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Kolumbien

Kaufkraft und Konsum - Kolumbien


Mittelschicht gewinnt als Kundengruppe von Bedeutung.

Bogotá (GTAI) - Die Mittelschicht macht in Kolumbien inzwischen laut Regierung 71 Prozent der Bevölkerung aus. Kaufen auf Pump ist trotz horrender Zinsen stark verbreitet.

Kaufkraft: Pro-Kopf-Einkommen könnte höher sein als angenommen

Die Einkommen sind in Kolumbien sowohl im internationalen Vergleich als auch innerhalb der Region Südamerika laut Weltbank eher gering. Sie beziffert das nationale Pro-Kopf-Einkommen ("adjusted net national income per capita") für 2016 auf 4.820 US-Dollar (US$). Damit liegt Kolumbien knapp hinter den Nachbarländern Peru und Ecuador. Spitzenreiter in der Region sind Panama (11.447 US$) sowie Chile und Argentinien mit jeweils rund 10.800 US$. Im internationalen Vergleich ordnet sich Kolumbien vor Thailand (4.490 US$) und Südafrika (4.263 US$) ein, jedoch mit einigem Abstand zu der VR China (6.309 US$) und Mexiko (6.971 US$).

Die Zahlen könnten jedoch ungenau sein, da die letzte Volkszählung Ende 2018 eine deutliche kleinere Bevölkerungszahl Kolumbiens ergab, als zuvor angenommen. So liegt die Einwohnerzahl nur bei 45,5 Millionen Personen, anstatt - wie vorher vom Statistikamt DANE geschätzt - bei 50 Millionen Personen. Die Zahlen der Weltbank zum Pro-Kopf-Einkommen basieren auf der alten Bevölkerungsschätzung und könnten daher zu niedrig sein. Aktualisierte Daten liegen noch nicht vor, Experten rechnen jedoch damit, dass das tatsächliche Pro-Kopf-Einkommen in Kolumbien ein ähnliches Niveau wie Brasilien (2016: 7.352 US$) haben könnte.

Indikatoren zur Kaufkraft in Kolumbien

Indikator 2018
Verfügbares jährliches Pro-Kopf-Einkommen (in US$) 4.820 *)
Sparquote (% vom verfügbaren Einkommen) 15,2 *)
Verbraucherpreise (Veränderung zum Vorjahr in %) 3,2
Devisenkurs COP/US$ (Jahresdurchschnitt) 2.956,55
Einwohner (in Mio.) 45,5

*) 2017

Quellen: Weltbank; Statistikamt DANE; Zentralbank Banco de la República

Kolumbien hat weltweit eine der höchsten Einkommensungleichheiten. Jedoch schließt sich die Schere allmählich. Das Nationale Planungsdepartment DNP (Departamento Nacional de Planeación) stufte 2002 noch 50 Prozent der Bevölkerung als arm ein, bis 2017 hat sich deren Anteil auf 27 Prozent reduziert. Rund 71 Prozent der Bevölkerung gehören inzwischen zur Mittelklasse. Davon ist jedoch die Hälfte gefährdet, wieder in die Armut abzurutschen. Zur Oberschicht zählen nur 2 Prozent der Bevölkerung. Das DNP rechnet Personen mit einem monatlichen Einkommen zwischen 200 US$ und 1.000 US$ zur Mittelschicht.

Die Oberschicht lebt bevorzugt in den Großstädten und besteht aus Nachfahren spanischer Einwanderer. Kolumbianer indianischen und afrikanischen Ursprungs haben noch immer ein geringes durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen. Besonders arm ist die Region der Pazifikküste. Auch die Karibikküste ist eher mittellos, holt jedoch auf. Die höchsten Einkommen werden in den Metropolen Bogotá und Medellín gezahlt. Am geringsten war die Armut 2017 in den Städten Bucaramanga und Bogotá (jeweils 12 Prozent), während in Quibdó an der Pazifikküste ein Anteil von 48 Prozent erreicht wurde.

Für deutsche Produkte ist jedoch nicht mehr nur die wohlhabende Oberschicht interessant. Insbesondere im Konsumgüterbereich stellt auch die wachsende Mittelschicht eine immer wichtigere Kundengruppe dar. So vertreibt der erst 2009 gegründete und seitdem stark gewachsene Discounter D1 eine Vielzahl kostengünstiger, deutscher Produkte, darunter eine "Nutella-Kopie", preiswerte Kosmetika sowie eine Bier-Eigenmarke.

Die rechts-konservative Regierung unter Iván Duque hat sich laut ihrem Vierjahresplan 2018-22 zum offiziellen Ziel gesetzt, weitere 4,4 Millionen Personen aus der Armut zu holen. Allerdings sprechen die konkreten Taten vorerst nicht dafür: So diskutierte die Regierung bei ihrer Finanzplanung für 2019 bereits eine stärkere Besteuerung der niedrigen Einkommensschichten sowie eine Kürzung der Strom- und Wassersubventionen. Nach Protesten in der Bevölkerung nahm Präsident Duque per Twitter rasch Abstand von den Vorhaben. Eine deutliche Verbesserung der Einkommensungleichheit darf unter ihm jedoch nicht erwartet werden.

