Riga, 21. Juni 2011
Gemeinsame AHK-Konjunkturumfrage zu Konjunkturklima und Standortqualität:
Mittel- und Osteuropa bleibt wichtiger Partner für deutsche Unternehmen
Mittel- und Osteuropa ist nicht nur als Investitionsziel, sondern auch als Absatzmarkt ein wichtiger Partner der deutschen Wirtschaft. Nach mitunter deutlichen Rückgängen der Wirtschaftsleistung in den Krisenjahren stehen die Länder der Region an der Schwelle zum nächsten Aufschwung. Die deutschen Investoren bekennen sich daher unverändert zu ihren Standorten und sind mit ihrem wirtschaftlichen Engagement weiterhin zufrieden. Dies ist das Ergebnis einer Umfrage der deutschen Auslands-Handelskammern (AHKs) unter 943 deutschen Unternehmen in 16 Ländern Mittel- und Osteuropas.
Mittel- und Osteuropa ist neben Asien einer der wichtigsten Wachstumsmärkte für die deutsche Wirtschaft. Deutsche Unternehmen haben bis Ende 2009 fast 80 Mrd. Euro in den zehn osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten investiert. Damit entfallen auf sie bereits über 8 Prozent des gesamten Bestandes deutscher Direktinvestitionen im Ausland. Rechnet man auch die Staaten des westlichen Balkan hinzu, so ergibt sich für die Region ein deutscher Direktinvestitionsbestand von insgesamt mehr als 100 Mrd. Euro. Mit gut 10 Prozent erreicht die Region damit fast die Hälfte des Anteils der USA als wichtigstem Zielland deutscher Investitionen. Besonders auch als Handelspartner spielt Mittel- und Osteuropa eine starke Rolle für die deutsche Wirtschaft. Im vergangenen Jahr gingen mehr als 15 Prozent aller deutschen Ausfuhren in die Region. Damit ist sie für den deutschen Export fast so wichtig wie die beiden größten deutschen Handelspartner Frankreich und die USA, die zusammengenommen knapp 16 Prozent aller Ausfuhren aus Deutschland aufnehmen.
Konjunktur: Den Aufschwung vor Augen
Nach den zum Teil dramatischen Wachstumseinbrüchen 2009 sind die Länder Mittel- und Osteuropas 2010 mit wenigen Ausnahmen wieder auf den Wachstumspfad zurückgekehrt. Eine große Stütze dabei war die starke Konjunktur in Westeuropa, vor allem auch in Deutschland. Viele Länder der Region konnten davon durch eine kräftige Zunahme der Ausfuhren profitieren.
Trotz der konjunkturellen Stabilisierung in ganz Europa schätzen die deutschen Unternehmen in Mittel- und Osteuropa die Lage der Wirtschaft vor Ort aber nach wie vor eher verhalten ein. Noch immer meint fast jedes zweite Unternehmen, die gegenwärtige makroökonomische Situation sei schlecht, gerade einmal jedes siebente Unternehmen wertet die Lage als gut. Einzig in Polen, Estland, Tschechien und der Slowakei überwiegen die positiven Antworten.
Hauptgrund hierfür dürfte das bislang noch moderate Tempo des Wirtschaftswachstums sein. Bislang konnten die Volkswirtschaften die Verluste aus dem Vorjahr noch nicht wiedergutmachen, ebenso wurde bei Produktion oder Exporten das Vorkrisenniveau noch nicht wieder erreicht. Einige Länder der Region kämpfen zusätzlich mit einer sehr angespannten Lage des Haushalts. Die notwendigen Sparmaßnahmen belasten die Bevölkerung stark – und dämpfen weiterhin sowohl die Binnennachfrage als auch das BIP-Wachstum. In anderen Ländern beeinflussen Wahlen und daraus resultierende wirtschaftspolitische Richtungsänderungen die Stimmung der Unternehmen.
