investoren abschreckt.
In den vergangenen zwanzig Jahren hat die albanische Wirtschaft respektable Wachstumsraten vorzeigen können, die aber auch dem niedrigen Ausgangsniveau geschuldet sind. Zahlreiche strukturelle Schwächen bleiben aber bestehen. Die Infrastruktur (vor allem Wasser- und Stromversorgung, Verkehrswege) lässt zu wünschen übrig. Albanien gehört zu den ärmsten Ländern Europas. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf lag 2012 bei 3.304 Euro. In "absoluter Armut" (Pro-Kopf-Einkommen bis zu 50 US$/Monat) leben etwa 12%, in "extremer Armut" (maximal 1 US$/Tag) 1,2% der Bevölkerung. Die realen Durchschnittslöhne sind 2012 nach Angaben der albanischen Zentralbank auf etwa 260 Euro pro Monat gefallen. Ein Spezifikum ist die hohe Zahl der im Ausland (etwa 600.000 in Griechenland und circa 500.000 in Italien) meist im Niedriglohnsektor tätigen Albaner. Bildungssystem und Forschungstätigkeit sind unterentwickelt.
Die wirtschaftliche Aktivität verteilt sich regional sehr unterschiedlich. Ein Großteil des BIP wird in der Küstenregion erwirtschaftet, insbesondere im Raum Tirana-Durrës. In vielen unwegsamen Bergregionen ist das 21.Jahrhundert dagegen kaum angekommen. Die Wirtschaft beschränkt sich dort weitgehend auf Subsistenzlandwirtschaft. Es gibt eine erhebliche Binnenwanderung aus strukturschwachen Gebieten in die größeren Städte der Küstenregion. Dort können typische Merkmale vieler Transformationsstaaten vorgefunden werden: ein großes Wohlstandsgefälle, hoher Anteil der Schattenwirtschaft (nach Schätzung von Experten: mehr als 50%), Geldwäsche, organisierte Kriminalität, Clanwirtschaft und Korruption. Staatliche Strukturen sind schwach und setzen dem wenig entgegen.
Der Einfluss organisierten Verbrechens ist in allen Sektoren erheblich. Die Gelder fließen hauptsächlich in den Dienstleistungsbereich (Tankstellen, Kasinos, Hotels, Gaststätten) und die Bauwirtschaft. Auch in der legalen Wirtschaft haben vor allem die lukrativen Sektoren Bergbau und Energie das Interesse krimineller Strukturen geweckt. Investitionen in diesen Bereichen müssen daher sorgfältig geprüft werden.
Ein Teil des Konjunkturwachstums des vergangenen Jahrzehnts (durchschnittlich knapp 6% pro Jahr seit 2005) geht auf modernisierte Strukturen der Wirtschaft zurück. Der Anteil landwirtschaftlicher Produktion und der überalterten Schwerindustrie sinkt, der des Dienstleistungssektors und der verarbeitenden Industrie steigt. Das zuvor isolierte Land wird zunehmend international und regional eingebunden, muss sich aber damit dem harten Wettbewerb auch mit Industrieländern stellen.
Wachstumsmotoren sind die Textil- und die Schuhindustrie (großer Anteil der Lohnveredelung vor allem für italienische Firmen), der Handel und Tourismus sowie zuletzt auch der Telekommunikationssektor. Bauwirtschaft und Dienstleistungen, auf die zusammen 52% des BIP entfallen, hatten lange das Wachstum getragen - getrieben durch die starke Binnennachfrage und stetig steigende Produktivität. Der Anteil der Landwirtschaft am BIP hat sich in den vergangenen zehn Jahren auf 18% halbiert. Sie bindet allerdings noch 47% der Arbeitskräfte und wird zumeist in Subsistenz betrieben. Die Industrie hat ihren Anteil von 10% am BIP stabil gehalten.
2. Internationale Verflechtung
Albanien ist seit dem Jahr 2000 Mitglied der Welthandelsorganisation WTO. Die bilateralen Freihandelsabkommen mit Ländern der Region wurden 2007 in das Mitteleuropäische Freihandelsabkommen CEFTA überführt. Das Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen (SAA) mit der EU trat 2009 in Kraft. Es bestehen Investitionsschutz- und Doppelbesteuerungsabkommen mit den wichtigsten Wirtschaftspartnern. Das Investitionsschutzabkommen zwischen Deutschland und Albanien trat 1995, das bilaterale Doppelbesteuerungsabkommen am 1.1.12 in Kraft.
