Dank der florierenden Binnennachfrage rückt in Tschechien die Bauwirtschaft wieder in den Fokus. Schon 2014 war der Wert der Bauleistungen erstmals seit fünf Jahren ins Plus gedreht. Von Januar bis August 2015 kletterte das Bauvolumen um 9% gegenüber der Vorjahresperiode. Für das Gesamtjahr erwarten die Marktteilnehmer einen Zuwachs von fast 7%. Dafür spricht auch der steigende Auftragseingang. Deutsche Unternehmen haben sich für den neuen Aufschwung gut positioniert.
Tschechiens Baubranche profitiert zurzeit von mehreren Faktoren. Zum einen hat die Regierung ihre Sparpolitik aufgeweicht und steckt mehr Geld in Infrastruktur, Schulen oder Krankenhäuser. Zum anderen ist die Verbraucherstimmung dank steigender Löhne und sinkender Arbeitslosigkeit positiver. Die Privathaushalte modernisieren ihre Wohnungen, kaufen Immobilien oder bauen ein Eigenheim. Und dank der guten Wirtschaftsverfassung investieren auch die Unternehmen wieder vermehrt in neue Fabrikhallen, Lagergebäude und Produktionsanlagen.
Beim deutschen Baustoffhersteller Xella in Hrusovany bei Brno ist der Aufschwung der Baubranche angekommen. "Wir haben im Moment Schwierigkeiten, Lagerbestände aufzubauen, weil die Nachfrage so groß ist", erklärt Patrik Polakovic, Geschäftsführer für Mittel- und Osteuropa bei Xella. Das Unternehmen betreibt drei Werke in Tschechien und produziert rund 700.000 cbm Porenbeton pro Jahr. Der Umsatz soll 2015 um 9% auf 1,2 Mrd. Tschechische Kronen (Kc; rund 45 Mio. Euro) steigen. Der langen Rezessionsphase kann Manager Polakovic durchaus etwas Gutes abgewinnen. "Wir mussten unsere Produktionskosten anpassen, die Effizienz der Werke steigern und die Kunden noch mehr von den Vorteilen unserer Produkte überzeugen. Damit sind wir nun im Aufschwung bestens aufgestellt."
Xella zielt mit seinem Porenbeton in erster Linie auf den Wohnungsbau, in dem es noch viel Potenzial gibt. Erst 2014 war der Bau von Eigenheimen auf ein Mehrjahrestief gefallen. Seit 2015 geht es aufwärts. Das Statistikamt registrierte im 2. Quartal 2015 etwa 3.900 Baustarts und damit 13% mehr als im Vorjahreszeitraum. Schwerpunkte der Aktivitäten sind Mittelböhmen und Südmähren. Mehrfamilienhäuser werden vor allem in Prag gebaut. Insgesamt wurden im 1. Halbjahr 2015 rund 11.800 Wohneinheiten fertiggestellt und damit ein Zehntel mehr als im Vorjahreszeitraum.
Neue Autobahnen und Gleise quer durchs Land
Doch für eine langfristige Rückkehr der Baubranche auf den Wachstumspfad sind große Infrastrukturprojekte nötig. Die für Schnellstraßen und Autobahnen zuständige Gesellschaft RSD will 2015 die Arbeiten an 31 Streckenabschnitten mit einer Gesamtlänge von 124 km beginnen. Für die Dauerbaustelle D3, die einmal Prag und Linz verbinden soll, wurden in den vergangenen Monaten Aufträge für mehrere Teilabschnitte vergeben. Für den Ausbau der Schnellstraßen R4 (Prag-Strakonice) und R7 (Prag-Chomutov) sind PPP-Modelle geplant (Public Private Partnerships).
Beim Ausbau der Schienenwege sieht die zuständige Behörde SZDC 2015 eine Verdreifachung ihrer Investitionen auf über 40 Mrd. Kc (1,5 Mrd. Euro) vor. In Prag wurde der Bau der U-Bahn-Linie D endgültig beschlossen, die mindestens 2 Mrd. Euro kosten wird. Außerdem hat das Verkehrsministerium im Sommer eine Streckenvariante für die Bahnverbindung zwischen Hauptbahnhof und Prager Flughafen ausgewählt. Kostenpunkt: über 700 Mio. Euro.
Solche Projekte kommen ohne Tunnel und Brücken nicht aus - ein klassisches Einsatzgebiet für den Essener Baukonzern Hochtief. Erst im Frühjahr 2015 gab es einen Großauftrag zur Sanierung der Autobahn D1 südöstlich von Prag. Zurzeit renoviert das Unternehmen ein Sportstadion in Ostrava-Vitkovice und beginnt demnächst den Umbau der zentralen Prager Kläranlage auf der Kaiserinsel.
Hochtief ist das aktivste deutsche Bauunternehmen in Tschechien. Der Konzern beschäftigt rund 1.100 Mitarbeiter und betreibt einen Fuhrpark aus Baggern, Planierraupen und Kränen. Auch eine Fertigteilproduktion, Betonwerke und Eisenbiegerei für Stahlbewehrungen sowie eine Schreinerei für Restaurierungsarbeiten leistet sich Hochtief. "Bei öffentlichen Aufträgen ist solch ein Fachwissen im eigenen Unternehmen ein wichtiges Argument", so Jörg Mathew, Geschäftsführer von Hochtief CZ, den Betrieb der Schreinerei. "Denn häufig wird in der Ausschreibung verlangt, dass ein bestimmter Anteil der Arbeiten vom Unternehmen selbst zu erbringen ist."
Öffentliche Vergabeverfahren nicht immer optimal
Das Vergabeverfahren bei öffentlichen Bauprojekten ist für Mathew längst nicht optimal, "weil es einfach keine Standardausschreibungen gibt." Ob Vertragsstrafen, Zahlungsziele, vorzuweisende Sicherheiten oder Abrechnungsmodalitäten - jede öffentliche Ausschreibung habe andere Anforderungen. Hinzu kämen sehr spezielle Referenzanforderungen, "sodass viele Wettbewerber von vornherein vom Tender ausgeschlossen sind", erklärt Mathew.
Für kleinere Baufirmen wirkt sich noch eine Besonderheit negativ aus, so Vaclav Kokstein, Regionalmanager von ThyssenKrupp Bauservice in Prag: Auftraggeber behalten einen Teil der Auftragssumme ein und zahlen diese erst nach Ablauf einer Garantiezeit. Außerdem komme es häufig zu ungeplanten Mehrleistungen am Bau, die bei der Ausschreibung nicht absehbar waren und viele Projekte verzögerten, weil mit dem Auftragnehmer neu über die Bezahlung verhandelt werden müsse. ThyssenKrupp Bauservice vermietet und verkauft in Tschechien Grabenverbausysteme, Baustraßen, Rammen, Bohr- und Presstechnik, Rohrgreifer oder selbstkippende Container.
Süddeutscher Tunnelbohrer bei Plzen im Einsatz
Gerade bei komplizierten öffentlichen Bauprojekten kommt häufig deutsche Technik zum Einsatz. So kämpft sich seit Februar bei Plzen ein 114 m langer Bohrschild der Firma Herrenknecht durch das Schiefer- und Basaltgestein. Dort entsteht bis 2017 der mit über 4.100 m längste Eisenbahntunnel Tschechiens.
Anders als in Deutschland wird das Baugeschäft von großen Konzernen geprägt. Auf die zehn führenden Unternehmen entfällt fast ein Viertel der Gesamtumsätze. Dabei sind ausländische Baufirmen stark vertreten.