Die Überwindung der Folgen der Wirtschaftskrise wird daher wohl noch einige Jahre in Anspruch nehmen. Der Aufschwung dürfte aber bereits 2011 einsetzen. Im Durchschnitt aller Länder erwarten 38 Prozent der deutschen Unternehmen in Mittel- und Osteuropa eine Verbesserung der konjunkturellen Lage im laufenden Jahr. Besonders positiv sind die Erwartungen an die wirtschaftliche Entwicklung in den drei baltischen Staaten, aber auch in Polen, der Slowakei und Ungarn blicken die Unternehmen optimistisch in die Zukunft.
Noch zuversichtlicher sind die Unternehmen bei der Einschätzung ihrer eigenen Geschäftslage. Nachdem bereits im vergangenen Jahr die Mehrzahl der Befragten trotz des schwierigen gesamtwirtschaftlichen Umfelds ihre Umsätze und Gewinne konstant halten oder sogar steigern konnten, prognostizieren über 90 Prozent eine weitere Verbesserung der Geschäftslage in 2011 oder erwarten zumindest, dass sich die eigene Unternehmenssituation stabil weiterentwickelt. Am erwartungsvollsten sind dabei die Unternehmen in Estland und Albanien, aber selbst in weniger optimistischen Ländern wie Slowenien, Tschechien oder Kroatien überwiegt per Saldo die Aussicht auf eine Verbesserung.
„Mittel- und Osteuropa befindet sich 2011 an der Schwelle zum nächsten Aufschwung – nicht zuletzt aufgrund der wirtschaftlichen Dynamik in Deutschland. Das Stimmungsbarometer der deutschen Unternehmen zeigt in allen Ländern der Region nach oben. Wir freuen uns dabei natürlich besonders über die positiven Rückmeldungen in den drei baltischen Staaten“, kommentiert Maren Diale-Schellschmidt, Geschäftsführerin der Deutsch-Baltischen Handelskammer in Estland, Lettland, Litauen (AHK), die Umfrageergebnisse.
Die positiven Erwartungen spiegeln sich auch deutlich in den Investitions- und Beschäftigungsabsichten wider: Über ein Drittel der Befragten will mehr investieren und mehr Personal einstellen, rund die Hälfte werden ihren Kapital- und Personalbestand konstant halten. Die deutschen Investoren tragen dadurch spürbar zu Investitionen und Beschäftigung bei. Die positiven Wachstumsimpulse werden aber durch die eingeschränkte Verfügbarkeit von Fachkräften begrenzt. Denn sollte sich die wirtschaftliche Erholung fortsetzen, ist am Arbeitsmarkt wieder mit mehr Problemen zu rechnen. Zunehmend kritisch sehen die Firmen in fast allen Ländern der Region auch die Berufsbildungssysteme, da sie nur unzureichend in der Lage sind den Mangel an Fachkräften zu beheben. Letzterer könnte durch die vollständige Öffnung des EU-Arbeitsmarktes mittelfristig sogar noch größer werden.
Damit der Aufschwung selbsttragend wird, müssen auch noch weitere Problemfelder behoben werden. Vor allem bei den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen herrscht aus Sicht der Unternehmen noch Handlungsbedarf. Nach wie vor besteht in nahezu allen Ländern Unzufriedenheit mit den bisherigen Maßnahmen zur Bekämpfung von Korruption und Kriminalität, der Transparenz bei öffentlichen Ausschreibungen sowie der Effizienz der staatlichen Verwaltung. Bedenklich ist auch, dass die Rechtssicherheit in einigen Ländern nicht mehr als so selbstverständlich angesehen wird wie noch vor einigen Jahren.