Albaniens Außenhandel ist auf die EU ausgerichtet, auf die 2012 rund 65% der Importe und 72% der Exporte entfielen. Unter den EU-Mitgliedstaaten war Italien bedeutendster Partner mit Ausfuhren in Höhe von 747 Mio. Euro und Einfuhren von 1.182 Mio. Euro, gefolgt von Griechenland mit 72,3 Mio. beziehungsweise 411 Mio. Euro. Mehr als die Hälfte (57%) der albanischen Exporte geht in diese zwei Länder.
Deutschland stand bei den albanischen Ausfuhren mit 41 Mio. Euro an sechster, bei den Einfuhren mit 223 Mio. Euro an vierter Stelle (Anteil an den Gesamtimporten: 6%), nach Italien (31%), Griechenland (11%) und der VR China. Die Ausfuhren nach Albanien nahmen 2012 leicht zu. Zu den wichtigsten Gütern gehörten dabei Maschinen und Ersatzteile (Anteil von 20,3%) Mineralien und Brennstoffe (18,8%) und Nahrungsmittel (12,7%). Bedeutende albanische Exporterzeugnisse waren Mineralien (z.B. Chrom), Öl und Brennstoffe (29,8%), Metalle (20,5%) und Textilien.
Das albanische Handelsbilanzdefizit hat sich 2012 zwar auf 2,21 Mrd. Euro leicht verringert, blieb jedoch weiterhin hoch. Die Regierung bemüht sich um ausländische Direktinvestitionen, vor allem in den Sektoren Energie, Tourismus und Bergbau. Die ausländischen Direktinvestitionen in Albanien beliefen sich 2011 auf 853 Mio. Euro, einzelne große Privatisierungsvorhaben verzerren aber das Gesamtbild.
Zahlreiche ausländische Investitionen fanden im Mobilfunksektor statt. Aktiv sind in Albanien das Unternehmen AMC (Tochter der mehrheitlich zur Deutschen Telekom gehörenden griechischen Gesellschaft OTE), die kosovarisch-albanische PTK, Vodafone Albania und Eagle Mobile, Tochter der mehrheitlich in türkischer Hand befindlichen Albtelecom. Vodafone erhielt 2010 für 32 Mio. Euro die erste 3G-Mobilfunklizenz, AMC im darauf folgenden Jahr die zweite. Weitere Lizenzen sind ausgeschrieben.
Deutsche Direktinvestitionen sind rar. Die bereits aktiven Unternehmen mit deutscher Beteiligung (die Deutsche Industrie- und Handelsvereinigung in Albanien DIHA zählt 63 Mitglieder) nehmen eine eher abwartende Position ein. Schwerpunkte deutschen Engagements liegen in der Textilsparte, im Finanzsektor (ProCredit Bank), Einzelhandel (Rossmann), Kfz-Handel sowie in der Produktion und im Vertrieb pharmazeutischer und chemischer Produkte (Schering, Berlin Chemie, Dermapharm, Messer, Linde, Hemofarm).
Größte deutsche Direktinvestition in Albanien ist die Konzession des deutsch-amerikanischen Konsortiums "Tirana Airport Partners" für den Betrieb des Flughafens Tirana (93 Mio. Euro). Anteilseigner sind Hochtief Airport (47,0%), die DEG (31,7%) und der Albanian American Enterprise Fund (21,3%). An zweiter Stelle rangiert Profarma, eine Tochter der Dermapharm AG, mit einem Investitionsvolumen von circa 30 Mio. Euro. Das Vorhaben "Tirana Business Park" der bayerischen Lindner-Gruppe soll in der ersten Ausbaustufe 20 Mio. Euro kosten. Die Drogeriekette Rossmann hat seit 2009 sechs Filialen in Albanien eröffnet. Die Umsätze sind gut, auch weil das Warensortiment dem deutschen Filialangebot entspricht. Dagegen musste der "Praktiker"-Baumarkt in Tirana 2012 aus verschiedenen Gründen (mangelnde Akzeptanz, beschränktes Produktsortiment, Standortproblem) nach nur zwei Jahren wieder schließen.
