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Spanien

Konjunktur und wichtigste Branchen


Die wirtschaftliche Lage soll sich 2021 gegenüber dem Vorjahr wesentlich verbessern. Das Vorkrisenniveau dürfte trotzdem frühestens 2023 erreicht werden. (Stand: 28. Mai 2021)

Von Oliver Idem | Madrid

Spanien war 2020 von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie stärker betroffen als alle anderen 27 Mitglieder der Europäischen Union (EU). Das Statistikamt INE errechnete für das Jahr 2020 einen Einbruch des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um real 10,8 Prozent. In der Eurozone lag der Rückgang des BIP hingegen bei 6,8 Prozent.

Eine Trendwende zeichnet sich mittlerweile immer klarer ab. In ihrer Frühjahrsprognose 2021 geht die EU-Kommission von 5,9 Prozent Zuwachs im laufenden Jahr und von plus 6,8 Prozent 2022 aus.

Zweistellige Zunahmen erwartet die Kommission 2021 für Ausrüstungsinvestitionen (12,2 Prozent) sowie Importe (11,7 Prozent) und Exporte (10,4) von Waren und Dienstleistungen. Es handelt sich dabei nicht nur um einen kurzen Nachholeffekt: Alle drei Indikatoren sollen auch 2022 auf ähnlich hohem Niveau weiter zulegen.

Im 1. Quartal 2021 blieb die spanische Wirtschaftsleistung noch um 4,3 Prozent unter dem Wert des Vorjahresquartals zurück. Erste Indikatoren verbesserten sich jedoch spürbar. So nahmen laut Statistikamt INE die Ausrüstungsinvestitionen um 4,1 Prozent zu. Der kalenderbereinigte Index der Industrieproduktion lag um 12,7 Punkte über dem Wert von März 2020.

Im April legte der Einkaufsmanagerindex sprunghaft auf 55,2 Punkte zu. Damit befand er sich im zweiten Monat in Folge wieder im Wachstumsbereich.

 

Kurzarbeit betrifft noch immer 600.000 Menschen

Noch federn Kurzarbeit und Avale für Unternehmen einen Teil der Lasten ab. Nach dem Ende der Kurzarbeitsregelungen könnte sich die Krise verschärfen. Im April 2021 waren 3,89 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Hinzu kamen circa 600.000 Kurzarbeiter. Diese stammten zumeist aus der Gastronomie und Hotellerie.

Im 1. Quartal 2021 lag der Konsum der spanischen Haushalte um 3,9 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Die Sparneigung war 2020 noch stärker ausgeprägt als in der Krise von 2008 bis 2013. Die sprunghaft gestiegene Sparquote birgt allerdings auch die Chance auf Nachholeffekte nach der Pandemie.

Licht am Ende des Tunnels für den Tourismus

Der Tourismus wurde durch die Coronakrise mit am stärksten beeinträchtigt. Der Branchenverband Exceltur schätzt, dass die Einnahmen des Sektors 2020 das Vorjahresresultat um 106,4 Milliarden Euro unterschritten. Das entspräche einem Einbruch des Geschäfts mit in- und ausländischen Kunden um etwa zwei Drittel.

Die spanische Regierung hoffte im Mai darauf, dass 2021 noch etwa 50 Prozent der Tourismuseinnahmen von 2019 generiert werden können. Nach dem Ende des Alarmzustands ist wieder Mobilität innerhalb des Landes möglich. Die Buchungszahlen schnellten bei vielen Hotels direkt in die Höhe. Ketten wie Barceló, Meliá und NH beschleunigen die Wiedereröffnung ihrer Häuser. Binnen weniger Wochen wollen allein diese drei Unternehmen mehr als hundert Hotels für Gäste zugänglich machen.

Hohe EU-Zuschüsse für die Transformation Spaniens

Aufgrund der wirtschaftlichen Verwerfungen durch die Coronakrise wurde die Einigung auf das große Hilfspaket der EU vom 21. Juli  2020 positiv aufgenommen. Auf Spanien entfallen laut einer Pressemitteilung der Regierung insgesamt rund 140 Milliarden Euro. Laut neuesten Zahlen von Januar 2021 erhält Spanien 79,8 Milliarden Euro Zuschüsse und überholt Italien knapp als größtes Empfängerland. Im Oktober 2020 stellte die Regierung einen Plan vor, wie das Geld verteilt werden soll. Die Zielrichtung ist ein "grüneres" und digitaleres Spanien.

Die Versteigerung von Fotovoltaik- und Windenergiekapazitäten im Januar 2021 verdeutlichte, dass die Energiewende bereits in vollem Gange ist. Unternehmen boten für dreimal mehr Megawatt als verfügbar waren. Erneuerbare Energien ragten innerhalb der spanischen Volkswirtschaft bereits 2020 positiv heraus. Künftig sollen sie stärker zur Eigenversorgung von Verbrauchern und zur Erzeugung von "grünem" Wasserstoff genutzt werden.

Mangel an Chips und Nachfrage belastet den Kfz-Sektor

Die Kfz- und Kfz-Teileindustrie in Spanien bewegt sich weiterhin in einem unsicheren Umfeld. Die Wirtschaftszeitung Expansión berichtete im Dezember 2020 von einer inoffiziellen Schätzung, nach der die Neuzulassungen 2021 um 20 Prozent steigen werden.

Im 1. Quartal blieben die Pkw-Verkäufe hinter dem Vergleichszeitraum 2019 jedoch um 39,3 Prozent zurück. Dafür waren vor allem Autovermietungen und Privatkunden verantwortlich. Bei Unternehmenskunden fiel der Rückgang am geringsten aus.

Nachfrageseitig leiden wichtige Zielmärkte für spanische Kfz noch unter Einschränkungen aufgrund der Pandemie. Entsprechend ist die weitere Entwicklung der Exporte ungewiss.

Auf der Produktionsseite macht sich der anhaltende Halbleitermangel bemerkbar. Volkswagen Navarra erwartet eine um 3.300 Fahrzeuge geringere Jahresproduktion. Stellantis in Figueruelas sowie Renault in Palencia und Valladolid mussten auf Kurzarbeit ausweichen.

Die Bauinvestitionen lagen im 1. Quartal 2021 um 12,5 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Im März 2021 deutete sich eine erste Belebung an. Der Zementverbrauch schnellte um 49,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat hoch. Verglichen mit dem sehr schwachen April 2020 betrug die Zunahme im April 2021 sogar 116,8 Prozent.

Infrastrukturprojekte und der Bedarf an mehr Wohnungen sowie Logistikgebäuden versprechen positive Zahlen. Die Tageszeitung El País berichtete, dass die Renovierung von Gebäuden künftig massiv staatlich gefördert werden soll. Mit der Unterstützung der EU-Hilfspakete sollen 5,8 Milliarden Euro bereitgestellt werden. Je nach Projekt können die Eigentümer Erstattungen von 35 bis 100 Prozent der Kosten erhalten.

Statt der üblichen 30.000 Sanierungen pro Jahr soll die neue Initiative für mehr als fünfmal so viel Aktivität sorgen. Die Zielmarke lautet, innerhalb von drei Jahren 500.000 Gebäude zu erneuern.

Quelle: GTAI