Konsumausgaben: Wachstum von 3 Prozent erwartet

Die Konsumausgaben lagen 2017 dem Statistikamt DANE zufolge im Schnitt bei 776 US$ monatlich pro Haushalt oder rund 227 US$ pro Kopf. Ältere Zahlen liegen nicht vor. Nach Angaben des Konsumforschers Raddar betrugen die monatlichen Pro-Kopf-Ausgaben 2017 umgerechnet 1.340 US$ (höhere Einkommensschicht), 458 US$ (mittlere Schicht) und 165 US$ (untere Schicht). In den kommenden Jahren soll der Privatkonsum dank einer besseren Wirtschaftslage stetig wachsen. Für die Jahre 2019 und 2020 wird ein Plus von knapp 3 Prozent erwartet.

Struktur der Konsumausgaben pro Haushalt 1) 2017

Ausgaben pro Monat in US$ 2) Anteil (in %)
Nahrungsmittel 126 16,2
Kleidung und Schuhe 35 4,5
Wohnraum, Energie und Wasser 186 23,9
Möbel, Haushaltsgeräte 23 3,0
Medizinische Versorgung 18 2,3
Verkehr 75 9,7
Telekommunikation 27 3,5
Kultur, Freizeit 23 3,0
Bildung 81 10,4
Gastronomie, Hotels 63 8,1
Sonstige Konsumausgaben 120 15,4
Gesamt 776 100

1) durchschnittliche Haushaltsgröße: 3,3 Personen; 2) durchschnittlicher Wechselkurs von 2017: 1 US$ = 2.951 kol$

Quelle: Statistikamt DANE-Encuesta Nacional de Presupuestos de los Hogares (ENPH)

Konsumverhalten: Kauf auf Pump ist populär

Das Wachstum der mittleren Einkommensschicht hat in den letzten Jahren die Veränderung des Konsumverhaltens geprägt. Diese Bevölkerungsgruppe kann sich inzwischen Elektroprodukte, Reisen und Autos leisten - häufig jedoch auf Pump. Der Preis ist das vorherrschende Argument bei Kaufentscheidungen. Auf Qualität achtet der normale Kolumbianer eher wenig, so finden chinesische Kfz und Billig-Elektronik einen starken Absatz. Dafür spielen eine umfassende - für den deutschen Betrachter fast schon aufdringliche - Beratung beim Kauf eine wichtige Rolle.

Bei den höheren Einkommensschichten sind Marken und Service sehr wichtig bei der Kaufentscheidung, der Preis ist sekundär. Zudem lassen sich hier ähnliche Trends wie in den westlichen Industrieländern feststellen, zum Beispiel ökologische Produkte. Schönheit und Äußeres sind wichtige Attribute in der kolumbianischen Kultur und es wird entsprechend Geld dafür ausgegeben. Anfang 2019 eröffnete Louis Vuitton ein neues Geschäft im Norden Bogotás - der zweite "Global Store" des Luxusherstellers in Südamerika neben São Paulo. Auch die deutschen Unternehmen Hugo Boss, Adidas, Faber-Castell, Vapiano und Kare betreiben Niederlassungen in der Hauptstadt.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Struktur des Einzelhandels verändert. Die drei Discounter D1, Ara (Portugal) und Justo & Bueno haben den traditionellen Nachbarschaftsläden ("tiendas") Marktanteile abgeknüpft. Gemäß dem Marktforscher Nielsen mussten allein im ersten Halbjahr 2018 rund 5 Prozent der "tiendas" schließen. Dennoch erfreuen sich die Nachbarschaftsläden weiterhin großer Beliebtheit für kleinere Käufe, vor allem in den unteren Einkommensschichten. Laut Nielsen gehen die Haushalte im Schnitt jeden zweiten Tag zur "tienda", geben je Einkauf jedoch nur 0,78 US$ aus. Die Nachbarschaftsläden haben auch eine wichtige Funktion als Kneipe und sozialer Austauschpunkt. So sind Bier, Limonaden und Zigaretten die Top-Produkte in den "tiendas".

Super- und Hypermärkte werden eher von der mittleren und oberen Einkommensschicht frequentiert. Die großen Supermarktketten Éxito, Carulla, Olímpica und Jumbo beschränken sich längst nicht mehr nur auf Lebensmittel, sondern bieten auch Elektronikartikel, Haushaltsgeräte und Kleidung an. Seit 2011 breitet sich die US-Kette Pricesmart aus, die nach dem Mitgliedschaftsprinzip funktioniert und fast ausschließlich US-amerikanische Produkte vertreibt.

Der Internethandel gewinnt über Anbieter wie Mercadolibre und Linio weiter an Fahrt. Das Angebot und die Plattformen dieser Anbieter sind jedoch noch verbesserungsbedürftig. Aus diesem Grund kauften 2016 laut UNCTAD nur 6 Prozent der Bevölkerung online ein. Amazon ist in Kolumbien noch nicht vertreten. Dafür sind Lieferservices wie Domicilios.com (Tochter der deutschen Delivery Hero) und Rappi sehr populär. Hier laufen die Bestellungen über das Mobiltelefon ab.

Gerade bei Käufen von langlebigen Gebrauchsgütern wie Autos, Mobiltelefone und Fernseher spielen Finanzierungsmodelle eine wichtige Rolle. Auch Kreditkartenschulden werden häufig in mehreren Raten abbezahlt. Die Zinsen dafür sind jedoch horrend: Laut der Finanzaufsichtsbehörde (Superintendencia Financiera de Colombia) lag der Zinssatz für einen Konsumentenkredit Anfang 2019 bei 19,70 Prozent und für einen Mikrokredit bei 36,65 Prozent. Dennoch gewinnt Kaufen auf Pump an Beliebtheit. Haushalte müssen inzwischen 18,4 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für die Tilgung von Schulden aufwenden, so die Zentralbank.

Quelle: GTAI