Seit 2012 ist auch die Firma Meggle in Albanien mit der Verarbeitung und dem Vertrieb von Molkereiprodukten aktiv. Die deutsche Firma EMS Shipping&Trading aus Leer hatte 2009 zusammen mit einem albanischen Partner die Ausschreibung für die Verladung und Löschung (außer Containerschiffe und Fähren) im Hafen Durrës gewonnen (Investitionsvolumen: 2,5 Mio. Euro). Sie arbeitet vor Ort unter den Namen ASC (Albanian Stevedoring Company) und GALA (German-Albanian Logistics Agency). Zahlreiche deutsche Industrieunternehmen unterhalten wegen des vergleichsweise kleinen Marktes keine Niederlassungen im Land, sondern vertreiben ihre Produkte über albanische Partnerfirmen.
Deutsche Zusagen für die Entwicklungszusammenarbeit mit Albanien belaufen sich seit 1988 auf über 1 Mrd. Euro. Deutschland ist damit größter bilateraler Geber des Landes. Schwerpunkte der Zusammenarbeit sind die Bereiche Wasser- und Energieversorgung, Abwasserentsorgung sowie nachhaltige Soziale Wirtschaftsförderung.
3. Aktuelle Wirtschaftslage
Trotz bescheidenen Wachstums (BIP-Zunahme: 0,7%, Angaben der Weltbank) ist 2012 ein Jahr der Stagnation gewesen. Auf nationaler Ebene fehlten wichtige Impulse, und international hatte die Krise des Euro-Raums kein positives Umfeld geboten. Bedingt durch die geringe Verflechtung des Landes mit der Weltwirtschaft blieb Albanien von gravierenden Auswirkungen der europäischen Schuldenkrise verschont. Das Land ist stark unterentwickelt und kann bereits durch vergleichsweise geringe Innovationen und Effizienzsteigerungen Wachstum erzielen. Die Regierung hat dies auch 2012 mit Investitionen in die Infrastruktur (vor allem Straßenbau) und einer relativ soliden Finanzpolitik unterstützt.
Noch ist Albanien im Vergleich zu den Nachbarn bemerkenswert stabil. Doch nicht zuletzt aufgrund der direkten Nachbarschaft zu Italien und vor allem Griechenland zeichnen sich negative Effekte ab - allein schon deshalb, weil etwa 10% des BIP von Überweisungen der mehr als 1 Million in diesen Ländern tätigen Albaner abhängen. Der Rückgang der Transfers (2007: 952 Mio., 2012: 660 Mio. Euro) wird nicht ohne Folgen bleiben, stellen doch die Zahlungen für Tausende Familien die Haupteinnahmequelle dar. Nach Schätzungen der Weltbank führt eine Abnahme der Überweisungen um 10% zu einer Reduzierung der Binnennachfrage um 3,6%, insbesondere bei Nahrungs- und Genussmitteln, im Baugewerbe und im Dienstleistungssektor. Auch die Rückkehrer - nach Untersuchungen bis zu 140.000 Menschen alleine aus Griechenland - belasten den Arbeitsmarkt und die Sozialsysteme. Die Arbeitslosenquote, offiziell seit 2010 konstant bei 13,3%, (Jugendarbeitslosenquote: 21,9%), dürfte angesichts mangelnder Absicherung, verbreiteter Unterbeschäftigung und der hohen Zahl von Rückkehrern zu niedrig angesetzt sein.
Große Gefahren für die Wirtschaft liegen aber auch in anderen Bereichen. Dazu gehört zum einen die hohe Verschuldung, die bei 2.210 Euro pro Kopf liegt. Die gesetzlich festgelegte Begrenzung der Staatsverschuldung auf 60% des BIP hob die Regierung 2012 auf. Angepeilt wurden zunächst 62,6%. Zum 31.12.12 lag die Verschuldung bei 61,5%, und die Tendenz ist steigend. Dies wird vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank mit großer Sorge gesehen. Zahlungsrückstände des Staates und ausbleibende Erstattungen (etwa der Mehrwertsteuer), die in der Summe auf 300 Mio. EUR geschätzt werden, sind dabei zum großen Teil nicht eingerechnet worden.
Gleichzeitig hat die Regierung mit dem Haushalt für das Jahr 2013 ein Rekordbudget (mit prognostizierten Einnahmen von 3,6 Mrd. US$ und einem Haushaltsdefizit von 3% des BIP) verabschiedet. Dabei wird von optimistischen Wachstumserwartungen und Steuereinnahmen ausgegangen. Gleichzeitig ist es schwer, Steuerdisziplin und -gerechtigkeit durchzusetzen. Steuererleichterungen, die dem Wahlkampf geschuldet sind, wie zum Beispiel auf den Import von Maschinen zur landwirtschaftlichen Produktion, vergrößern eher die Unübersichtlichkeit.
