Beim Tag der Deutschen Wirtschaft in Almaty wurden neben den großenChancen für die deutsche Wirtschaft auch Risiken und Probleme fürdeutsche Investitionen in Kasachstan angesprochen. Auf derKooperationsbörse sächsischer und baden-württembergischer Unternehmengab es erste Gespräche mit interessierten kasachischen Firmen.Der Ballsaal des Hotels „Regent Almaty“ bot am 28. September den Rahmenzur feierlichen Eröffnung des 7. Tages der Deutschen Wirtschaft inKasachstan. Hochrangige Diplomaten, Vertreter aus der Politik und vonWirtschafsverbänden deutscher und kasachischer Nationalität sprachenüber den Stand und das Potenzial der wirtschaftlichen Beziehungen fürbeide Seiten - aber auch über Chancen und Risiken bei einerwirtschaftlichen Betätigung vor Ort. Den Reigen der offiziellenRedebeiträge eröffnete Jochen Wildenhain, der Vorsitzende des DeutschenWirtschaftsklubs. Er sprach über das bemerkenswerte EntwicklungstempoKasachstans, die positive Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungenzwischen Deutschland und Kasachstan und ihre Funktion alsStabilitätsfaktor. Für dieses Jahr prognostizierte er ein bilateralesHandelsvolumen von 3,5 Milliarden Euro. Wildenhain thematisierte aberebenso offen die Zurückhaltung deutscher Investoren in Kasachstan.Gleichzeitig sprach er von immensen Chancen für deutsches Know-How beider anstehenden Diversifizierung der kasachischen Wirtschaftsstrukturund der regionalen und sektoralen Clusterbildung undHochtechnologieförderung. „Nur ein Prozent der deutschenBruttoinvestitionen findet den Weg hierher – derzeit ist sogar eineweiter sinkende Tendenz erkennbar“, so Wildenhain. Einzig die deutscheKreditwirtschaft habe Kasachstan schon wirklich entdeckt. „DeutscheBanken stehen hier zusammengenommen für Kreditlinien von rund einerMilliarde US-Dollar zu Verfügung. Wir brauchen mehr Knauf, Siemens oderKazgermunais“, so Wildenhain. Zu Ende seines Redebeitrages stellte ereinige offene und anregende Fragen. Etwa, ob über Kasachstan inDeutschland ausreichend und ausgewogen berichtet würde, ob deutscheUnternehmer zu bequem seien, sich dem Markt hier zuzuwenden, oder obman mit dem aktuellen Stand der deutsch-kasachischenWirtschaftsbeziehungen wirklich zufrieden sein könne? Wildenhain fragteebenso in die Runde, wie Kasachstan in Zukunft Russland und Chinawirtschaftlich Paroli bieten wolle, ob die deutsche Wirtschaft imForeign Investors Council, in dem sich ausländische Investoren und diekasachische Wirtschaftselite regelmäßig austauschen, nichtunterrepräsentiert sei, warum der Flugverkehr zwischen Deutschland undKasachstan behindert werde, oder ob Risiken in Kasachstan beherschbarseien. Sachsen und Baden-Württem-berger mit DelegationenDie folgenden Redner rückten vor allem die bisherigenStabilisierungserfolge und attraktive Betätigungsmöglichkeiten fürausländische Investoren in den Vordergrund. Der ersteWirtschaftsminister Iwan Krawtschenko sprach, viele beeindruckendeZahlen ablesend, über das stabile Bankensystem und die positivenmakroökomischen Perspektiven der kasachischen Volkswirtschaft. Auchüber die Tradition der deutsch-kasachischen Wirtschaftsbeziehungen.„Neue und alte Branchen sind attraktiv für ausländische Investoren. Vorallem der Tourismus, die Transport- und Logistikbranche, aber auch derBau, die Metallurgie oder die Textilbranche. Hier bietet vor allemKnow-How- und Technologietransfer Chancen“, so Krawtschenko. NachKrawtschenkos euphorischem Redebeitrag forderte Wildenhain dasAuditorium zu Fragen auf. „Auch eine Chance, kleine Problemeanzusprechen“, so Wildenhain. Aus dem Publikum kam keine Frage.Anschließend ergriffen der Staatsseketär der sächsischenWirtschaftsdelegation, Christoph Habermann, und sein AmtskollegeHans-Dieter Frey aus Baden-Württemberg das Wort. „Die ErfolgstoryKasachstan ist auch in Sachsen angekommen“, sagte Habermann. Er betonteSachsens besonderes Know-How bei der Transformation von einerPlanwirtschaft zu einer Marktwirtschaft. Frey betonte das besondereEngagement der Firmen seines Bundeslandes in Kasachstan. „200 Firmen ausBaden-Württemberg unterhalten wirtschaftliche Kontakte nach Kasachstanund 30 sind hier vor Ort; beispielweise Bosch, DaimlerChrysler, Festooder Würth. Besondere Chancen für den süddeutschen Mittelstand eröffnetdie richtige und notwendige Diversifikationsstrategie“, so Frey. Erbetonte außerdem das Interesse seiner Investitionsagentur„Baden-Württemberg International“, in Zukunft enger mit „Kazinvest“ zukooperieren.„Der gute Kaufmann hält sein Geld nicht zu Hause, sondern auf demMarkt.“ Mit dieser Übersetzung eines kasachischen kaufmännischen Ratesbeschloss Kairat Sarybai, Botschafter Kasachstans in Berlin, seineRede. Zuvor sprach er ausführlich über die liberale Wirtschaftsordnunghier und die Chancen eines Engagements deutscher Firmen in Kasachstan.„Die vielen ehemaligen kasachischen Staatsbürger in Deutschland könntendabei eine besondere Rolle spielen“, so Sarybai. Er bezeichneteKasachstan und Deutschland als strategische Partner. Der deutscheBotschafter wartete in seiner eher von Zurückhaltung geprägten Rede miteinem kritischen Statement auf. „Das Umfeld ist kein Spaß hier“, soGebhardt Weiss.Die Aussagen der Diplomaten, die angesprochenen immensen Chancen imWirtschaftsboomland Kasachstan, aber eben auch die thematisierteZurückhaltung deutscher Firmen ist Ausdruck einer gewissenZwiespältigkeit. Politik und Verteter der Wirtschaftsverbände, dieselber kein wirtschaftliches Risiko tragen, betonten das ungenutzePotenzial der deutsch-kasachischen Wirtschaftsbeziehungen. Sie sprechenüber gute Perspektiven. Die Teilnehmer der Wirtschaft an derDelegationsreise sind ebenso fasziniert von den Profitchancen vor Ort -derzeit vor allem in der Bau- und Logistikbranche. DerWirtschaftsvertreter, der das Investitionsrisiko trägt, ist dennocheher zurückhaltend. Er tastet sich lieber erst einmal zögerlich an denkasachischen Markt heran. Dies teils auch durch die Beschäftigung vonAussiedlern, um Chancen und Risiken eines längerfristigen Engagementsauszuloten. Offizielle Delegationen und Statements allein können ebenkeine Investitionsströme lenken.Deutsche Allgemeine Zeitung 07/10/05


