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Konjunktur und wichtigste Branchen


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Die wirtschaftliche Lage soll sich 2021 gegenüber dem Vorjahr wesentlich verbessern. Das Vorkrisenniveau dürfte trotzdem frühestens 2023 erreicht werden. (Stand: 4. März 2021)

Von Oliver Idem | Madrid

Hohes Wirtschaftswachstum nach tiefem Einbruch

Spanien ist von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie stärker betroffen als alle anderen 27 Mitglieder der Europäischen Union (EU). Die Europäische Kommission schätzte im Februar 2021, dass die spanische Wirtschaftsleistung 2020 um real 11 Prozent eingebrochen ist. In der Eurozone lag der reale Rückgang des Bruttoinlandsproduktes (BIP) hingegen bei 6,8 Prozent. Mit 5,6 Prozent Wachstum soll 2021 in Spanien eine Trendwende einsetzen. Auch bei einem erwarteten weiteren Zuwachs von 5,3 Prozent im Jahr 2022 wäre das Vorkrisenniveau noch nicht wieder erreicht.

In der Krise wird deutlich, wie stark Spanien von Tourismuseinnahmen abhängt. Auch die kleinteilige Struktur der Wirtschaft erweist sich als Nachteil. Kleinen Unternehmen und Selbstständigen fehlen oft die Mittel, um eine anhaltende Krise bewältigen zu können. Zudem sind sie meist auf den Inlandsmarkt angewiesen.

Schwächen des Landes wie ein geringes Produktivitätswachstum, die hohe Schulabbrecherquote und Ausbildungsdefizite treten in der Krise ebenfalls stärker hervor. Als Pluspunkte schlagen ein Digitalisierungsschub und die hohe Flexibilität der Menschen zu Buche. 

Im Jahresverlauf 2020 erwies sich die Landwirtschaft als sehr robust. Die Industrie litt kurzfristig stark unter den umfangreichen Einschränkungen und Versorgungsengpässen im Frühjahr. Ihr gelang danach ein kraftvoller Umschwung. Der Dienstleistungssektor zeigt sehr unterschiedliche Tendenzen. 

Gemessen am Tiefpunkt im Frühjahr 2020 zeigt sich in nahezu allen Zweigen eine spürbare Verbesserung. Wird jedoch das Jahr 2019 zum Vergleich herangezogen, reichen die Zahlen fast nirgendwo an dessen Niveau heran.

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Wahre Krisenfolgen werden nach dem Auslaufen der Hilfen sichtbar

Noch federn Kurzarbeit und Avale für Unternehmen einen Teil der Lasten ab. Nach dem Ende der Kurzarbeitsregelungen und wenn die Rückzahlung gewährter Hilfen ansteht, könnte sich die Krise noch einmal verschärfen. Im Februar 2021 stieg die Arbeitslosenzahl bereits erstmals seit fünf Jahren wieder auf vier Millionen Betroffene. Hinzu kamen knapp 910.000 Kurzarbeiter. Von ihnen entfiel die Hälfte auf die Gastronomie und Hotellerie.

Im 4. Quartal 2020 lag der Konsum der spanischen Haushalte um 8,3 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Die Sparneigung ist noch wesentlich stärker als in der Krise von 2008 bis 2013. Die sprunghaft gestiegene Sparquote beinhaltet allerdings auch die Chance auf Nachholeffekte nach der Pandemie.

Der Tourismus ist besonders hart getroffen. Der Branchenverband Exceltur schätzt, dass die Einnahmen des Sektors 2020 das Vorjahresresultat um 106,4 Milliarden Euro unterschritten. Das entspräche einem Einbruch des Geschäfts mit in- und ausländischen Kunden um etwa zwei Drittel. Für das schwach begonnene neue Jahr geht der Verband von 58 Milliarden Euro weniger Einnahmen aus als vor der Krise. 

Im Juni 2020 brachte die Regierung ein erstes Hilfspaket für die Branche auf den Weg, das allerdings zum Großteil aus Krediten und Darlehen zur Innovationsförderung besteht. Knapp 3,4 Milliarden Euro Kredite für den Tourismus wirkten jedoch eher wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Unternehmen aus dem Tourismussektor steht auch das Avalprogramm der Regierung offen. Ein weiteres Hilfspaket im Dezember 2020 enthielt Kredite, Mietreduzierungen und Steueraufschübe.

Schlussquartal 2020 klar unter dem Vorjahresniveau

In den Monaten Oktober bis Dezember 2020 lag die spanische Wirtschaftsleistung um 9,1 Prozent unter dem Wert des Vorjahreszeitraums. Viele Indikatoren verfehlten die Vorjahresmarke ähnlich deutlich wie drei Monate zuvor. Die Ausrüstungsinvestitionen blieben um 4,6 Prozent unter dem Niveau des 4. Quartals 2019 zurück. Bei den Bauinvestitionen betrug der Rückgang 17,5 Prozent. Die Ausfuhren verzeichneten ein Minus von 20,6 Prozent, bei den Einfuhren waren es 14,1 Prozent.

Das Haushaltsdefizit schnellte 2020 gemäß der Herbstprognose der Europäischen Kommission 2020 auf 12,2 Prozent hoch. Dazu trugen sowohl die außergewöhnlichen Kosten der Pandemie als auch fallende Einnahmen bei.

Entsprechend positiv wurde die Einigung auf das große Hilfspaket der EU vom 21. Juli  2020 aufgenommen. Auf Spanien entfallen laut einer Pressemitteilung der Regierung insgesamt rund 140 Milliarden Euro. Laut neuesten Zahlen von Januar 2021 erhält Spanien 79,8 Milliarden Euro Zuschüsse und überholt Italien knapp als größtes Empfängerland. Im Oktober 2020 stellte die Regierung einen Plan vor, wie das Geld verteilt werden soll.

Die Zielrichtung ist ein "grüneres" und digitaleres Spanien. Die Versteigerung von Fotovoltaik- und Windenergiekapazitäten im Januar 2021 wurde bereits zu einem großen Erfolg. Unternehmen boten für dreimal mehr Megawatt als verfügbar waren. Erneuerbare Energien ragten innerhalb der spanischen Volkswirtschaft bereits 2020 positiv heraus.

Export mildert die Krisenfolgen für die Automobilindustrie ab

Die Kfz- und Kfz-Teileindustrie in Spanien kommt langsam aus der Krise. Nach einem Zwischenhoch im Sommer 2020 blieben die Verkäufe im Inland zwar unter dem Niveau der Vorjahresmonate zurück. Die Wirtschaftszeitung Expansión berichtete im Dezember 2020 jedoch von einer inoffiziellen Schätzung, nach der die Neuzulassungen 2021 um 20 Prozent steigen werden. Da wichtige Zielmärkte für spanische Kfz Anfang 2021 unter massiven Einschränkungen aufgrund der Pandemie litten, ist die weitere Entwicklung der Exporte hingegen ungewiss. Im Vorjahr hatten die Ausfuhren verhindert, dass die Produktion noch stärker zurückging.

Die Bauinvestitionen lagen im 4. Quartal 2020 um 17,5 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Auf mittlere Sicht versprechen Infrastrukturprojekte und der Bedarf an mehr Wohnungen sowie Logistikgebäuden positive Zahlen. Ungeachtet der Krise nahmen 2020 die Investitionen in Einzelhandelsimmobilien stark zu. Die Investitionen in Büroflächen halbierten sich hingegen. Dennoch entstand ein Überangebot an Büroraum, das viele Eigentümer zu Preisabschlägen zwang.

Quelle: GTAI