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Spanien

Kfz-Industrie lässt den Tiefpunkt hinter sich


Aus Spaniens Kfz-Sektor kommen wieder bessere Nachrichten. Produktion und Verkäufe nehmen zu. Die spanische Regierung setzt auf eine führende Rolle beim Brennstoffzellenantrieb.

Von Oliver Idem | Madrid

Nach Lieferengpässen, Produktionsunterbrechungen und Kurzarbeit verbessert sich die Lage der spanischen Automobilindustrie wieder. Laut der Zeitung El Mundo hatten drei Viertel der Fahrzeughersteller, Händler und Werkstätten während des Alarmzustandes ab Mitte März 2020 Kurzarbeit beantragt. Nach dem Tiefpunkt im April zeigt die Tendenz wieder nach oben, allerdings deutlich unterhalb des Vorjahresniveaus.

Bei den Branchenunternehmen findet das Hilfspaket der Regierung für den Sektor ein positives Echo. Die Hauptsorge bleibt die Unsicherheit über die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in den kommenden Jahren. Ein harter Brexit könnte aufgrund der engen Verflechtung mit dem Vereinigten Königreich für höhere Kosten und mehr Formalitäten sorgen.

Produktion und Verkäufe stabilisieren sich zunehmend

Im August vermeldete der Branchenverband ANFAC, dass 90 Prozent der Mitarbeiter ihre Arbeit in den Fabriken des Landes wieder aufgenommen haben. Volkswagen Navarra arbeitet beispielsweise seit dem 24. August wieder im Dreischichtbetrieb. Das Werk kann täglich rund 1.400 Fahrzeuge herstellen. Aufgrund einer Bestellung des Mutterhauses in Wolfsburg werden im laufenden Jahr 5.000 VW Polo zusätzlich gebaut. Dafür hat das Werk die Pausenregelung geändert und 452 Zeitarbeiter bis Ende 2020 eingestellt. Neben dem Polo und dem in Europa stark nachgefragten SUV T-Cross wird in Navarra ab 2021 zusätzlich ein Crossover-Modell produziert.

Ab dem 4. Oktober arbeitet auch das PSA-Werk in Figueruelas (Zaragoza) wieder mit voller Kapazität. Der Ausstoß soll durch personelle Verstärkungen von 1.800 auf 2.200 Fahrzeuge täglich steigen. 

Kritisch sieht die Lage hingegen bei Nissan in Katalonien aus. Nach dem derzeitigen Stand wird sich das Unternehmen zum Jahresende 2021 aus seinen drei Standorten in der Provinz Barcelona zurückziehen.

Im 1. Halbjahr 2020 rollten insgesamt rund 1 Million Fahrzeuge von den Bändern. Das waren knapp 38 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Im Gesamtjahr ist ein Einbruch um 20 bis 25 Prozent zu erwarten. Das entspräche etwa 600.000 bis 700.000 Fahrzeugen weniger als 2019. Die Umsätze der Hersteller von Kfz-Teilen dürften um 20 bis 30 Prozent niedriger ausfallen.

Kaufprämien und die Auslieferung von Bestellungen aus dem Frühjahr beleben zunehmend die Verkäufe. Im Juli 2020 lag der Pkw-Absatz mit 118.000 Einheiten sogar um 1,1 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. Privatkunden waren mit plus 6,2 Prozent der Motor dieser Entwicklung vor Firmenkunden mit plus 0,7 Prozent. Die von der Tourismuskrise betroffenen Mietwagenunternehmen fuhren ihre Beschaffungen hingegen um 14,4 Prozent zurück.

Die gesamten Verkäufe der ersten sieben Monate 2020 spiegeln noch die Spuren der Krise wider. In den einzelnen Segmenten blieb der Absatz um 34 bis 43 Prozent unter dem Vorjahreswert. 

Die intensive Nutzung der Telearbeit hat auch Konsequenzen für den Automobilsektor. Auch nach dem Ende der Bewegungseinschränkungen ist das Arbeiten von zu Hause auf einem höheren Niveau als vor der Pandemie. Pendler mit Fahrzeugen nutzen diese also tendenziell deutlich weniger. Eine Untersuchung der Werkstattkette Euromaster kommt zu dem Schluss, dass sich die Wartungs- und Reparaturaktivitäten im laufenden Jahr um 20 Prozent reduzieren werden.

Außenhandel zeigte im Juni Anzeichen einer Erholung

Die Exportzahlen zeugen davon, dass wichtige Zielmärkte wie Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich selbst von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie betroffen sind. Im 1. Halbjahr 2020 fielen die Exporte von Fahrzeugen aus Spanien um 36 Prozent auf knapp 794.000 Stück. Im Juni als letztem Monat des Halbjahrs wurden jedoch nur noch 15 Prozent weniger Fahrzeuge ausgeführt als im Juni 2019.

Der Außenhandel mit Kfz und -Teilen sowie Motorrädern ergab im 1. Halbjahr 2020 einen stark gestiegenen Überschuss. Die Einfuhren brachen nämlich noch deutlicher ein als die Ausfuhren. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum betrug die Differenz rund 2,7 Milliarden Euro. Damit war der Überschuss in der Handelsbilanz dem Industrieministerium zufolge um knapp 41 Prozent höher als im 1. Halbjahr 2019. 

Die Regierung will die Wettbewerbsfähigkeit stärken und die Lieferketten durch eine bessere Logistik unterstützen. Der Impulsplan für den Automobilsektor sieht vor,  den Straßen-, Schienen- und Seefrachttransport zu stärken. Das soll sowohl der Versorgung spanischer Unternehmen als auch den Interessen der Exporteure dienen.

Der Staat setzt auf die Brennstoffzelle und SEAT auf Industrie 4.0

Um im internationalen Wettbewerb zu bestehen, sind Innovationen unverzichtbar. Auch in Spanien spielt das Thema Wasserstoff eine zunehmend wichtige Rolle. Staatssekretär Raúl Blanco sieht die Chance für eine starke Position des Landes bei Brennstoffzellen. An deren Entwicklung werde bereits gearbeitet und mit Unternehmen wie Enagas und Acciona sei die Basis für eine Pionierrolle in dieser Technologie vorhanden.

Gemäß dem Plan der Regierung sollen 2030 zwischen 150 und 200 mit Wasserstoff betriebene Busse verkehren. Hinzu kommen 5.000 bis 7.000 Fahrzeuge aus Handel und Industrie. Ein Viertel des verbrauchten Wasserstoffs soll erneuerbaren Ursprungs sein. Hinsichtlich der Infrastruktur bleibt noch viel Aufbauarbeit zu leisten. Die Zeitung El Mundo berichtete im August 2020, dass im ganzen Land noch keine öffentliche Ladestation mit 700 Bar Druck existiert.

Die Zukunft des Automobils und die künftige Produktionsweise stehen auch im Mittelpunkt einer Investition von SEAT. Das Unternehmen hat sein Entwicklungszentrum für Prototypen in Martorell um ein neues Gebäude erweitert. Dort sind alle Prozesse zur Herstellung eines zukünftigen Modells gebündelt. Mittels Anwendungen der virtuellen Realität kann die Serienproduktion simuliert werden. Für den Prototypenbau existiert ein neues 3D-Drucklabor. Das Entwicklungszentrum ist Teil des 5-Milliarden-Euro-Investitionspakets von SEAT bis 2025.

Quelle: GTAI