Das bisher noch einigermaßen stabile Bankensystem muss eine gestiegene Quote nicht einbringbarer Forderungen ("non-performing-loans") von inzwischen offiziell 23,6% (2009: knapp 4%) verkraften, die auch auf Zahlungsrückstände der öffentlichen Hand an Unternehmen zurückzuführen sind.
Gravierende Mängel bestehen in der Energieversorgung. Der Großteil des Stroms wird durch Wasserkraft im Norden des Landes produziert. Die Verbrauchszentren liegen aber an der Küste, so dass es zu hohen Übertragungsverlusten kommt. Die größten Risiken drohen im Energiebereich aber durch die verworrene und dysfunktionalen Struktur des Energiemarktes, auf dem weder auf Staats- noch auf Konsumentenseite Liquidität vorhanden ist. Dabei sind Stromimporte im Wert von 15 Mio. bis 20 Mio. EUR monatlich notwendig. Durch den Ausstieg des tschechischen Energieversorgers CEZ aus dem Markt ist die 2009 mit Weltbankgarantien durchgeführte Privatisierung in diesem sensiblen Sektor zunächst gescheitert.
Im umstrittenen Bereich Privatisierungen (Anteil der Privatwirtschaft bisher bei 84% des BIP) schien es 2012 mehr darum zu gehen, schnell Einnahmen zu generieren, als ökonomisch sinnvolle Modelle auf den Weg zu bringen. Ausschreibungen verliefen intransparent, die Behörden handeln oft unprofessionell. Das ehrgeizigste Projekt, die Privatisierung der staatlichen Ölgesellschaft Albpetrol, von der sich die Regierung einen Erlös von 850 Mio. Euro erwartete, ist zunächst gescheitert. Der erfolgreiche Bieter konnte weder den Kaufpreis und die Anzahlung noch die Garantiesumme beibringen. Eine Neuausschreibung ist unausweichlich geworden.
Die Infrastruktur bleibt stark verbesserungswürdig, wenngleich Projekte internationaler Geber (zum Beispiel zum Bau von Überlandleitungen und Wasserkraftwerken) Wirkung entfalten. Fortschritte sind beim Ausbau des Straßennetzes zu erkennen.
Der Flughafen Tirana verzeichnete 2012 sinkende Passagierzahlen. Die Zahl der Flugbewegungen fiel gegenüber 2011 um 10,7%, die der beförderten Passagiere um 8,4% auf 1,7 Mio. Das Luftfrachtaufkommen nahm um 14,9% ab. Verhandlungen über die Auflösung des vertraglich vereinbarten Monopols des Flughafens zugunsten eines weiteren Standortes im Süden des Landes dauern an. Fortschritte wurden bei der Entwicklung des Seehafens Durrës erreicht. Einen wesentlichen Anteil daran hatte das deutsche Unternehmen ASC, das sich am Umschlag von Massenstückgut beteiligt. Der Hafen soll durch Vertiefung des Beckens einen größeren Anteil am Seehandel mit Kosovo, Mazedonien und Griechenland erreichen.
Auch dank deutscher Unterstützung gelang es, in einigen städtischen Zentren eine erhebliche Verbesserung der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung zu erreichen. Die aus Mitteln der Finanziellen Zusammenarbeit geförderten Städte Korça, Berat und Pogradec verfügen nunmehr über eine ganztägige Versorgung mit sauberem Trinkwasser sowie über eine geordnete Abwasserentsorgung.
Bodenschätze könnten hohe Einnahmen generieren. Albanien verfügt über attraktive Öl-, Gas- und Bitumenvorkommen. Entsprechende Lizenzen sind ausgeschrieben. Allerdings gestalten sich Investitionen in diesem Bereich unter anderem aufgrund großer Intransparenz schwierig.
