Die neue Arbeitsmarktsituation in der Coronakrise sorgt für Druck auf das Lohnniveau. Die Regierung hob im Februar 2020 den Mindestlohn um 5,6 Prozent an.
Von Oliver Idem | Madrid
Löhne und Gehälter
Die realen Bruttomonatslöhne in Spanien stagnierten in den vergangenen Jahren zumeist. Lediglich 2019 legten die Einkommen auch wegen der geringen Inflationsrate um 1,6 Prozent zu. Die Coronakrise beendete diese Phase und führte zu einem Anstieg der ohnehin hohen Arbeitslosigkeit sowie zu Kurzarbeit als Massenerscheinung.
Seit Mai kehren viele Arbeitnehmer an ihre Arbeitsplätze zurück und die Zahl der Kurzarbeiter sank bis Mitte August auf 880.000. Hingegen hat sich die Arbeitslosigkeit auf einem hohen Niveau eingependelt und dürfte nach dem Auslaufen der Kurzarbeitsregelungen nochmals steigen. Im Juni erreichte die Arbeitslosenquote 16 Prozent, was etwa 4 Millionen Menschen entspricht.
Infolge dieser Entwicklung verbessert sich die Verhandlungsposition der Arbeitgeber. Es stehen mehr Arbeitskräfte zur Verfügung, während das Stellenangebot geschrumpft ist. In der Hochphase der Krise zwischen Mitte März und Mitte Mai 2020 zählte der Personaldienstleister Adecco noch knapp 69.000 Stellenangebote. Die Vergleichszahl im Vorjahr hatte 233.000 betragen. Damit fiel die Zahl der Stellenanzeigen im Betrachtungszeitraum um rund 70 Prozent.
Im Mai 2020 berichtete die Zeitung El País von einer aktuellen Untersuchung, laut der 60 Prozent der befragten Unternehmen Gehaltssteigerungen einfrieren wollten. Für 49 Prozent standen Anpassungen variabler jährlicher Vergütungen auf der Agenda. Veränderungen bei Zusatzleistungen des Arbeitgebers standen bei 15 Prozent der Unternehmen im Raum und elf Prozent planten Reduzierungen von festen Gehältern.
In den neuesten verfügbaren Zahlen bildet sich bereits ein verlangsamtes Lohnwachstum ab. Dies gilt auch für die Entwicklung der Arbeitskosten und die Resultate von Tarifverhandlungen.
Im ersten Quartal 2020 flachte der Anstieg der Gehälter und Arbeitskosten laut dem Statistikamt INE ab. Von diesen drei Monaten fielen nur zwei Wochen in die Zeit des Alarmzustands, der statistische Effekt war aber deutlich. Das Durchschnittsgehalt stieg gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 0,7 Prozent auf brutto 1889,78 Euro. Die gesamten Arbeitskosten legten mit einem Zuwachs um 0,8 Prozent auf 2.570,32 Euro nahezu im Gleichschritt zu.
Nach den Tarifverhandlungen stiegen in den ersten sieben Monaten 2020 die Gehälter ebenfalls langsamer. Im Vorjahr hatte der durchschnittliche Zuwachs mit 2,3 Prozent das höchste Niveau seit acht Jahren erreicht. Zwischen Januar und Ende Juli 2020 betrug der mittlere Anstieg noch 1,9 Prozent. Dieser Zeitraum setzt sich aus zweieinhalb normalen Monaten und viereinhalb Monaten unter dem Eindruck der Pandemie zusammen.
Kurz vor der Coronakrise legte die spanische Regierung den Mindestlohn 2020 fest. Er beträgt 31,66 Euro pro Tag. Auf Monatsbasis liegt er bei 950 Euro, wobei 14 statt 12 Zahlungen üblich sind. Mit 13.300 Euro im Jahr 2020 nimmt der Mindestlohn gegenüber dem Vorjahr um 5,6 Prozent zu. Er wird von der Regierung nach Beratungen mit den Sozialpartnern festgelegt.
Die seit Anfang 2020 amtierende rot-rote Minderheitsregierung hat vor, die Arbeitsmarktreformen der konservativen Vorgänger von 2012 zu überarbeiten. Dieses Ansinnen wird insbesondere vom Linksbündnis Unidas Podemos vertreten, das auch die Arbeitsministerin stellt. Die kritische Wirtschafts- und Beschäftigungslage sorgt allerdings dafür, dass derartige Pläne erst einmal vertagt werden. Gesetzgeberische Veränderungen im Interesse der Arbeitnehmer sind in der laufenden Wahlperiode aber durchaus möglich.
Weitere Lohnbestandteile
Bei Führungskräften bestimmen variable Bestandteile immer mehr das monatliche beziehungsweise das Jahresendeinkommen. Der Firmenwagen ist im Vertrieb oder im Servicebereich selbstverständlich. Er ist zum Teil auch bei den mittleren Unternehmenshierarchien üblich, ebenso wie Geschäftshandy oder Laptop. Sehr geschätzt wird eine Krankenzusatzversicherung, die die Behandlung als Privatpatient erlaubt.
Zusatzleistungen wie Fahrkarten für den Nahverkehr, Betriebsrenten, kostenlose Betriebsaktien, Essenszuschüsse, Sozialleistungen sind üblich, unterliegen aber durch das Gesetz RDL16/2013 der Sozialversicherungspflicht.
Sozialversicherungsbeiträge
In Spanien existiert für alle Beitragsarten außer der Berufsunfallversicherung eine einzige staatliche Versicherung, die Seguridad Social. Seit 1. Januar 2020 beträgt die monatliche Beitragsbemessungsgrenze 4.070,10 Euro. Im Jahr 2020 betragen die Abgaben 37,95 Prozent des Bruttolohns. Davon entfallen 6,35 Prozent auf den Arbeitnehmer und 31,6 Prozent auf den Arbeitgeber.
Die bereits vor der Pandemie erhebliche finanzielle Schieflage der Sozialversicherung verschärfte sich durch die Belastungen der Krise. Die Verbindlichkeiten stiegen im Juni 2020 auf 68,9 Milliarden Euro. Damit waren sie 8,8 Milliarden Euro höher als im Vormonat und lagen sogar 20,2 Milliarden Euro über dem Wert des Vorjahresmonats. Die Kombination aus höheren Ausgaben und weniger Beitragszahlern setzt das System unter Druck. Noch 2019 wurden 2,6 Prozent mehr sozialversicherungspflichtig Beschäftigte gezählt als im Vorjahr. Im Juni 2020 lag ihre Zahl jedoch um 4,7 Prozent unter der des Vorjahresmonats.
Statistiken siehe Link


