Liberalisierung des Lohnsystems muss sich in der Praxis noch bewähren / Von Jan Triebel
In Belarus sind Ansätze erkennbar, die strikte Regulierung von Arbeitsmarkt und Löhnen abzuschwächen. Zu den wichtigsten Schritten in diese Richtung zählt, dass Löhne und Gehälter in Privatunternehmen inzwischen de facto frei bestimmt werden können. Denn das zuvor verpflichtende "Einheitliche Lohntarifnetz" hat seit Mitte des vergangenen Jahres nur noch empfehlenden Charakter.
Der Arbeitsmarkt unterliegt in Belarus aber nach wie vor einer starken Reglementierung von staatlicher Seite. Die Führung des Landes zählt eine niedrige Erwerbslosenquote um 1% zu den Hauptzielen ihrer Arbeitsmarktpolitik. Hintergrund ist der in Angriff genommene Umbau des Staatssektors, der die belarussische Wirtschaft nach wie vor dominiert. Die Regierung ist bemüht, hier größere Unternehmenspleiten zu verhindern, um eine Entlassungswelle zu vermeiden. Das Tempo der Restrukturierung ist daher nur sehr gering. In jüngster Zeit sind jedoch Tendenzen zu beobachten, mehr Spielraum für die Unternehmen zu schaffen.
Neben der Liberalisierung des Entlohnungssystems in Privatunternehmen zählt dazu auch die Ankündigung, Kleinbetrieben zu gestatten Arbeitskräfte einzustellen, die nicht aus dem engeren Verwandtschaftskreis des Unternehmers stammen. Die Anzahl der Lohnarbeiter dürfte jedoch erst einmal streng limitiert bleiben. Dem Vernehmen nach sollen höchstens drei "Fremd-"Arbeitskräfte pro Kleinbetrieb eingestellt werden können. Bis zur Verabschiedung der neuen Regelung darf ein Individualunternehmer lediglich bis zu drei der Familie angehörende Personen anstellen.
Der Anteil der Beschäftigung in Privatunternehmen, an denen ausländisches Kapital beteiligt ist, stieg zwischen 2000 und 2011 von 1,4 auf 5,3%. Im regionalen Vergleich erweist sich die Hauptstadt Minsk als mit Abstand attraktivster Standort für ausländische Investoren. Mit Stand 2010 vereinigten Privatunternehmen mit ausländischer Beteiligung und rein ausländische Unternehmen gemeinsam immerhin mehr als ein Zehntel aller in Minsk bestehenden Beschäftigungsverhältnisse auf sich.
Ausländische Unternehmen, die ein Engagement in Belarus planen, sollten sich auf den beträchtlichen Mangel an Fachkräften einstellen. Dieser hat sich in den letzten Jahren weiter verschärft, weshalb Experten mittlerweile die Personalsuche in so gut wie allen Branchen als ausgesprochen schwieriges Unterfangen bezeichnen. Als Ursachen gelten beispielsweise die Überalterung der Erwerbsbevölkerung, die weit verbreitete Erwerbstätigkeit in der Schattenwirtschaft und die hohe Anzahl unterbeschäftigter Arbeitskräfte in großen staatlichen Betrieben.