Im Tourismus waren 2012 rund 200.000 Menschen beschäftigt. Der Sektor trägt 10% zum BIP bei. Die albanische Nationalbank bezifferte die Erträge aus den Reisen von 4,2 Mio. Touristen auf etwa 1,2 Mrd. Euro. Den größten Teil stellen dabei Albaner aus Mazedonien, Kosovo, Montenegro, Italien und Griechenland, die allerdings vergleichsweise wenig Geld im Lande lassen. Der Anteil deutscher Touristen liegt bei 3%. Interesse ausländischer, auch deutscher Investoren an Albanien ist vorhanden, scheitert aber häufig an ungeklärten Eigentumsverhältnissen, Infrastrukturmängeln und Korruption. Die wilde, illegale Bebauung vor allem in den Küstenstädten verhindert eine überlegte Erschließung des Tourismuspotenzials.
Die dramatische Umweltverschmutzung (wilde Müllverbrennung, Wasserbelastung, Luftverschmutzung) wird kaum bekämpft. Bewusstsein für Umweltbelange ist in der Bevölkerung kaum vorhanden. Das Umweltministerium verfügt über kaum die Mittel, um die Einhaltung bestehender Vorschriften zu überwachen. Verbesserungen könnten von privaten und öffentlichen Investitionen aus dem Ausland kommen. Das negative Beispiel des deutschen Entsorgungsunternehmens Becker&Armbrust, das sein 2010 eröffnetes deutsch-albanisches Joint Venture (Mülldeponie nach europäischen Standards in Nordalbanien) nach Querelen mit den örtlichen Behörden 2012 praktisch aufgegeben hat, wirkt allerdings abschreckend. Von der Regierung und im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit geförderte Abfallprojekte gibt es in Tirana, Durrës, Korca und Saranda. In ländlichen Gegenden existiert praktisch keine geordnete Abfallentsorgung.
4. Aussichten der Wirtschaftsentwicklung
Das Investitions- und Konsumklima war Ende 2012 schlecht, nennenswerte Impulse aus dem Ausland sind in naher Zukunft nicht zu erwarten. Die Implementierung von Reformen verläuft schleppend. Der Großteil der Bevölkerung spürt die Auswirkungen der Krise und verfällt zusehends in Resignation. Vor allem junge, gut ausgebildete Albaner erwägen, auszuwandern. Vor der Parlamentswahlen am 23.6.13 sind Maßnahmen zur Verbesserungen der Lage kaum zu erwarten.
Die neue Regierung wird dringend Maßnahmen zur Energie-, Versorgungs- und Investitionssicherheit ergreifen müssen. Es werden die Steuergerechtigkeit verbessert, die Verschuldung reduziert, die Kreditproblematik gelöst sowie die Defizite in der Leistungs- und Handelsbilanz eingeschränkt werden müssen. Zu wichtigen Problemen, die angepackt werden müssen, gehören die hohe Arbeitslosigkeit, mangelnde Rechtsstaatlichkeit, ungeklärte Eigentumsfragen, Korruption, organisiertes Verbrechen, mangelhafte Infrastruktur, störungsanfällige Energieversorgung, administrative Hemmnisse und unzureichende handwerklich-technische Ausbildung.
Hoffnungen setzt die Regierung auf den Bau der Trans-Adriatic Pipeline (TAP), mit der aserbaidschanisches Erdgas durch Albanien geleitet werden soll (15%ige Beteiligung von EON). Über den Bau wird Mitte 2013 vom Betreiberkonsortium in Aserbaidschan entschieden. Eine Entscheidung für TAP wäre ein Glücksfall für Albanien, weil damit Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe und Hunderte von Arbeitsplätzen verbunden sein könnten.
Das Wasserkraftpotenzial des Landes ist nicht ausgeschöpft, wenngleich derzeit 97% des Energiebedarfs durch Wasserkraft gedeckt wird. Die Vergabe von Konzessionen für Kraftwerke ist im Gange. Das österreichisch-norwegische Projekt am Devoll - mit fast 300 MW das größte Einzelvorhaben in diesem Bereich - befindet sich noch in der Planungsphase. Auch für andere regenerative Energien besteht Potenzial. Was fehlt, sind rechtliche und ökonomische Rahmenbedingungen und Abnahmegarantien, die die Investitionen attraktiv machen würden. Über dieses Manko kann auch das zweite realisierte Großprojekt Kraftwerk Ashta I/II des österreichischen Konsortiums von Verbund und EVN nicht hinwegtäuschen.