Klare Bestätigung der Standortwahl und Investitionsentscheidung
Doch selbst wenn manche Standortfaktoren oft Anlass zur Kritik gibt: Die große Mehrheit der deutschen Investoren in Mittel- und Osteuropa steht zu ihrem jeweiligen Gastland und würde sich wieder für den gewählten Standort entscheiden. Insgesamt 76 Prozent der Befragten gaben an, dass sie ihre Investition unter heutigen Bedingungen wiederholen würden. Die positive Einstellung zum eigenen Standort ist in den meisten Ländern stark ausgeprägt. Die zufriedensten Unternehmen sitzen dabei in Estland und Polen. Der nördlichste baltische Staat erzielt in 13 der insgesamt 24 Standortkategorien die Bestnote – unter anderem im Hinblick auf Steuersystem und -verwaltung sowie die politische Stabilität.
Attraktivster Standort aus der Sicht deutscher Unternehmen ist nach wie vor Tschechien. Bereits zum sechsten Mal in Folge bekam das Land die beste Bewertung. Auch auf den nächsten drei Plätzen hat sich gegenüber dem Vorjahr nichts geändert: Rang 2 geht erneut an Polen vor Slowenien und der Slowakei. Die baltischen Staaten verbesserten sich deutlich um mehrere Plätze und kehrten auf die guten Ränge früherer Jahre zurück. Die Anstrengungen der drei Länder zur Stabilisierung der wirtschaftlichen Lage wurden mit den Plätzen 5 (Estland), 6 (Litauen) und 9 (Lettland) honoriert. Ansonsten hat es im Ranking nur wenige Veränderungen gegenüber dem Vorjahr gegeben. Am unteren Ende der Skala finden sich nach wie vor die meisten Länder des westlichen Balkan und die Republik Belarus.
Die vollständigen Ergebnisse der Umfrage sind unter www.ahk-balt.org abrufbar.
Nähere Informationen
Alexander Welscher, Information und Kommunikation, alexander(at)ahk-balt.org, Tel.: +371 67320724
Die Deutsch-Baltische Handelskammer in Estland, Lettland, Litauen ist Teil des weltweiten Netzes deutscher Auslandshandelskammern (AHKs) und als einzige internationale Handelskammer in der Region mit rund 380 Mitgliedsunternehmen über die drei baltischen Staaten organisiert.
alexander(at)ahk-balt.org
Die attraktivsten Standorte in Mittel- und Osteuropa aus der Sicht deutscher Unternehmen
|
Rang 2011 |
(Rang 2010) |
Land |
Note |
|
1 |
(1) |
Tschechien |
2,90 |
|
2 |
(2) |
Polen |
2,95 |
|
3 |
(3) |
Slowenien |
3,01 |
|
4 |
(4) |
Slowakei |
3,07 |
|
5 |
(8) |
Estland |
3,17 |
|
6 |
(10) |
Litauen |
3,36 |
|
7 |
(5) |
Kroatien |
3,37 |
|
8 |
(6) |
Russland |
3,40 |
|
9 |
(13) |
Lettland |
3,42 |
|
10 |
(7) |
Ungarn |
3,44 |
|
11 |
(9) |
Rumänien |
3,63 |
|
12 |
(11) |
Serbien |
3,67 |
|
13 |
(12) |
Bulgarien |
3,76 |
|
14 |
(14) |
Ukraine |
3,85 |
|
15 |
(15) |
Montenegro |
4,01 |
|
16 |
(16) |
Mazedonien |
4,02 |
|
17 |
(17) |
Bosnien-Herzegowina |
4,11 |
|
18 |
(18) |
Belarus |
4,48 |
|
19 |
(19) |
Albanien |
4,64 |
|
20 |
: |
Kosovo |
4,79 |
|
|
|
|
|
|
Benchmarks |
China |
2,97 |
|
|
Deutschland |
2,44 |
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Bewertungsskala
Attraktivität des Landes als Investitionsstandort: 1= Sehr gut bis 6 = sehr schlecht
Würden Sie sich heute wieder für das gewählte Land als Investitionsstandort entscheiden?
(Angaben in %)


