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Tschechische Republik

Vor allem Tschechiens Autobranche fürchtet den Brexit


Vereinigtes Königreich ist viertwichtigster Absatzmarkt / Weniger Finanzmittel aus EU-Fonds erwartet / Von Gerit Schulze

Mit viel Sorge beobachtet Tschechien die Brexit-Entscheidung im Vereinigten Königreich. Der Inselstaat ist der viertwichtigste Absatzmarkt, ein EU-Austritt könnte die Handelsbeziehungen erschweren. Sollte die britische Wirtschaft aus dem Binnenmarkt ausscheiden, könnten sich Tschechiens Verkäufe dort deutlich verringern. Außerdem wird Prag künftig weniger Mittel aus EU-Strukturfonds bekommen.

Das Vereinigte Königreich ist der viertwichtigste Exportmarkt für tschechische Unternehmen (nach Deutschland, Slowakei und Polen). 2015 lieferten sie Waren für über 7,5 Mrd. Euro über den Ärmelkanal. Das war fast dreimal so viel wie im Jahr des tschechischen EU-Beitritts 2004. Die Zuwachsraten im Vereinigten Königreich waren zuletzt größer als bei den Exporten insgesamt. Der Überschuss im bilateralen Handel betrug 2015 über 4,1 Mrd. Euro.

Ein Brexit trifft besonders die Automobilindustrie, denn ein Drittel des Exportvolumens Richtung Großbritannien und Nordirland entfällt auf Kraftfahrzeuge und Kfz-Teile (2015: 2,27 Mrd. Euro). Für den größten Industriebetrieb in Tschechien, Skoda Auto, war das Vereinigte Königreich im Vorjahr der viertwichtigste Markt. Insgesamt wurden dort 2015 fast 75.000 Fahrzeuge mit dem Flügelpfeil verkauft, mehr als in Russland. Sollten in Zukunft wieder Handelsbarrieren errichtet werden, bleibt das nicht ohne Auswirkungen für Skoda.

Auch die Hersteller von Kfz-Teilen sehen das Ende des freien Warenflusses über den Ärmelkanal mit Sorgen. Denn die gerade erst wieder aufblühende britische Fahrzeugindustrie ist ein dankbarer Abnehmer tschechischer Komponenten.

Für andere Industriebranchen zwischen Pilsen und Ostrava sind die Brexit-Folgen nicht weniger unsicher. Neben der Fahrzeugbranche machen vor allem Hersteller von elektronischen Geräten und Maschinenbauer gute Geschäfte im Vereinigten Königreich. Für Tschechiens Pharmaindustrie war das Land zuletzt einer der attraktivsten Wachstumsmärkte. Die Arzneimittelverkäufe auf der Insel haben sich zwischen 2004 und 2015 auf über 82 Mio. Euro fast vervierzigfacht.

Unterm Strich ist die Bedeutung des scheidenden EU-Mitglieds für Tschechien aber überschaubar. Auch wenn es das viertwichtigste Exportland ist, gingen 2015 nur 5% der gesamten Ausfuhren in das Königreich. Eine Studie der Regierung in Prag hat laut Webportal Aktualne.cz errechnet, dass der Brexit den Warenaustausch mit dem Vereinigten Königreich um 6 bis 9% verringern und damit bis zu 1.600 Arbeitsplätze gefährden würde. Aktuell ist die Beschäftigungsquote in Tschechien allerdings auf einem Rekordhoch und die Arbeitslosigkeit die niedrigste in der EU.

In einem ersten Kommentar meinte Tschechiens Premierminister Bohuslav Sobotka deshalb, die Entscheidung für den Austritt bedeute nicht das Ende der Welt und nicht das Ende der EU. Er mahnte aber an, nun die Gelegenheit zu nutzen, die Europäische Union besser auf die aktuellen Herausforderungen vorzubereiten. Dazu zählt Sobotka weniger Bürokratie und mehr Rücksicht auf die Vielfalt der künftig 27 Mitgliedsstaaten. Die Tschechische Republik wolle an diesem Prozess aktiv teilnehmen.