Als kleine Wirtschaftsnation wird Albanien darauf angewiesen bleiben, Nischen zu identifizieren, in denen es über komparative Vorteile verfügt. Energie und Bodenschätze bieten sich an. Niedrige Lohnkosten, die einheitliche Ertragssteuer von 10% sowie das Potenzial für den Export von Rohstoffen bleiben wichtige Vorteile. Die Schaffung eines regionalen Marktes könnte die Attraktivität des Standortes erhöhen. Durch das Inkrafttreten des CEFTA-Abkommen ist dieses Ziel näher gerückt. Für 2013 erwarten Experten ein Wirtschaftswachstum von mehr als 2%.
5. Grundlinien der Wirtschaftspolitik
Die Wirtschaftspolitik der Regierung Berisha wies 2012 Defizite und Widersprüche auf, dennoch konnte Albanien in der derzeitigen Krise gewisse Erfolge bei der makroökonomischen Stabilisierung erreichen, mehr als vergleichbare Staaten der Region. Das geringe Wirtschaftswachstum von 0,7% (Weltbank-Schätzung) ging einher mit einer akzeptablen Inflationsrate von 3%.
5.1. Fiskalpolitik
Mit einer Gewinnsteuer von 10% und einer Mehrwertsteuer von 20% verfügt Albanien weiter über ein einfaches, neo-liberalen Standards genügendes Steuersystem. Auch aufgrund der hohen Korruption gelingt es dennoch nicht, damit ausreichend Investitionen zu generieren. Unter dem Eindruck massiver und im südosteuropäischen Vergleich auffallend hoher Schuldenlast müsste Konsolidierung des Budgets, Eindämmung der Inflation sowie Rückführung des Staatsdefizits höchste Priorität genießen. Eine konsequente Haushaltskonsolidierung wird der Regierung von internationalen Finanzinstitutionen ans Herz gelegt. Lokale Firmen und internationale Geber spüren die Zurückhaltung des Staates bei neuen Projekten oder bei der Vergabe von Staatsgarantien. Zur Finanzierung der Investitionen in die Infrastruktur ist die Regierung auf Fremdmittel angewiesen. Bemühungen, aus dem arabischen, asiatischen, nordamerikanischen und europäischen Raum Investoren zu gewinnen, sind aber mäßig erfolgreich.
5.2. Geldpolitik
Die Zentralbank betreibt weiter eine relativ umsichtige Geldpolitik und wirkt als makroökonomischer Stabilisator. Der Lek blieb 2012 gegenüber dem Euro stabil. Die albanische Währung ist nicht frei konvertierbar, der Wechselkurs flexibel, was bei der Eindämmung der Inflation und der Abfederung externer Schocks half. Dabei kommt dem Wechselkurs zugute, dass die begrenzte Integration Albaniens in die Kapitalmärkte Spekulationen mit dem Lek erschwert. Der Basiszinssatz lag Anfang 2013 nach einer Reihe von Senkungen mit 3,75% auf einem Tiefststand, um die Konjunktur anzukurbeln.
Die Regierung hat Maßnahmen im Bereich der Bankenaufsicht getroffen, welche die Banken näher an EU-Standards führen und unabhängiger von der Entwicklung der ausländischen (oft griechischen) Mutterbanken machen. Das Bankensystem ist stabil, aber Kredit werden immer zögerlicher vergeben.
5.3. Strukturpolitik
Die Strukturpolitik wird weiterhin vom Thema Restituierung von Grundstücken und anderen Wirtschaftsgütern dominiert. Die unklaren Eigentumsverhältnisse an Grund und Boden, vor allem außerhalb der Städte, bleiben neben einem schwachen Justizsystem und der damit einhergehenden Rechtsunsicherheit ein Hemmschuh für die Entwicklung des Landes.
Priorität der Regierung bleibt die Erneuerung der maroden Infrastruktur, insbesondere der Ausbau des Straßennetzes. Aushängeschild ist die 2010 eröffnete Strecke zwischen Durrës und dem Kosovo, ein Projekt von strategischer Bedeutung. Eine ähnliche Bedeutung hat die Erneuerung der Straße zwischen Tirana und dem Schwerindustriezentrum Elbasan (40 km). Die Kosten werden mit 150 Mio. Euro veranschlagt; Kredite dafür fließen aus Abu Dhabi. Gleichzeitig zeigte sich 2012, dass die Wirtschaftslage kaum die Realisierung von Projekten zulässt. Prestigevorhaben, wie der Neubau des Parlamentsgebäudes in Tirana, kamen nicht voran.