Nach Meinung des Prager Premierministers sei die EU die bestvorstellbare Garantie für Stabilität, Frieden und Wohlstand. Das Kabinett richtet eine Arbeitsgruppe für den britischen EU-Austritt ein, die bis September erste Vorschläge vorlegen soll. Dabei geht es unter anderem um die künftigen Arbeitsbedingungen tschechischer Bürger auf dem britischen Arbeitsmarkt. Das Vereinigte Königreich ist zum Beispiel das beliebteste Ziel für tschechische Ärzte. Fast 1.300 Mediziner aus Böhmen und aus Mähren arbeiten derzeit auf der Insel.

Das größte Risiko für Tschechien sehen Experten zurzeit in der Unsicherheit an den Märkten, die sich nach dem Referendum breitmacht. Diese könnte bei den Haupthandelspartnern wie Deutschland zu einer Eintrübung der Konjunktur führen und somit auch zu weniger Nachfrage nach tschechischen Produkten.

Analysten der tschechischen Sparkasse Ceska sporitelna erwarten, dass die einheimische Wirtschaft in den nächsten zwölf Monaten um 0,6 bis 1,0 Prozentpunkte langsamer wachsen könnte als ohne die Brexit-Entscheidung. Bislang ging die Regierung für 2016 von einem Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 2,5% und für 2017 von 2,6% aus.

Außerdem dürfte die Nationalbank CNB ihre Interventionspolitik am Devisenmarkt verlängern, um dem Deflationsrisiko zu begegnen und mit der billigen Krone den Export zu unterstützen. Ursprünglich wollten die Währungshüter bereits bis Mitte 2017 die künstliche Abwertung der Tschechischen Krone beenden.

Folgen dürfte die Entscheidung der Briten auch für die Einführung des Euro in Tschechien haben. Da die Mehrheit der Bevölkerung ohnehin gegen die Gemeinschaftswährung ist, wird die Politik nach dem Brexit die Teilnahme am Wechselkursmechanismus ERM-II weiter hinauszögern. Anderenfalls bekäme die ohnehin starke Fraktion der EU-Gegner im Land weiter Auftrieb.

Wirtschaftlich sieht die Bank Ceska sporitelna Tschechien spätestens 2018 wieder zurück auf dem normalen Wachstumspfad. Dagegen befürchtet die Beratungsfirma Deloitte längerfristige Kolleteralschäden eines EU-Austritts der Briten. In einer vor der Abstimmung veröffentlichten Analyse kommt Deloitte zu dem Schluss, dass die tschechische Wirtschaft über einen längeren Zeitraum bis zu 0,23 Prozentpunkte des Bruttoinlandsproduktes verlieren könnte. Das entspräche umgerechnet fast 400 Mio. Euro pro Jahr. Die Untersuchung beruht auf der Annahme, dass die britische Volkswirtschaft durch den EU-Austritt deutlich langsamer wächst als bei einem Verbleib in der Gemeinschaft.

Nicht zu unterschätzen sind die zu erwarteten Einbußen bei Fördermitteln aus Brüssel. Im aktuellen Förderzeitraum 2014 bis 2020 kann Tschechien über 24 Mrd. Euro aus EU-Fonds abrufen. Ohne das Vereinigte Königreich als Nettozahler werden in der nächsten Förderrunde sicherlich weniger Finanzmittel verteilt.

Neben den ökonomischen Folgen sieht der Industrieverband SP CR auch politische Auswirkungen. Prag würde mit London einen wichtigen Verbündeten im Kampf gegen Überregulierung und Bürokratie in der EU verlieren. Bei einer Umfrage des tschechischen Mittelstandsverbands AMSP sagten mehr als 40% der Firmen, dass ein Brexit ihre Geschäfte negativ beeinflussen wird. Nach dem Zusammenbruch des wichtigen russischen Absatzmarktes wäre der britische Markt innerhalb kurzer Zeit die zweite große Herausforderung für Tschechiens Exportwirtschaft.

Einen positiven Aspekt vom Brexit erhofft sich die staatliche Wirtschaftsfördergesellschaft CzechInvest. Sie will nun verstärkt um Investoren werben, die das Vereinigte Königreich aufgrund des EU-Austritts verlassen oder ihre Investitionspläne dort einstellen. Derzeit sind in Tschechien rund 300 britische Firmen tätig, darunter der Mobilfunkanbieter Vodafone oder die Handelskette Tesco.

Quelle: GTAI